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Hörsaal statt Bombenkeller: Uni Kassel nimmt ukrainische Studierende auf

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Von: Katja Rudolph

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Wissenschaftliche Mitarbeiterin Nataliya Kusa, die vor 15 Jahre aus der Ukraine an die Uni Kassel kam, und die ukrainische Studentin Dariia Melnyk auf dem Campus am Holländischen Plaltz.
Dankbar für große Hilfsbereitschaft in Kassel: Uni-Mitarbeiterin Nataliya Kusa (links) und die ukrainische Studentin Dariia Melnyk auf dem Campus. © Katja Rudolph

Die Universität Kassel schafft zum beginnenden Sommersemester zusätzliche Plätze für Studierende aus der Ukraine. Wir haben mit einer Studentin aus Kiew gesprochen, die jetzt in Kassel weiterstudieren kann.

Kassel – Vorfreude mag sich nicht so recht einstellen bei Dariia Melnyk. Die 19-Jährige aus der Ukraine beginnt in diesen Tagen ihr Studium an der Uni Kassel. „Es ist eine tolle Chance, aber ich hätte sie mir unter anderen Umständen gewünscht“, sagt sie auf Ukrainisch. Erst vor wenigen Wochen ist sie mit ihrer Mutter, ihrer Oma und dem kleinen Bruder aus der Region Kiew vor dem Krieg geflüchtet. Dort hat sie Organisationsmanagement studiert – bis Putins Truppen einmarschierten.

Dafür, dass sie so kurzfristig und unbürokratisch die Möglichkeit bekommt, hier am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften weiterzustudieren, sei sie sehr dankbar, betont Dariia Melnyk. Auf die Frage, was sie sich wünsche für das Semester, sagt sie: „Ich habe keine besonderen Erwartungen. Alles ist besser, als in einem Bombenkeller lernen zu müssen. Aber ich glaube, es mein Studium hier auch eine schöne Erfahrung werden kann.“

Nach Angaben der Universität liegen mehr als 100 Anfragen von Studierenden aus der Ukraine vor, die wegen des Kriegs ihr Studium in Kassel fortsetzen möchten. Sofern es in den jeweiligen Fachbereichen die nötigen Betreuungskapazitäten gebe, nehme man Geflüchtete zunächst für ein bis zwei Semester als Austauschstudierende auf, teilt ein Hochschulsprecher mit. Dafür sind auch zusätzliche Sprachkurse geplant.

Allein am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften haben bereits zehn ukrainische Studierende eine Zusage bekommen. Das ist auch dem Engagement von Dr. Nataliya Kusa zu verdanken. Die 36-Jährige stammt selbst aus der Ukraine, kam 2007 an die Uni Kassel und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Mikroökonomik. Sie vermittelt seit Wochen zwischen Kassel und Universitäten in Lwiw und Kiew, zu denen bereits partnerschaftliche Kontakte bestehen, damit Studierende gezielt hierher kommen und weiterstudieren können. Einige seien zum Semesterstart bereits angekommen, andere noch auf dem Weg, sagt Kusa. Die Hilfsbereitschaft an der Uni Kassel sei enorm. So hätten etwa viele Beschäftigte Wohnraum für Geflüchtete zur Verfügung gestellt. Es würden aber weitere Unterkünfte für Studierende aus der Ukraine gebraucht, sagt die ukrainischstämmige Wissenschaftlerin. „Es wäre schön, wenn sich Menschen in Kassel oder Umgebung finden, die jemanden für ein Semester aufnehmen können.“ Ideal seien möblierte Zimmer oder etwa Ferienwohnungen, da die Geflüchteten keinerlei Möbel oder sonstige Ausstattung hätten.

Die geflüchteten Studierenden hätten keinen Anspruch auf BaFöG und erhielten lediglich eine finanzielle Unterstützung nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz in Höhe von 367 Euro monatlich, ergänzt Hochschulsprecher Sebastian Mense. „Das erschwert ein Studium sehr.“ Daher hat die Uni ein Spendenkonto eingerichtet, um ukrainische Studierende zu unterstützen.

Studentin Dariia Melnyk, deren Familie nach der Flucht aus der Ukraine in Hannover untergekommen ist, hat Glück: Sie wohnt für das bevorstehende Semester einem Professor am Wirtschafts-Fachbereich. Auch ihren Computer hat ihr Vater, der zuhause in der Nähe von Kiew geblieben ist, noch schicken können. Bei der Flucht in überfüllten Zügen war an Gepäck nicht zu denken. „Wir konnten jeder nur eine Flasche Wasser und ein, zwei Wechselsachen mitnehmen“, berichtet die 19-Jährige.

Sie ist in großer Sorge um ihre Angehörigen und Freunde in der Ukraine. Sie selbst hat die ersten Wochen des Kriegs mit Bombenangriffen, langen Schlangen vor Lebensmittelläden und schrecklicher Angst noch miterlebt. Wie kann man da in Kopf und Herz bereit für ein Studium sein? „Es fällt mir schon schwer, mich zu konzentrieren“, sagt Melnyk. „Aber es muss weitergehen und ich möchte weiterstudieren. Deshalb gebe ich mir Mühe.“ (Katja Rudolph)

Spendenkonto und weitere Informationen unter dem Kurzlink zu.hna.de/ukrainehilfeuni

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