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Hier wird gestrullert und gebrochen: Anwohner der Feiermeile protestieren gegen Party-Mob

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Von: Matthias Lohr

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An einem Haus auf Kassels Feiermeile haben Anwohner aus Protest gegen den Party-Mob ein Straßenschild mit kreativem Namen befestigt.
An einem Haus auf Kassels Feiermeile haben Anwohner aus Protest gegen den Party-Mob ein Straßenschild mit kreativem Namen befestigt. © Matthias Lohr

Anwohner der Friedrich-Ebert-Straße sind immer mehr geplagt von Dreck und Lärm auf Kassels Party-Meile. Nun protestiert ein Paar mit einem witzigen Schild.

Kassel – Eigentlich ist Annette Wagner aus Kassel nicht mehr zum Lachen zumute. Vor einem Jahr zog sie mit ihrem Lebensgefährten auf die Feiermeile der Friedrich-Ebert-Straße, wo Anwohner seit Langem über Lärm und Müll der Party-Gäste klagen.

„Wir wussten, auf was wir uns einlassen“, sagt Wagner, die anders heißt, ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen will, da das Thema, um das es geht, heikel ist. Wie viele Anwohner ist sie genervt: „Es ist nicht schön, morgens die Kotze von anderen wegzumachen.“

Mit lustigem Schild: Anwohner taufen Kassels Feiermeile aus Protest um

Darum hat die 53-Jährige mit ihrem Partner nun ein lustiges Straßenschild an die hintere Wand des Hauses angebracht, in der auch der Club 22 residiert. Der Teil der hinter dem Haus verlaufenden Friedrich-Ebert-Straße heißt nun „Struller-Brech-Gasse“.

Es ist ein verzweifelter Protest gegen jene Feiernden, die vor allem an den Wochenenden hier pinkeln, sich übergeben und noch mehr Dinge tun, von denen man sich im Quartier belästigt fühlt. „Wir hätten auch Kiffen und Dealen draufschreiben können. Das Schild ist unsere Art von Humor“, sagt Wagner.

Kassel: Viele Anwohner können Party-Mob auf Feiermeile nicht mehr ertragen

Seitdem das Paar vor einer Woche die Straße umbenannte, hätten sich viele köstlich amüsiert. Auch bei den Lesern unseres Tagebuchs, wo wir das Schild zeigten, kam der Streich gut an. Dabei ist die Sache wirklich ernst. Mittlerweile ziehen selbst langjährige Anwohner weg, weil sie den Party-Hotspot nicht mehr ertragen können.

In den Ortsbeiräten Vorderer Westen und Mitte wurde zuletzt ein ganzer Maßnahmenkatalog diskutiert, der die Situation verbessern soll – etwa mehr Licht und zusätzliche Müllbehälter sowie eine erhöhte Präsenz der Stadtpolizei.

Wegen Party-Mob: Anwohner von Kassels Partymeile flüchtet jedes Wochenende

Anwohner Walter Becker glaubt nicht, dass all das etwas bringen wird. Dem 72-Jährigen haben wir ebenfalls einen anderen Namen gegeben. Er will nicht in den Fokus des Party-Mobs geraten. Eigentlich wohnte er an der Beckett-Anlage: „Schon da haben uns nächtliche Exzesse vertrieben.“

Nachdem es während der Pandemie auf der Meile ruhiger war, sei es nun schlimmer denn je. Seit Monaten flüchtet Becker an den Wochenenden in eine entfernte Zweitwohnung. Er hat beobachtet, dass rund um den Platz der elf Frauen eine ganz andere Klientel unterwegs ist als in den Discos und Kneipen: „Denen sind die Clubs zu teuer. Ihre Getränke laden die hier kistenweise aus Autos ab.“

Club-Betreiber: Party-Mob auf Kassels Partymeile zunehmend rücksichtsloser

Ähnlich sieht das Karl Börries. Der Betreiber des Club 22 sagte uns zuletzt: „Über die Leute, über die sich die Anwohner beschweren, beschweren wir uns auch. Das sind nicht unsere Gäste. Die holen sich die Getränke im Späti, bringen ihre Bluetooth-Lautsprecher mit und nutzen die Fritze nur als Location.“

Becker hat keine Hoffnung mehr, dass sich die Situation bessert. Für ihn steht der Konflikt an der Meile für ein gesellschaftliches Problem: „Es gibt eine zunehmende Rücksichtslosigkeit. Jeder will nur noch seinen eigenen Spaß.“ Das Schild hingegen ist ein Spaß, der niemandem wehtut. (Matthias Lohr)

Weil ihnen die Mieter wegen des Lärms auf der Feiermeile weglaufen, beklagen sich in Kassel derzeit Hausbesitzer.

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