Wohnungsgesellschaften rechnen mit hohen Ausgaben

Hohe Abgaben? - Neue Trinkwasserverordnung gegen Bakterien sorgt für Wirbel

Sauberes Wasser als Ziel: Die neue Trinkwasserverordnung schreibt eine regelmäßige Untersuchung auf gefährliche Legionellen vor. Doch noch herrscht Unklarheit, welche Anlagen im einzelnen unter die Verordnung fallen. Archivfoto: Koch

Kassel. Seit dem 1. November müssen Vermieter dafür sorgen, dass Warmwasseranlagen in großen Wohnhäusern keine Brutstätten von gefährlichen Bakterien sind. Doch statt für Klarheit hat die neue Trinkwasserverordnung des Bundes für Wirbel gesorgt.

Gerade in Kraft getreten, soll sie wieder geändert werden. Statt im Jahresrhythmus soll das Wasser nun alle drei Jahre auf Legionellen untersucht werden, wie eine Sprecherin des Gesundheitsministerium in Berlin bestätigte. „Die Fristverlängerung kommt.“

Mieter müssen wohl mit höheren Nebenkosten rechnen. Die Eigentümer von großen Wohnhäusern können sich der gesetzlichen Verpflichtung nicht entziehen. Sie müssen für die Kontrollen teilweise eigene Wasser-Entnahmestellen schaffen, was viel Geld kostet. „Es ist ein Jammer“, sagt Stefan Bürger, Kasseler Geschäftsstellenleiter der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft Hessen (GWH). Etwa 80 Prozent der 5700 GWH-Wohnungen fallen nach seinen Angaben unter die Verordnung. Bürger rechnet mit Investitionkosten von 300 000 bis 500 000 Euro. Daran führe kein Weg vorbei. Im Krankheitsfall hafteten die Wohnungsgesellschaften. „Die Gefahr darf keiner eingehen.“

Die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GWG) der Stadt Kassel kalkuliert mit ähnlichen Summen. Laut GWG-Geschäftsführer Peter Ley müssen etwa 2000 Entnahmestellen geschaffen werden. Die Kosten schätzt er auf etwa 400 000 Euro, weitere 50 000 Euro fielen pro Jahr für Entnahme und Analyse der Wasserproben an. Nach seinen Angaben sind 5500 der 8800 GWG-Wohnungen betroffen. Ob die Kosten auf die Mieter umgelegt werden, ist laut Ley noch unklar. Grundsätzlich seien diese Kosten aber umlagefähig.

Info des Hessischen Sozialministeriums zur Trinkwasserverordnung

Karl-Heinz Range, Vorstandschef der Vereinigten Wohnstätten 1889 mit über 4000 Wohnungen in Kassel, spricht von einer unklaren Gesamtsituation. „Es gibt eine Menge Punkte, die nicht passen.“ Die Gesundheitsämter, bei denen die betroffenen Warmwasseranlagen gemeldet werden müssen, seien noch nicht vorbereitet. „Sie sind völlig überfordert.“ Die Vereinigten Wohnstätten wollen auf eine Empfehlung des Verbandes der Wohnungswirtschaft Südwest warten. So lange keine Klarheit herrsche, werde man keine Proben entnehmen. Die Verlängerung der Prüfintervalle auf drei Jahre führe das Ganze auch wieder ad absurdum, sagt Range. Klar sei aber, dass die zweite Miete weiter nach oben getrieben würden.

Ähnlich äußert sich Wolfram Kieselbach, Geschäftsführer des Haus- und Grundeigentümerverbandes Kassel mit 4000 Mitgliedern. „Die Eigentümer sind stark verunsichert“, sagt er. Das Gesetz lasse vieles offen. Es sei schwer zu ermitteln, welche Anlagen unter die Verordnung fielen. Kieselbach spricht von einem Schnellschuss. Es sei aber klar, dass die Kosten für die Installation der Entnahmestellen und der Analysen anteilig auf die Mieter umgelegt werden. Kieselbach spricht von 200 bis 400 Euro pro Anlage und Jahr.

Von Ellen Schwaab

Hintergrund: Labore nehmen Proben

Die neue Trinkwasserverordnung hat viele Hauseigentümer verunsichert. Beim Gesundheitsamt Kassel gingen laut Kreissprecher Harald Kühlborn seit Anfang November etliche Anrufe von Ein- und Zweifamilienhausbesitzern ein, die aber gar nicht von der Legionellen-Vorschrift betroffen sind. Sie gilt für größere Mietshäuser sowie für Hotels, Altenheime und Sportanlagen.

In Stadt und Altkreis Kassel sind vier Labore für die Untersuchung der Wasserproben zugelassen:

- Labor für Umweltanalytik, Karthäuserstr. 3A ind Kassel, Telefon 0561/7129-270, Fax 0561/7129-277

- Dr. Staber & Kollegen Kassel, Druseltalstr. 61 in Kassel, Telefon 0561/9188-0, Fax 0561/9188-199

- Kasseler Fernwärme, Zentrallabor, Dennhäuser Str. 122 in Kassel, Telefon 0561/782-4611, Fax 0561/782-4641

- Institut für Wasser-, Abwasser- und Umweltfragen Dr. Schöcke, Wattenbacher Str. 50 in Söhrewald, Telefon 05608/2088, Fax 05608/4200

Deren Eigentümer müssen nach Angaben von Jens Groh vom Hygienischen Dienst des Gesundheitsamtes Labore, die eigens dafür zugelassen sind, mit der Probenentnahme beauftragen. Der Untersuchungsbefund wird dem Auftraggeber zugestellt, der diesen innerhalb von zwei Wochen beim Gesundheitsamt vorlegen muss. Bei auffälligen Befunden wird eine Gefährdungsbeurteilung vorgenommen. „Es gibt ein abgestuftes Verfahren“, sagt Groh. Installateure würden die Anlagen begutachten und Verbesserungsvorschläge machen.

Bei einem Legionellenbefund von über 10 000 koloniebildenden Einheiten pro 100 Milliliter Wasser muss das Gesundheitsamt laut Groh ein Duschverbot erlassen. Denn die gesundheitsschädlichen Bakterien könnten über den Wassernebel eingeatmet werden und eine Lungenentzündung oder das so genannte Pontiacfieber hervorrufen, das einem grippalen Infekt gleicht. Die Warmwasseranlage müsse umgerüstet werden, damit keine Gefahr mehr von ihr ausgeht. In den Duschen müssten Sterilfilter eingesetzt werden, die vier Wochen Schutz böten und den Mietern das Duschen in der Zwischenzeit ermöglichen.

Durch Legionellen hervorgerufene Erkrankungen sind laut Groh meldepflichtig. Einmal bis dreimal pro Jahr würden solche Erkrankungen beim Gesundheitsamt Kassel gemeldet. Die Experten gehen aber von weitaus mehr Fällen aus. „Es gibt eine extrem hohe Dunkelziffer“, sagt Groh.

Warmwasseranlagen, die unter die Verordnung fallen, müssen unverzüglich dem Gesundheitsamt gemeldet werden. Gasthermen und Durchlauferhitzer in den Wohnungen sind davon nicht betroffen. Die Meldepflicht gilt seit dem 1. November. Den Eigentümern empfiehlt das Gesundheitsamt, die Anlagen vorab zu kontrollieren. Je heißer das Wasser werde, um so geringer sei die Gefahr. Bei einer Temperatur von 65 bis 70 Grad Celsius würden Legionellen abgetötet. Da sie eine gewisse Zeit zur Vermehrung benötigten, seien große Anlagen besonders gefährdet.

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