Durch die Wüste und im Boot nach Europa

Höllenfahrt übers Meer: Somalier und Syrer berichten

Afrikanische Flüchtlinge in einem Schlauchboot kurz vor der italienischen Insel Lampedusa: In einem ähnlichen Boot überquerte auch Sadiq das Mittelmeer. Er wurde von der italienischen Küstenwache gerettet. Foto: dpa

Die Meldungen von Flüchtlingsdramen im Mittelmeer erschüttern die Welt. Wir haben zwei Flüchtlinge gesprochen, die diesen gefährlichen Weg gegangen sind und heute in Kassel leben.

Sadiq hat viele Menschen sterben sehen. Die Bilder dieser schrecklichen Erlebnisse holen den Asylbewerber, der in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel lebt, immer wieder ein. „Ich denke jeden Tag daran“, sagt der jünger wirkende 20-Jährige. Am schlimmsten waren die drei Tage, in denen Sadiq, zusammengepfercht mit 130 anderen Flüchtlingen, in einem kleinen Boot übers Mittelmeer trieb. Etwa 15 von ihnen, darunter auch Babys und sein Freund, seien gestorben, schildert er. Sie hatten nichts zu essen, kaum etwas zu trinken. Weil in das viel zu kleine Boot immer mehr Wasser eindrang, seien sie alle durchnässt gewesen. „Es war sehr kalt, wir haben furchtbar gefroren und hatten Todesangst“, sagt Sadiq, der bereits etwas Deutsch und auch Englisch spricht. Später, in Deutschland, wird er zwei Monate in der Lungenfachklinik Immenhausen liegen, weil er sich dabei eine schwere Lungenentzündung zugezogen hatte.

Der junge Mann aus einem kleinen somalischen Dorf überstand auch diese Höllenfahrt über das Meer. Die italienische Polizei entdeckte das hilflos treibende Flüchtlingsboot, dessen Motor längst ausgefallen war. Zwei Wochen blieb der damals 19-Jährige in einem Flüchtlingslager.

Über das Aufnahmelager in Gießen kam der schmale junge Mann Ende vergangenen Jahres nach Kassel. „Jetzt bin ich in Sicherheit und es geht mir wieder gut“, sagt er lächelnd, „hier gehe ich zur Schule, ich habe ein Zuhause und erwarte ein besseres Leben.“ Er hofft, dass er in Deutschland bleiben darf, möchte möglichst schnell Deutsch lernen und eine Arbeit finden, um auch seinen Eltern und den zwölf Geschwistern in der Heimat helfen zu können.

„Sie sind sehr arm, viele Menschen sterben, auch meine kleine Schwester ist tot“, schildert Sadiq. Wegen der anhaltenden schweren Dürre fehlt es an Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser. Seine Mutter (der Vater ist schwer krank) habe ihn weggeschickt, weil sie Angst hatte, dass er getötet werden könnte. In weiten Teilen Somalias toben Bürgerkrieg und unkontrollierte Gewalt.

Mit drei Freunden aus seinem Dorf schlug sich Sadiq über den Sudan und Tschad nach Libyen durch. Die Flucht durch die Sahara beschreibt Sadiq als Hölle, die er unterernährt und durstig fast nicht überstanden hätte. Auch in Libyen fürchteten die jungen Männer ständig um ihr Leben. Einer seiner Freunde wurde dort erschossen.

Sie versteckten sich vor der Polizei, bettelten, suchten Nahrungsmittel und kleine Gelegenheitsjobs. Für die Flucht mit dem Boot von Tripolis nach Europa aber fehlte ihnen das Geld. Das ganze Heimatdorf habe gesammelt, um ihnen zu helfen, sagt Sadiq. Er habe 700 Dollar für die Überfahrt gezahlt. Von seinen Freunden ist ihm keiner geblieben. Den dritten Jungen hat er verloren. Sadiq fürchtet, dass auch er nicht mehr lebt.

Zwei Boote schafften es nicht

Nirgendwo in Syrien ist es sicher“, sagt der 19-jährige Wahid, der gemeinsam mit seinem Vater zwei Monate lang auf der Flucht war, bevor er im August vergangenen Jahres in einem Flüchtlingsheim in Kassel aufgenommen wurde. „Wenn ich geblieben wäre, hätte ich zur Armee gemusst, aber ich will nicht töten“, nennt er einen der Gründe dafür, dass er das vom Bürgerkrieg geschüttelte Syrien verließ. Zudem sei es für palästinensische Familien wie seine besonders unsicher.

Mithilfe einer Schleuserorganisation gelangten Vater und Sohn zunächst in die Türkei, um dort Dokumente zu besorgen, anschließend über Algerien und Tunesien nach Libyen. Rund 17.000 Dollar (15.850 Euro) habe die Familie für die Odyssee der beiden bezahlt – inklusive der Überfahrt von Zuwara an der libyschen Küste nach Italien. Auf einem kleinen Kahn hätten sich 400 Menschen gedrängt. „Das Boot habe ich gar nicht gesehen, nur die Köpfe“, sagt Wahid, der gut Englisch spricht. „Das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Zwei weitere Boote seien zur gleichen Zeit gestartet, jedoch etwa auf der Hälfte der Strecke gekentert. Es habe keine Überlebenden gegeben.

Nach einem Tag sei ein italienisches Schiff gekommen und habe sie aufgenommen, aber erst nach einer Woche an Land gebracht. Auch Wahid und sein Vater lagen tagsüber in der prallen Sonne und während der kalten Nächte auf dem Hubschrauber-Deck, schildert der junge Mann. „Zweimal am Tag gab es etwas Brot und einen halben Liter Wasser am Tag“, sagt Wahid. Es hätten aber alle überlebt.

Den beiden Flüchtlingen sei es gelungen, sich in Italien der polizeilichen Erkennung zu entziehen. „Sonst nimmt einen kein anderes europäisches Land mehr auf.“ (Nach der Dublin-Verordnung ist für einen Asylbewerber stets das Land zuständig, das er zuerst betreten hat.) In Italien lebten viele Flüchtlinge auf der Straße, ohne Geld und etwas zu essen. Mitunter warteten sie Jahre, bis sie Papiere bekommen, sagt Wahid. „Da ist es fast besser in Syrien.“

Dort lebt noch seine Mutter mit drei Geschwistern. Und Wahid bangt jeden Tag, dass es ihnen gut geht. Sie hoffen, dass die Familie bald nachreisen kann. Doch dazu brauchen sie einen Termin im deutschen Konsulat im Libanon, und der sei schwierig zu bekommen, ebenso wie eine Passage über die Grenze.

Wahid und sein Vater sind dankbar, dass sie in Deutschland aufgenommen wurden. Hier lernen sie fleißig Deutsch. Und der 19-Jährige hofft, sein in Damaskus begonnenes Ingenieurstudium fortsetzen zu können.

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