Hier werden die Kasseler per Video überwacht

Kassel. Sie sehen alles und sind selbst oft kaum zu sehen: Hunderte Überwachungskameras beobachten das Geschehen in der Stadt rund um die Uhr – ob in der Straßenbahn, in Parkhäusern oder Geschäften. Ein Überblick.

Meist wird der Einsatz von Video-Überwachungstechnik mit Kriminalitätsbekämpfung und anderen Sicherheits-Argumenten begründet. So erscheint es den meisten Menschen heute selbstverständlich, an der Tankstelle oder beim Geldabheben zum Motiv von Kameras zu werden, deren Bilder unter Umständen monatelang irgendwo gespeichert werden.

Die Betreiber solcher Überwachungstechnik beteuern in der Regel, dass alles konform mit den Vorgaben des Datenschutzes zugehe und dass die Aufnahmen nach einer gewissen Zeit automatisch gelöscht würden, wenn nichts passiert ist. Andererseits sind auch Systeme im Einsatz, bei denen Mitarbeiter einer Leitstelle live am Bildschirm verfolgen, was wir gerade tun und wo wir uns aufhalten. Und die Bilder zahlreicher Webcams im öffentlichen Raum kann sich jeder jederzeit am heimischen Computer anschauen. Wo die Kasseler überall im Fokus von Kameras stehen, zeigen wir hier.

Banken

Ob Sparkasse, Privat- oder Genossenschaftsbank: Wo Bargeld in hoher Frequenz aus Automaten kommt und über den Tresen geht, sind Überwachungskameras buchstäblich Pflicht. Geregelt sei dies in der berufsgenossenschaftlichen „Unfallverhütungsvorschrift Kassen“, erläutert Christina Hackenberg, Sprecherin der Kasseler Bank. Danach müssten öffentlich zugängliche Bereiche von Geldinstituten, in denen mit Banknoten hantiert wird, mit einer „optischen Raumüberwachungsanlage“ ausgerüstet sein, welche so beschaffen ist, dass „wesentliche Phasen eines Überfalles optisch wiedergegeben werden können“. Aus Sicherheitsgründen ist Hackenberg mit detaillierten Angaben zurückhaltend, ebenso wie Michael Krath von der Kasseler Sparkasse. Diese unterhält Geldautomaten an 37 Standorten im Stadtgebiet, bei der Kasseler Bank sind es 26. Überall werden Kamerabilder aufgezeichnet, mit denen, wie beide Sprecher betonen, gemäß den datenschutzrechtlichen Vorschriften umgegangen werde.

Öffentliche Plätze

Rund um den Stern beobachtet die Polizei seit 2002 das Geschehen mit drei schwenkbaren Kameras, die an KVG-Masten angebracht sind und den Bereich zwischen Hauptpost, Druselturm, Lutherplatz und Hansahaus erfassen. Sie dienen nicht der Verkehrssteuerung, sondern der Vorbeugung vor Straßen- und Drogenkriminalität. An der Kreuzung, die für solche Vorfälle als Brennpunkt gilt, sollen die Kameras das Sicherheitsempfinden der Passanten erhöhen und ein schnelles Eingreifen der Polizei möglich machen, falls etwas passiert. Die Polizei-Pressestelle weist auch auf den Abschreckungseffekt hin, den die Kameras auf mögliche Täter haben.

Die Bilder vom Stern laufen auf zwei Monitoren in einem separaten Raum der Leitstelle im Polizeipräsidium auf. „Zu diesem Bereich haben nur Personen mit besonderer Berechtigung Zutritt“, betont die Polizei. Die Bilder würden drei Tage lang gespeichert und anschließend automatisch gelöscht beziehungsweise überschrieben. Die Beamten in der Leitstelle können die drei Kameras bei Bedarf in bestimmte Positionen steuern – etwa, um Verdächtige zu verfolgen – und dazu auch einzelne Fotos und Sequenzen aus dem Bilderstrom sichern.

Laut Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch ist durch die Steuerungstechnik Vorsorge getroffen, dass die Kameras in ihrem Schwenkradius stets nur den öffentlichen Straßenraum erfassen, jedoch keine Einblicke in Wohnungen oder Geschäftsräume nehmen können. Solche so genannten Privatzonen seien in der Kamerasteuerung programmiert und würden „automatisch ausgeblendet, so dass das Bild bereits entsprechend bearbeitet ins Präsidium übertragen wird“, erläutert Jungnitsch.

Parkhäuser

Fast 1000 Autostellplätze bietet die Tiefgarage unter dem Friedrichsplatz auf zwei Ebenen und auf über 30 000 Quadratmetern – da ist „Sicherheit für Menschen und Fahrzeuge“ ein zentrales Thema, sagt Parkhausbetreiber Gerhard Jochinger. Insgesamt 15 Kameras erfassen das Geschehen, um Diebstählen vorzubeugen, Kunden vor Belästigungen zu schützen und Beschädigungen zu dokumentieren. Falls doch einmal etwas passiere, habe man die Urheber mithilfe der Filmaufnahmen und der Polizei schon oft dingfest machen können, sagt Jochinger. Die Kameras seien schwenkbar, was den Vorteil habe, dass das Wachpersonal via Sprachverbindung den Fahrern direkt assistieren könne, wenn diese Probleme am Kassenautomaten oder an den Zugangsschranken haben. Dort sei der Kamerablick auch „ein wichtiges Steuerungsinstrument“ bei starkem Verkehrsaufkommen: Je nach Bedarf könnten dann mehr Ein- oder mehr Ausfahrtsspuren freigeschaltet werden.

Polizei

Anhand von Video-Aufzeichnungen kann die Kriminalpolizei Straftaten häufig eindeutiger aufklären, als dies allein durch Zeugenaussagen möglich wäre. Vor allem nach Raubüberfällen und Diebstahlsdelikten spielen Überwachungskamerabilder für die Ermittler „eine wichtige Rolle“, sagt Michael Lange, Sprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen.

Ob eine Tankstelle überfallen oder ein EC-Karten-Betrüger am Geldautomaten gefilmt wurde: Die Auswertung und Analyse von Videobildern habe in der Vergangenheit immer wieder „zu neuen Ermittlungsansätzen, aber auch zu Täterermittlungen geführt“, sagt Lange. In bestimmten Fällen setzt die Polizei auch selbst mobile Videokameras ein, um Täter zweifelsfrei zu identifizieren – etwa bei Demonstrationen mit extremistischem Hintergrund, oder falls bei Risikospielen im Kasseler Auestadion mit gewalttätigen Fan-Ausschreitungen zu rechnen ist.

Fitness-Center

Auch wer in Fitnesscentern schwitzt und Hanteln stemmt, wird zuweilen von Kameraobjektiven begleitet. Seit vier Jahren setze das Wellness-Resort in der Kurfürsten-Galerie auf Überwachungstechnik, sagt Betreiber Jürgen Beute – „zur Sicherheit unserer Mitglieder“ und vor allem zur Diebstahl-Vorbeugung. Die Kameras würden den Eingangsbereich sowie die Korridore vor Kabinen erfassen – nicht aber die Trainingsräume und schon gar nicht die Sauna- und Umkleidebereiche. „Es gibt Kollegen, die überwachen mit Ankündigung auch dort“, erzählt Beute. Nachdem im Resort einmal Spinde aufgebrochen wurden, habe er angeboten, in diesem Bereich Kameras zu installieren – die Kunden seien aber klar dagegen gewesen. Beute betont, auf Kameraaufzeichnungen werde grundsätzlich nur bei gegebenem Anlass zugegriffen: „Solche Fälle sind dann auch für uns unangenehm.“ Nach einigen Tagen würden die Aufnahmen überschrieben.

Galerien und Kaufhäuser

Im Einzelhandel sind ungezählte Kameras im Dauereinsatz gegen Ladendiebe, in Einkaufsgalerien wie City Point, Dez, Kurfürsten- und Königs-Galerie hat die Beobachtung der Kundenströme außerdem einen Sicherheitsaspekt. Die großen Häuser in Kassel gehen unterschiedlich mit der Technik um: Manche erfassen per Kamerablick das Geschehen aus diversen Perspektiven, andere nur besonders heikle Bereiche wie Hauszugänge oder Geldautomatenstandorte.

Unabhängig von den Aktivitäten des Hausmanagements setzen viele Betreiber von Galerie-Geschäften Überwachungskameras in ihren Räumen ein – im Bonbon- oder Schreibwarenladen ist der Kunde vielleicht noch unbeobachtet, in Elektronik- oder Lebensmittelmärkten sind Überwachungskameras längst Standard. „Wir weisen unsere Besucher mit Aufklebern an den Eingängen auf die Kameras hin“, sagt Jörg Meiners, Manager der Kurfürsten-Galerie.

Museen

Kostbare Gemälde können ein verlockendes Ziel für Kunsträuber sein, und an historischen Bauwerken und Gartenanlagen ist Vandalismus besonders ärgerlich und teuer. Die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) hat daher Kameras in den Sammlungsräumen des Schlosses Wilhelmshöhe installiert. Dort, an der Neuen Galerie sowie am Schloss Wilhelmsthal seien außerdem die Gebäudefassaden durch Überwachungskameras gesichert, erläutert Dr. Gisela Bungarten. Gleiches gelte für das Gelände des MHK-Depots an der Bunsenstraße. Im Bergpark werde Videotechnik außerdem an der an der Zufahrt zum Schloss, im Toilettenvorraum des Besucherzentrums sowie an der Schrankenanlage Tulpenallee eingesetzt. Dort habe man mithilfe der Kamera jüngst einen Autofahrer ermitteln können, der nach einem Unfall Fahrerflucht begangen hatte. Die Überwachung im MHK-Zuständigkeitsbereich sei mit dem Landeskriminalamt abgestimmt, sagt Bungarten: „Die Daten werden zwischen drei Tagen und vier Wochen lang gespeichert.“

Webcams

Das schnelle Internet macht’s möglich, einen (fast) aktuellen Blick auf etliche Orte in Kassel und Umgebung zu werfen. Von Herkules, Orangerie oder Friedrichsplatz, von den Baustellen des Flughafens Calden, des Uni-Campus oder des Auebades senden Webcams Live-Bilder, die das momentane Geschehen an diesen Orten dokumentieren. Dabei handelt es sich nicht um Filmübertragungen, sondern um eine Folge von Einzelbildern, die alle paar Minuten aktualisiert werden.

Die Kameraperspektive der Webcams ist in der Regel auf große Überblicke eingestellt, sodass Einzelpersonen kaum zu identifizieren sind. Unter diesen Bedingungen hält der Hessische datenschutzbeauftragte solche Bilder für unbedenklich. „Es sollten auch keine Autokennzeichen zu erkennen sein“, sagt eine Sprecherin, Zu den Anbietern von Webcams gehören Bauherren großer Projekte, öffentliche Einrichtungen wie etwa Touristikbüros sowie private Unternehmen, darunter auch die HNA (www.hna.de/service/webcams).

Bahnhof Wilhelmshöhe

Mit täglich bis zu 30 000 Besuchern ist der Bahnhof Wilhelmshöhe eines der meistgenutzten Gebäude der Stadt. Nicht jeder Passant dort ist Reisender, nicht jeder hat redliche Absichten. Dennoch gibt es laut Auskunft der Bahn keine Videoüberwachung im oberen Hallenbereich und auf den Rampen zu den Gleisen. Lediglich die Bahnsteige seien mit Kameras ausgestattet, damit die Fahrdienstleitung den Ein- und Ausstiegsbetrieb verfolgen könne. Was aufgezeichnet werde, stehe im Bedarfsfall der Bundespolizei zur Verfügung. Doch die könnte die Bahnsteigbilder „kaum sinnvoll nutzen“, sagt Bundespolizeisprecher Klaus Arend: „Da ist immer nur ein recht enger Bereich einsehbar, und man erkennt keine Gesichter.“ Aus Polizeisicht fände Arend eine großräumigere Video-Erfassung des Bahnhofsgeschehens „hilfreich, weil damit unter anderem auch Taschendiebe abgeschreckt würden“. Andererseits sei die Sicherheitslage am Bahnhof Wilhelmshöhe nicht so kritisch, dass weitere Kameras unbedingt erforderlich wären.

KVG

Wohl der größte Nutzer von Kameraaugen in Kassel dürfte die KVG sein: Bis zu 94 Straßenbahnen und Regiotrams sind täglich im Stadtgebiet unterwegs, jede mit zwei Kameras an Bord. Sie sollen Straftäter abschrecken und Vandalismusschäden vorbeugen. Aus diesem Grund sind von über 100 Haltestellen im Stadtgebiet auch 13 besonders stark frequentierte Stationen – etwa die an der Mauerstraße – mit Überwachungskameras ausgestattet. „Die Abschreckung funktioniert“, sagt KVG-Sprecherin Heidi Hamdad: An den betreffenden Haltestellen seien die Beschädigungen deutlich zurückgegangen. Die Bilder liefen in der rund um die Uhr besetzten KVG-Leitstelle in Wilhelmshöhe auf und würden nach kriminellen Vorfällen gegebenenfalls auch von der Polizei ausgewertet. Die Aufnahmen der Haltestellen-Kameras würden nach 72 Stunden überschrieben, die in den Trams nach 24 Stunden.

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