Öffentliche Hand tut sich schwer mit Investitionen

Hochbau stark, Tiefbau schwach

Weit fortgeschritten: der neue Sitz des Gasgroßhändlers Wingas am Königstor. Ein Investor aus Südhessen finanziert das 20-Mio.-Euro- Objekt. Die Kasseler Firmen Emmeluth und Hermanns bauen das Haus. Fotos: Fischer

Kassel. Wo Licht ist, ist auch Schatten: Die heimische Bauwirtschaft bietet seit Jahren ein zweigeteiltes Bild.

Während sich der Hochbau infolge der guten konjunkturellen Entwicklung und der historisch niedrigen Zinsen einer sehr guten Nachfrage im Wohnungs-, Gewerbe- und Industriebau erfreut, leiden Straßen-, Brücken- und Tiefbauer seit Jahren unter der der Investitionszurückhaltung der öffentlichen Hand.

Der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Hessen-Thüringen, Dr. Burkhard Siebert, beklagt, dass „die Politik ihrer Verantwortung zum Erhalt der Infrastruktur nicht nachkommt“. Straßen, Brücken und Abwasserkanäle verfielen zusehends, „obwohl genug Geld da ist“. Nahezu alle Fernstraßenbrücken seien sanierungsbedürftig. Die öffentliche Hand investiere trotz Rekordsteuereinnahmen zu wenig, stellt auch die Vorsitzende des Verbands in der Region, Dr. Anne Fenge, fest. „Und wer lange wartet, zahlt hinterher das Doppelte“. Arbeit und Geld seien also da, nur die Aufträge fehlten. Die Folge: Eine Reihe von Tiefbauern müsse kurzarbeiten.

Ihr Kollege vom Verband baugewerblicher Unternehmen, Thilko Gerke, sieht mit Sorge, wie etwa die Kanalnetze verfielen. Größere Aufträge würden nur erteilt, wenn nichts mehr gehe. Vielfach werde nur noch „notdürftig geflickt“. Verbandsgeschäftsführer Andreas Lieberknecht macht neben den häufig klammen Haushalten vieler Kommunen auch die chronische personelle Unterbesetzung in den Bauämtern verantwortlich. Er wünscht sich nicht nur mehr Personal, sonder mehr „Bauherrenkompetenz“ in den Behörden. „Wenn ein Mitarbeiter als Bauherr fühlt und denkt, werden die Projekte schneller und kostengünstiger abgearbeitet“, sagt er.

Obwohl es im Hochbau weitgehend gut läuft, sieht Gerke in diesem Bereich noch viel Luft nach oben. Vor allem in der Stadt Kassel, die es in der Vergangenheit versäumt habe, genügend Bauland für durchschnittliche Haushalte auszuweisen. Die Folge: Viele Facharbeiter und Akademiker haben im Speckgürtel gebaut und tun es noch immer – zulasten derZuweisungen aus der Einkommensteuer an die Kommunen. Denn die richten sich nicht nach dem Arbeits-, sondern nach dem Wohnort.

Und dennoch: Die heimische Bauwirtschaft blickt zuversichtlich nach vorn. „Die Perspektiven sind gut, weil der Bedarf da ist“ sagt Fenge. Und ihr Kollege Gerke fügt hinzu: „Gebaut und saniert wird immer“. Beide werben aktiv um Nachwuchs. Denn der Bau steht von je her im harten Wettbewerb um gute Mitarbeiter mit Industrie und Dienstleistern. „Den Hacke-Schippe-Mitarbeiter gibt es kaum noch. Heute ist bei uns vor allem Köpfchen gefragt“, sagt Fenge unter Hinweis auf High-Tech-Maschinenparks und immer neue Bautechnologien. Gerke und Lieberknecht verweisen in diesem Zusammenhang auf eine gute, breit gefächerte Ausbildung, unter anderem auf einer eigenen Lehrbaustelle. Die lädt am 16. April von 8 bis 12 Uhr zum Tag der offenen Tür ins Bildungszentrum an der Falderbaumstraße in Waldau ein.

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