Am Holocaust-Gedenktag

Sohn des SS-Generals: Kurt Meyer über seinen Vater, den „Panzermeyer“

+
Im Dialog: Kurt Meyer umringt von den Herderschülern Anne, Lara, Pauline, Caroline, Jannik, Yannik und Lucas (von links).

Kassel. Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit. 1996 erklärte der Bundestag den 27. Januar zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Herderschule hat mit der Volkshochschule eine Gedenkstunde im Bürgersaal des Rathauses organisiert.

Nein, das war keine Pflichtübung, bei der es allgemein um Nationalsozialismus und das Gedenken ging. Da stand mit Kurt Meyer einer Rede und Antwort, dessen ganzes Erwachsenenleben sich um eine Frage dreht: Wie geht man damit um, wenn der eigene Vater ein hoch dekorierter SS-General war, ein von den Nazis gefeierter Kriegsheld, den sie ehrfurchtsvoll den Panzermeyer nannten?

Kurt Meyer junior, geboren 1945, ist der Sohn vom Panzermeyer, der ebenfalls Kurt hieß. Im voll besetzten Bürgersaal des Kasseler Rathauses berichtete er am Montag über seine Kindheit, zu der auch Besuche von freundlichen ehemaligen SS-Männern gehörten. Die halfen seiner Mutter und den Geschwistern, als der Vater in Kanada im Zuchthaus saß.

Eigentlich hatte man ihn als Kriegsverbrecher, der Gefangene erschießen ließ, zum Tode verurteilt, später aber begnadigt. Der Familie und seinem Sohn schrieb er sehr emotionale Briefe. „Wir sehen uns nicht, aber du bist bei mir“, war da zu lesen. Kaum war er aus der Gefangenschaft entlassen, übernahm er die Leitung der Hilfsgemeinschaft der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS.

Kurt Meyer junior hat sein schwieriges Verhältnis zum Vater in einem Buch verarbeitet. Der Titel „Geweint wird, wenn der Kopf ab ist“ beschreibt die Haltung des Vaters, der sich bis zu seinem Tod im Jahr 1961 für die Rehabilitierung der Waffen-SS eingesetzt hat.

Bei der Veranstaltung im Bürgersaal hörten etwa 150 Herderschüler sowie 50 weitere Gäste zunächst gebannt zu und hatten dann Gelegenheit, Fragen zu stellen. Darauf hatten sich die Klassen 12 und 13 intensiv vorbereitet und auch die Gedenkveranstaltung gemeinsam mit der Volkshochschule organisiert. Oberbürgermeister Bertram Hilgen sicherte der Schule zu, dass sie den Bürgersaal auch in den nächsten Jahren am Holocaust-Gedenktag nutzen kann.

Bis heute seien die kriegsverherrlichenden Erinnerungen seines Vaters als Buch weit verbreitet, sagte Meyer. Er habe bis zu seinem 50. Lebensjahr gebraucht, sich dieser Sicht der Dinge und seiner Beziehung zum Vater zu stellen. Seine Mutter habe dafür kein Verständnis gehabt. Sein Buch habe sie als Verrat aufgefasst.

Kurt Meyer hat mit seiner sehr persönlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus die Schüler erreicht. Er habe die Menschen von damals nie pauschal verurteilt, machte er deutlich. Gleichzeitig habe er großen Respekt vor denjenigen, die sich der Nazi-Ideologie verweigert hätten. Vor den Gefahren einer kollektiven Verführung müsse man auch heute warnen. Der Gedenktag sei dafür ein guter Anlass.

Von Thomas Siemon

Zur Person

Kurt Meyer wurde 1945 in Ludwigslust in Mecklenburg geboren. In der Nachkriegszeit zog die Familie mehrfach um. Seine schulische Heimat fand Meyer 1961 im Internat Herrmann-Lietz-Schule Schloss Bieberstein bei Fulda. Ab 1966 studierte er Deutsch, Geschichte. 1971 machte er Examen und heiratete Brigitte Christ. Er war Lehrer an der Jacob-Grimm-Schule in Rotenburg, Lehrerausbilder am Studienseminar Kassel und hat fünf Jahre in Bogotà (Kolumbien) verbracht. Meyer hat drei Kinder und drei Enkel. (tos)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.