Blick hinter die Kulissen

Höchsteinsatz in KVG-Werkstatt in Kassel - mehr Trams fallen aus

Blick in die Werkstatt: Hier, in Bad Wilhelmshöhe, werden die Trams auf Vordermann gebracht.
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Blick in die Werkstatt: Hier, in Bad Wilhelmshöhe, werden die Trams auf Vordermann gebracht.

Die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft hat derzeit viel zu tun: Mehr Trams als gewohnt fallen aus. Das hat Folgen. Eine Bestandsaufnahme.

Kassel - Die Nachricht kam Ende August von der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft: „Unfallschäden, nicht lieferbare Ersatzteile: KVG-Werkstätten mit Sonderschichten an Abenden und Wochenenden.“ Was steckt dahinter? Ein Blick in das Innenleben des Unternehmens.

Die Ausgangslage

Es bedarf schon eines genaueren Hinsehens, um die Unterschiede festzustellen. Auf drei Tramlinien sind die Straßenbahnen derzeit nicht so unterwegs, wie sie das normalerweise tun. Hier fällt mal ein Beiwagen weg, dort wird ein Doppelzug durch einen einfachen Zug mit Beiwagen ersetzt. Das ist nicht dramatisch. Aber es deutet auf das derzeitige Problem der KVG hin. Die hat nämlich zu kämpfen, um täglich genügend Bahnen auf die Strecke zu bringen.

Dabei kommen einige Gründe zusammen: Drei Straßenbahnen fallen derzeit durch Unfallschäden länger aus, sie müssen fernab von Kassel auf Vordermann gebracht werden. Der Hintergrund ist durchaus paradox: Die Anzahl der Unfälle mit Straßenbahnen nimmt zwar ab, die Schäden an den Fahrzeugen sind aber schwerwiegender, wie Karsten Kamutzki, der Leiter des Bereichs Technischer Service, berichtet. Hinzu kommen technische Defekte, coronabedingt fehlende Ersatzteile für die üblichen Wartungs- und Sanierungsarbeiten sowie erhebliche Engpässe bei Fremdfirmen. Das branchenübergreifende Problem macht also auch vor der Bahnindustrie nicht halt.

Die Folge: Die Zahl der einsatzbereiten Straßenbahnen sinkt. Zwar hält die KVG mehr Trams vor, als sie jeden Tag auf die Strecke bringt, um die ganze Flotte am Laufen zu halten. Aber auch der Puffer wird kleiner. Zumal KVG-Chef Michael Maxelon betont: „Wir haben den Grundsatz, dass über Sicherheit bei uns nicht diskutiert wird.“ Sonderschichten in den Werkstätten helfen nun, das Problem zu beheben.

Die Arbeiten

Ein Blick in die KVG-Werkstatt des Betriebshofes in Bad Wilhelmshöhe. Es ist noch hell, obwohl die Nachtschicht bereits begonnen hat. Ins Freie lässt sich von innen kaum schauen. Die Szenerie gleicht einem Wimmelbild, auf dem es unendlich viel zu entdecken gibt: Hier eine Tram, die aufgebockt zu sein scheint, dort ein Drehgestell mit unendlich vielen Schläuchen, dort die Zwischenetagen, um überall hinzukommen, dort Regale mit Werkzeug und Ersatzteilen aller Art. Diese Regale zu bestücken, ist ein Balanceakt, um nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig bereitzuhalten.

Im Betriebshof übernachten nicht nur die Straßenbahnen, sondern hier werden sie auch gewartet und instandgesetzt. Wenn etwas kaputtgegangen ist, wird es in der Regel hier wieder repariert. Derzeit ist so viel zu tun, dass die Schichten ausgeweitet werden, Mitarbeiter zusätzlich Abend- und Nachtschichten leisten und zudem Leiharbeitnehmer und Kräfte von Fremdfirmen im Einsatz sind, um den Regelbetrieb aufrechterhalten zu können.

Um das zu gewährleisten, arbeiten alle mit Hochdruck. Das versichern mit Karsten Kamutzki und Martin Russart, der Leiter der Schienenfahrzeugwerkstatt, jene, die dafür verantwortlich sind. Das wird aber auch beim Rundgang durch die Hallen deutlich. Überall wird gewerkelt, und mitunter ist es schwer, das eigene Wort zu verstehen, weil mal wieder irgendwo geschraubt oder eine Straßenbahn ein paar Meter nach vorn oder hinten gerollt wird, um sie in Position zu bringen.

Sicherheit wird auch hier großgeschrieben – gerade in Zeiten der Pandemie. Absperrungen verhindern, dass alle kreuz und quer laufen, die Mitarbeiter tragen Maske – es sei denn, sie sind allein am Werk. Hier werden das große Ganze und die Kleinigkeiten erledigt. Auf dem Dach einer Straßenbahn sorgt ein Mitarbeiter für die richtige Abdichtung, damit kein Regen in den Innenraum gelangt, ein paar Meter weiter sind vier Kollegen mit einem Drehgestell beschäftigt, damit es wieder eingesetzt werden kann. Wieder ein paar Meter weiter kontrolliert ein Mitarbeiter in einem Unterstand, ob die Tram über ihm in Ordnung ist.

Kontrolle, Wartung, Ausbesserung – all das geschieht hier. Schließlich müssen auch die kleinen Macken des Alltags einer Straßenbahn behoben werden, um sie am nächsten Tag wieder loszuschicken. Nach dem Rundgang hat die Dämmerung längst eingesetzt. Eine Straßenbahn fährt auf den Hof. Für sie ist die Schicht beendet.

Die Aussichten

Die kleinen Einschränkungen im Betrieb der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft sollen noch bis zu den Herbstferien dauern. Bis dahin hat sich die Lage entspannt, hoffen die Verantwortlichen. Beschwerden hat es bisher laut KVG aber noch nicht gegeben. Das hat wohl auch damit zu tun, dass der Fahrplan eingehalten wird und keine Fahrt entfällt.

Das ist die Gegenwart, für die Zukunft ist schon geplant. Mit einer Investition von rund 130 Millionen Euro will die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft ihren Fuhrpark erneuern. In den nächsten Jahren sollen bis zu 40 neue Niederflurbahnen angeschafft werden. Die ersten könnten noch im laufenden Jahr bestellt werden und dann wohl 2025 zum Einsatz kommen. (Florian Hagemann)

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