Humorexpertin Eva Ullmann: "Das Klischee des unlustigen Deutschen stimmt nicht mehr"

Wer Humor hat, wird nicht so leicht bekloppt und ist erfolgreicher

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Lachen kann eine befreiende Wirkung haben – auch bei heiklen Themen wie Sexismus am Arbeitsplatz: Karikatur von Freimut Wössner aus der Ausstellung „Deutschland dreht durch. 70 Jahre Grundgesetz. Cartoons zur Lage der Nation“, die am 24. Mai in der Kasseler Caricatura eröffnet wird.

Humorvolle Menschen haben es im Alltag leichter und sind im Beruf erfolgreicher, heißt es. Aber stimmt das? Die Humorexpertin Eva Ullmann hat für jeden nützliche Tipps.

Eva Ullmann bringt selbst todernste Manager dazu, Witze zu erzählen. Die Humorexpertin hat in Leipzig das Deutsche Institut für Humor gegründet und ist als Rednerin sowie Trainerin erfolgreich. In der Reihe „Zentrum Wissen“ erklärt sie unseren Lesern am 23. Mai in der Kasseler EAM-Zentrale, wie man Humor im Alltag nutzen kann. Wir haben mit der 40-Jährigen gesprochen.

Ein Kollege arbeitet in einer Redaktion, in der gerade acht Mitarbeiter gekündigt haben, weil es keine Perspektive mehr für sie gibt. Kennen Sie einen guten Witz, damit dort wieder gelacht wird?

Ich bin keine gute Witze-Erzählerin, aber in solchen Notsituationen wird Humor oft zynisch, hart und sarkastisch. Das hat eine gute Funktion. Denn nur so kann man extreme Situationen bewältigen. Dabei sind zwei Fragen wichtig: Wer macht den Witz? Und was ist das Ziel? Wenn zum Beispiel einem Patienten nach einer Operation im Krankenhaus das Wasserglas runterfällt, weil er es noch nicht gut halten kann, kann der Arzt sagen: „Sie können aber gut loslassen.“ Das wäre liebevoll. Er kann aber auch hart sagen: „In Ihrem Alter kann man das Wasser nicht mehr so gut halten.“

Machen die Betroffenen selbst Witze, kann dieser Galgenhumor also eine befreiende Wirkung haben, die einen stärkt.

Total. Humor hat zwei grundlegende Funktionen. Sie kann Nähe und Distanz herstellen. Wenn acht Leute in kurzer Zeit das Unternehmen verlassen, ist ein distanzierender Humor gesund, um nicht völlig bekloppt zu werden. Wenn ich aber der bin, der die Leute entlässt, würde ich nicht mit aggressivem und abwertendem Humor arbeiten. Dann muss ich als Führungskraft einen liebevollen Humor benutzen.

Hat man es mit Humor im Alltag tatsächlich leichter?

Ja. Da Humor ganz oft die Perspektive wechselt, macht er das Leben leichter. Wenn ich in einen Fahrstuhl einsteige und jemand fragt, ob ich nach oben fahre, kann ich sagen: „Nee, heute fahre ich zur Seite.“ In der Regel lachen dann alle, und es entsteht im Fahrstuhl eine Entspanntheit. Auf der anderen Seite finde ich nichts anstrengender als Kollegen, die über alles einen Witz machen – selbst wenn ich mit ihnen einen Konflikt klären möchte.

Es kommt auf das richtige Maß an.

Ein Glas Wein am Abend zu trinken, ist etwas anderes, als wenn ich bereits morgen mit einer Tetra-Packung Wein anfange. Humor macht dann den Alltag leichter, wenn ich ihn in der richtigen Dosis anwende.

Sie sagen, jeder Mensch habe Humor. Ich kenne aber einige Leute, die komplett humorfrei sind.

Diese Menschen haben wahrscheinlich nicht Ihren Humor, aber dass sie gar keinen haben, wage ich zu bezweifeln. Manchmal hat auch jemand einen Humor, der nicht sehr gruppenkompatibel ist. Er lacht zum Beispiel eher über sehr skurrile Filme. Es gibt sehr unterschiedliche Humorgeschmäcker.

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Wie wird man eigentlich Humorexpertin?

Ich habe meine Abschlussarbeit als Sozialpädagogin über Humor in der Therapie geschrieben. Das fand ich so spannend, dass ich Vorträge gehalten habe. Ich bin aber keine Kabarettistin. Meinen Zuhörern nützt es nichts, wenn ich acht Stunden Witze erzähle. Es geht nicht darum, dass ich die Lustigste bin. Die Leute sollen mit ihrem Humor nachher mehr machen können als vorher.

Trotzdem wollen sicher viele Menschen von Ihnen einen Witz hören.

Manche haben tatsächlich diffuse Erwartungen. Sie denken, dass wir im Institut für Humor Witze in der Petrischale testen. Es braucht ja auch keine Humorexpertin. Das Land würde auch leben, wenn es uns nicht gäbe. Es ist ein Luxus, den man sich leistet und der das Leben leichter macht, weil man Probleme anders lösen kann.

Unter anderem bringen Sie Managern das Lachen bei. Wie lernt man das?

Zunächst einmal schaue ich, welche Erfahrungen die Führungskräfte mit Humor haben. Einige Chefs sind spritziger, andere nutzen Humor gar nicht. Dabei bietet er einige Vorteile: Er kann die Aufmerksamkeit steigern, Spannungen reduzieren, Stress aus Situationen nehmen.

Was bringt das ganz konkret im Alltag?

Humor kann selbst bei ganz banalen Dingen helfen. Ein Busfahrer sagt zum Beispiel 200 Mal am Tag: „Gehen Sie bitte nach hinten durch.“ Oft bleiben die Menschen trotzdem vorn stehen. Da hilft eine Ansage wie: „Alle Passagiere mit sauberer Wäsche nach hinten durchgehen.“ Schon bewegen sich die Menschen aufgrund einer veränderten Formulierung. Manchmal ist auch harte Ironie hilfreich. Fragt mich zum Beispiel jemand, ob ich nicht zu jung für den Job sei, kann ich kontern: „Sind Sie nicht ein bisschen zu alt für diese Frage?“ Man kann nicht pauschal sagen, dass ein bestimmter Humor immer gut ist.

Laut Studien lachen die Deutschen immer weniger.

Das  Klischee des unlustigen Deutschen stimmt nicht mehr. Früher hieß es oft: Zunächst die Arbeit, lustig werden darf es erst anschließend beim Essen. Aber mittlerweile erwarten viele Menschen auch am Arbeitsplatz mehr Leichtigkeit und von der Führung Humor. Ich erlebe, dass in Unternehmen viel gelacht wird.

Im Berufsalltag empfehlen Sie die Übertreibung, weil sie einfacher verstanden wird als Ironie. Was aber ist die Pingpong-Technik?

Dabei spielt man mit etwas, das einem jemand anbietet. Stellen Sie sich vor: Sie warten an einer Fußgängerampel, auf der steht: „Fußgänger bitte drücken.“ Dann nehmen Sie sich einen Fußgänger und drücken den. Schlagfertigkeit in Situationen zu benutzen, die erst einmal humorlos sind, das ist wie Pingpong-Spielen. Dazu muss man keine 20 Witze vorbereitet haben. Stattdessen übertreibt man, ist ironisch, behauptet das Gegenteil von dem, was gerade stattfindet, oder bringt Dinge zusammen, die nicht zusammengehören.

Wie vorsichtig sollte man mit Ironie sein?

Im schriftlichen Verkehr sehr. Journalisten sagen gern, dass Ironie in Texten nicht funktioniert, weil man die Körpersprache dazu nicht sieht. Sitzt man dagegen mit Leuten in einem Raum, ist es leichter, Ironie zu verstehen.

Stimmt es, dass humorvolle Menschen im Beruf erfolgreicher sind?

Es kommt darauf an. Für eine Studie wurde der Humoreinsatz von Führungskräften untersucht. Demnach können Menschen, die ein hohes Strukturbedürfnis haben und viel Wert auf eine Hierarchie legen, mit einem humorvollen Chef weniger anfangen als andere. Sie brauchen klare Ansagen und weniger Humor. Humor macht das Leben nur leichter, wenn es Humor ist, den die Menschen gut finden. Ziehe ich Sie ständig durch den Kakao, tut Ihnen Humor nicht gut. Schauen Sie sich eine Komödie an, die Sie scheiße finden, nützt Ihnen auch der Humor nichts.

Wenn der Chef einen unlustigen Witz erzählt, kann das unangenehm sein. Wie kann man da reagieren?

Ich sage in solchen Momenten: „Ich finde, das war ein charmanter Witz. Man müsste ihn noch ein bisschen besser erzählen.“ Irgendjemand muss dem Vorgesetzten sagen, dass seine Witze anstrengend sind.

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Expertenreihe Zentrum Wissen

Die Veranstaltungen der Expertenreihe Zentrum Wissen finden in der Kasseler EAM-Zentrale (Monteverdistr. 2) statt (jeweils 19.30 Uhr).

  • 23. Mai: Hurra ein Problem!“ Humor als Kraftquelle im Alltag (Eva Ullmann, Humor-Expertin)
  • 27. Juni: Abenteuer Veränderung – Aufbruch, Motivation, Wachstum (Cristián Gálvez, Persönlichkeitstrainer)
  • 29. August: Die Strategien der Profi-Piloten. Sicher entscheiden in turbulenten Zeiten. (Philip Keil, Berufspilot und Autor)
  • 26. September: Klarheit. Wissen, was zählt – und darüber reden (René Borbonus, Rhetorikspezialist)
  • 29. Oktober: Lebenskraft statt Burnout. Prävention statt Therapie (Slatco Sterzenbach, Extremsportler und Autor)
  • 21. November: Empathie. Fundament haltbarer Beziehungen (Mahsa Amoudadashi, Wirtschaftspsychologin)

Karten für 59 Euro (Abonnenten: 49 Euro) unter 0561/203-204, www.sprecherhaus.de

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