"Nachttanzdemo" gegen Paragraf 219a

Hunderte Kasseler zeigen Solidarität mit angezeigten Frauenärztinnen

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Hunderte demonstrierten: Die Protestler forderten unter anderem einen uneingeschränkten Zugang zu Informationen von Ärzten im Falle einer ungewollten Schwangerschaft. 

Kassel. Die Kasseler Frauenärztinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus machten am Samstagabend aus ihrer Freude über die großen Solidaraktionen für sie keinen Hehl.

"Der Countdown zum Prozess läuft“, sagte Szász an die mehreren hundert Demonstranten gerichtet, die vor ihre Praxis an der Goethestraße gekommen waren: „Dass wir Ärztinnen hier so selbstbewusst stehen, hat ganz viel mit euerer Solidarität zu tun.“

Das Treffen im Vorderen Westen war der Auftakt zu einer eindrucksvollen „Nachttanzdemo für körperliche Selbstbestimmung“, die bis in die Nordstadt führte und dort mit einem Fest endete. Eingeladen hatte die Gruppe „Feminism Unlimited Kassel“. In der HNA war zudem am Samstag mit einer großen Unterschriftenliste des Solidaritätsbündnisses „Weg mit dem 219 a der Freispruch der Ärztinnen gefordert worden.

Den Kasseler Ärztinnen wird vorgeworfen, gegen das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche zu verstoßen. Am Mittwoch stehen sie deshalb in Kassel vor Gericht (siehe Hintergrund unten). Dem sehe sie allerdings mit Zuversicht entgegen, so Szász. Viele Kollegen seien jedoch von den Anzeigen von Gegnern von Schwangerschaftsabbrüchen in der Vergangenheit stark eingeschüchtert worden. „Es gibt kaum mehr eine Website, auf der Ärzte zugeben, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen“, so Szász. Diesen Einschüchterungsversuchen vom rechten Rand müsse Einhalt geboten werden.

Deshalb sei die Abschaffung des Paragrafen 219 a oberstes Ziel, so Nicklaus. Stattdessen müsse das uneingeschränkte Recht auf Informationen über Schwangerschaftsabbrüchen gesetzlich verankert werden Auch der Paragraf 218 müsse ersatzlos gestrichen werden. „Dafür haben schon unsere Mütter demonstriert.“ Eindrücklich waren auch die Worte von Hebamme Almut Jaeger, die für das Team vom Kasseler Geburtshaus sprach: Grundlage für eine gute Elternschaft sei, dass die Schwangerschaft auch gewollt ist, so Jaeger. Frauen und Männer müssten das Recht auf Informationen und Selbstbestimmung haben. „Sie müssen frei entscheiden können, was für sie bei einer ungewollten Schwangerschaft am besten ist.

Hintergrund

Am Mittwoch, 29. August, 9 Uhr, findet vor dem Kasseler Amtsgericht die Verhandlung gegen die Frauenärztinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus statt. Für die Zeit ab 8.15 Uhr lädt das Kasseler Solidaritätsbündnis „Weg mit dem 219a“ zu einer Kundgebung vor das Amtsgericht ein. Auch nach dem Prozess soll weiter demonstriert werden. Szász und Nicklaus wurden angezeigt, weil sie auf ihrer Homepage einen Hinweis darauf geben, dass sie als Ärztinnen auch Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Die reine Information von Ärzten über Schwangerschaftsabbrüche ist in Deutschland gemäß Paragraf 219 a strafbar. „Wir sehen in der Kriminalisierung der Frauenärztinnen auch einen Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen“, heißt es in der Zeitungsanzeige des Kasseler Solidaritätsbündnisses.

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