1. Startseite
  2. Kassel

Hunde im Büro: Wenn der Arbeitskollege im Körbchen ruht

Erstellt:

Von: Axel Schwarz

Kommentare

Pflegeleichte Bürogenossin: Kita-Leiter Carsten Rohrberg mit Hundeseniorin Boca (14 Jahre).
Pflegeleichte Bürogenossin: Kita-Leiter Carsten Rohrberg mit Hundeseniorin Boca (14 Jahre). © Andreas Fischer

Darf der Hund mit an die Arbeit? Seit der Homeoffice-Zeit gewinnt das Thema an Bedeutung. Wir haben uns in Kasseler Unternehmen umgehört.

Kassel – Wer das Versicherungsbüro Wild & Partner in Kassel betritt, macht sogleich Bekanntschaft mit einer neugierig-freundlichen schokobraunen Schnauze. Labrador Bruno ergänzt als Bürohund und Empfangschef das achtköpfige Team. Das sieben Monate alte Energiebündel sei der Star bei Mitarbeitenden und Liebling fast aller Kunden, berichten Brunos Besitzer Isabella Flatzek und Alexander Wild, die auch die Chefs im Büro sind.

Abgesehen von ihrer persönlichen Hunde-Affinität wirke sich Bruno in vielerlei Hinsicht positiv auf den Arbeitsalltag aus, erzählen sie: Wenn es mal stressig sei oder Konflikte drohten, verschaffe die Nähe zum Hund „Momente zum Durchatmen“, sagt Isabella Flatzek: „Man lächelt automatisch, wenn man Bruno sieht.“

Alexander Wild hebt das „gemeinsame Verantwortungsgefühl“ der Mitarbeitenden hervor, wenn es ums kurze Gassigehen oder um Hundeerziehungsfragen geht. Kollege Hund ist demnach auch eine Trumpfkarte fürs Teambuilding – und einer, der „nie schlechte Laune“ habe.

Teammitglied auf vier Pfoten: Im Versicherungsbüro von Isabella Flatzek und Alexander Wild hat Labrador-Retriever Bruno als Bürohund und informeller Empfangschef seinen festen Platz im Arbeitsgefüge.
Teammitglied auf vier Pfoten: Im Versicherungsbüro von Isabella Flatzek und Alexander Wild hat Labrador-Retriever Bruno als Bürohund und informeller Empfangschef seinen festen Platz im Arbeitsgefüge. © Mario Zgoll/nh

Was sich bei Freiberuflern und kleinen, familiären Betrieben leicht bewerkstelligen lässt, bringt in großen Organisationen einigen Regelungsbedarf mit sich. In den Homeoffice-Zeiten der Pandemie hatten es viele Hundehalter relativ leicht, neben Job-Verpflichtungen den Bedürfnissen ihres Vierbeiners gerecht zu werden. In dem Maße, wie es jetzt wieder zurück in die Betriebe geht, entstehen neue Fragen und Anforderungen an die Arbeitswelt.

Viele Vorgesetzte stehen dem Thema reserviert gegenüber, da manche Kunden und Kollegen Furcht vor Hunden haben oder auf sie allergisch reagieren. Bei den Dienststellen der Stadtverwaltung Kassel seien „Bürgerkontakte mehrfach täglich der Regelfall“, teilte ein Rathaussprecher auf Anfrage mit: „Dieser Umstand bedingt bereits, dass Hunde und andere Haustiere in aller Regel nicht an den Arbeitsplatz mitgebracht werden können.“ Auf Personalratsebene seien zu dem Thema derzeit keine Regelungen definiert, so der Sprecher.

Carsten Rohrberg hat die Sache individuell mit seinem Arbeitgeber, dem Evangelischen Stadtkirchenkreis, regeln können. Der Leiter der Evangelischen Kita Fasanenhof darf seine Mischlingshündin Boca mit zur Arbeit bringen. Bis auf eine Gassirunde zur Mittagszeit verschlafe die betagte Hundedame praktisch den ganzen Arbeitstag im Körbchen unter dem Schreibtisch. „Man merkt fast gar nicht, dass sie da ist“, berichtet Rohrbergs Vize und Bürogenosse Dominik Lohne. Rohrberg schätzt die Möglichkeit, die Aufgaben seines Jobs und die Hundebetreuung unter einen Hut bringen zu können. Auf Kita-Kinder und Eltern, die gelegentlich im Büro vorbeikommen, reagiere Boca „sehr entspannt“. Und allein die Anwesenheit des Hundes wirke sich positiv aus, wenn mal ein weinendes Kind getröstet werden müsse.

Auch auf der anderen Seite gibt es emotionale Bedürfnisse, die im Job und bei der Mitarbeitergewinnung zunehmend wichtig werden. „Hunde sind für viele Menschen ein ganz entscheidender Teil ihres Lebens“, sagt Kai Reinhard, einer der Geschäftsführer des Kasseler Softwarehauses Micromata mit rund 190 Mitarbeitenden.

In der Firma, die für ihre fortschrittliche Arbeitskultur schon mehrfach ausgezeichnet wurde, hat es laut einer Sprecherin schon verschiedentlich Wünsche gegeben, den Hund zur Arbeit mitzubringen. Nun solle das grundsätzlich auch möglich gemacht werden, kündigte Reinhard an, verwies aber zugleich auf mögliche Vorbehalte von Ängstlichen und Allergikern in der Belegschaft.

„Wir prüfen deshalb sehr gewissenhaft, wie wir dem verständlichen Anliegen der einen gerecht werden können, ohne die Bedürfnisse der anderen zu übergehen.“ Dafür sei jetzt eine – offenbar raumbezogene – Lösung gefunden worden, „die genau das sicherstellt“, so der Micromata-Chef. Unter den Bildschirmen mancher Softwareentwickler dürfte demnächst also Kollege Hund im Körbchen dösen – und dazu ermuntern, auch ab und zu mal frische Luft zu schnappen.

Das sagt ein Arbeitsrechtler zu Hunden im Büro

Aus juristischer Sicht sei die Mitnahme von Tieren an die Arbeit „ein weißer Fleck“, sagt Thomas Jung, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Kassel. Ihm seien aus der Rechtsprechung überhaupt nur zwei Urteile zum Thema bekannt. Ob das Mitbringen eines Hundes gestattet wird, sei „einzig die Entscheidung des Arbeitgebers“. Dieser müsse sich Regelungen überlegen die im Konfliktfall greifen: Was ist etwa, wenn sich zwei mitgebrachte Hunde nicht verstehen? Was gilt bei Vorbehalten von Kollegen? In größeren Organisationen müsse zudem der Betriebsrat beteiligt werden.

Wer seinen Chef um Erlaubnis zum Hunde-Mitbringen fragen will, dem rät der Arbeitsrechtler, schon vor einem Gespräch im betroffenen Kollegenkreis geklärt zu haben, dass niemand etwas dagegen hat. Zudem solle man deutlich machen, dass mit einer Tierhalter-Haftpflichtversicherung Vorsorge gegen mögliche Schadensfälle getroffen wurde. Gibt es dann grünes Licht, „kann ich nur jedem empfehlen, sich das schriftlich geben zu lassen“, sagt Anwalt Jung. Informelle Duldungen und das Vertrauen auf Gewohnheitsrecht würden meist nichts nützen, falls es wegen des Hundes oder allgemein im Arbeitsverhältnis zu Konflikten komme.

Auch interessant

Kommentare