Nach 50 Jahren

Wiedersehen der Lehrlinge der Henschel-Flugzeugwerke: Sie hoben am Dörnberg ab

Kassel. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges war Kassel auch eine Stadt der Flugzeugbauer. Fieseler und Henschel sind die bekanntesten Firmen. Erst Anfang der 1960er-Jahre, nachdem die Alliierten die Beschränkungen für die Deutschen in der Luftfahrt aufgehoben hatten und die Bundeswehr gegründet war, wurde diese industrielle Tradition in Kassel wieder aufgegriffen.

Die Henschel Flugzeugwerke begannen im Werk Mittelfeld, Militärhubschrauber zu warten. „Damals herrschte Aufbruchstimmung“, sagt Ernst Götsch. Der 81-jährige Betriebsingenieur hat ab 1963 die ersten Lehrlinge für Henschel ausgebildet. Ein gutes Dutzend von ihnen traf er nun nach 50 Jahren im Restaurant Alt-Wehlheiden wieder.

Hervorragende Jobchancen

Junge Flugzeugmechaniker hatten damals hervorragende Jobchancen. „Es herrschte Fachkräftemangel“, erzählt Götsch. Viele Luftfahrttechniker hätten sich nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungenermaßen beruflich umorientiert. Daher habe Henschel die Ausbildung gestartet, zunächst in einer kleinen Ecke der Produktionshalle, später in einer Lehrlingswerkstatt an der Wiener Straße.

Werner Gratzer aus Gudensberg gehörte zu den Ersten, die ihre Lehre im Werk Mittelfeld begannen. Er hat das Treffen organisiert. „Das war eine vorbildliche Ausbildung“, sagt der 65-jährige Gudensberger, der sich später selbstständig gemacht hat und heute noch Flurförderfahrzeuge vertreibt. „Man wurde schon mal am Ohr gezogen. Dann hat man sich zusammengerissen“, erzählt Gratzer. Die Lehre sei „hart und konsequent gewesen“. Das vermisse er heute oft. „Wir haben eine solide technische Grundausbildung in Metallarbeit erhalten“, ergänzt sein früherer Kollege Klaus Jahnke.

Breitbandausbildung

Götsch, der später viele Jahre die Luftfahrttechnische Schule von Henschel leitete (sie gehört heute zu Eurocopter in Kassel), sorgte dafür, dass seine Schützlinge eine Breitbandausbildung erhielten: Er besorgte einen ausgedienten Düsenjäger der Bundeswehr. So kannten sich die angehenden Mechaniker später nicht nur mit Helikoptern, sondern auch mit Flugzeugen aus.

Daneben ermunterte Götsch seine Lehrlinge, Segelfliegen auf dem Dörnberg zu lernen. „Sie sollten ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig die technische Sicherheit für Piloten ist“, sagt der heute 81-Jährige. Den Luftsportverein Henschel habe er selbst initiiert. Er besteht heute noch.

Gratzer ließ sich vom Fliegen nicht locken. Er boxte lieber. Berufsschulunterricht hatten die angehenden Flugzeugtechniker zusammen mit den Kfz-Mechanikern in der Oskar-von-Miller-Schule. Für eine eigene Klasse waren sie zu wenige.

Götsch, selbst begeisterter Segelflieger und Buchautor, hat später auch viele Bundeswehrsoldaten und Flugzeugmechaniker zu Prüfern für Flugzeugmuster fortgebildet.

Von Peter Dilling

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.