Mediziner rät zu offenem Umgang mit der Krankheit

Nach Corona-Erkrankung: Gerücht über Tod von Kasseler Arzt kursiert - Der meldet sich zu Wort

Nach einer Covid-19-Erkrankung wieder genesen: der Kasseler Orthopäde Dr. Gerd Rauch.
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Nach einer Covid-19-Erkrankung wieder genesen: der Kasseler Orthopäde Dr. Gerd Rauch.

Er erkrankte an Covid-19, wurde vier Tage stationär behandelt. Mittlerweile ist der Kasseler Orthopäde Dr. Gerd Rauch genesen. Trotzdem kursierte das Gerücht, dass er an der Infektion verstorben sei.

Kassel - Seit Mitte Januar ist der 60-Jährige in der Praxis wieder für seine Patienten da. Bei den Bundesliga-Handballern der MT Melsungen, deren Mannschaftsarzt er ist, operierte er Nationalspieler Tobias Reichmann. Trotzdem erhält Rauch in diesen Tagen viele Anrufe mit der bangen Frage: Geht es Ihnen gut? Grund ist ein unschönes Gerücht. Auch wir haben nachgefragt.

Hallo Herr Rauch, dass wir Ihnen diese Frage stellen können, verursacht bereits eine gewisse Erleichterung: Geht es Ihnen gut?
Mir geht es sehr gut und ich bin überglücklich, dass ich Corona überstanden habe. Es gibt keine Folgeschäden. Das ist nicht selbstverständlich. Bei fast 30 Prozent der Corona-Infektionen gibt es ein sogenanntes Longcovid-Syndrom. Es bleiben Müdigkeit, Atembeschwerden, Konzentrationsstörungen. In einigen Fällen kommt es zu einer Schädigung des Herzens. Ich kann also froh sein. Und Ihre Erleichterung freut mich.
Die ist auch doppelt begründet. Denn ernsthaft: Uns hat in den vergangenen Tagen die Schreckens-Nachricht erreicht, Sie seien plötzlich verstorben.
Sie sind nicht der Erste, der mich darauf anspricht. Ich hatte -zig Anrufer, die entweder gehört hatten, ich sei schwer krank oder tatsächlich gestorben. Ich hab keine Ahnung, wie diese Gerüchte aufgekommen sind. Aus dem Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde, hat mich sogar die Chefärztin angerufen. Selbst Dr. Emila Stegemann hatte gehört, dass es mir total schlecht gehen würde.
Als Ihnen bewusst wurde, dass es Gerüchte gibt, wie haben Sie reagiert? Verärgert? Amüsiert?
Am Anfang war ich tatsächlich belustigt. Aber dann zog das Gerücht Riesenkreise. Man fragt sich natürlich, warum. Verärgert war ich aber nicht. Viele Mitmenschen und Patienten haben Anteil genommen. Und so freuen sich jetzt viele umso mehr, dass ich alles gut überstanden habe. Leider haben eben viele Covidpatienten sehr schwere Verläufe.
Wie reagiert man, wenn es heißt, man sei gestorben, man sich aber doch sehr lebendig fühlt?
Genau so. Man freut sich, dass man sagen kann: Hurra, ich lebe doch.
Ist es irgendwo auch ein gutes Gefühl, zu spüren, dass sich viele Menschen um einen sorgen?
Auf jeden Fall. Es freut mich, dass so viele an mich gedacht haben. Das galt aber auch schon während der Krankheit. Dass die Leute dir die Daumen drücken, das hilft jedem, der krank ist.
Ihre Corona-Erkrankung wird vermutlich Ausgangspunkt der Geschichte sein. Trotzdem hat es gedauert, bis die Gerüchte kamen. Können Sie sich mittlerweile erklären, wie das alles entstanden ist?
Ich habe keine Ahnung, wie es gerade jetzt zu dem Gerücht kam. Anfang Dezember habe ich mich mit Corona infiziert. Zehn Tage später musste ich ins Krankenhaus. Seit Mitte Januar arbeite ich wieder. Darüber, dass ich Tobi Reichmann operiert habe, hat die HNA berichtet. Ich bin wieder voll im Praxisalltag. Trotzdem ist das Gerücht immer noch da.
Sie reden offen über Ihre Corona-Infektion. Viele Erkrankte verschweigen das lieber aus Sorge vor den Reaktionen. Werden Coronakranke stigmatisiert?
Schwere Frage. Ich denke, dass es Fälle von Stigmatisierung anfangs gegeben hat. Aber mittlerweile ist das Thema so dicht, so verbreitet. Definitiv rate ich jedem, offen mit einer Erkrankung umzugehen.
Medizinisches Personal steht natürlich im Brennpunkt. Wie gefährdet sind Ärzte und die Mitarbeiter?
Es hat schon einige meiner Kollegen getroffen. Medizinisches Personal ist die größte Risikogruppe. Es muss deshalb als Erstes geimpft werden. In unserer Praxis gab es aber keine weiteren Fälle. Wir investieren auch einiges in Sicherheit.
Hat sich persönlich für Sie etwas verändert durch die Erfahrungen der letzten Wochen?
Folgeschäden habe ich, wie schon gesagt, glücklicherweise nicht. Aber man lebt nach so einer einschneidenden Erfahrung viel bewusster. Ich bin definitiv demütiger geworden und freue mich mehr über die kleinen Dinge im Leben. Ich war in 27 Jahren Praxistätigkeit keinen einzigen Tag krank. Jetzt konnte ich mehrere Wochen nicht arbeiten. In dieser Zeit denkt man schon viel nach.
Sie hätten jetzt hier die Gelegenheit, auch ein paar Gerüchte zu streuen.
Ach nein, das überlasse ich anderen. Ich bin dankbar, dass ich hier im Interview Gerüchte zerstreuen kann. Aber ich hätte schon Dinge, die ich gern loswerden würde.
Nur zu.
Danke. Ich hoffe sehr, dass sich durch die Lockdown-Maßnahmen nicht mehr so viele Menschen infizieren. Mit diesem Virus ist nicht zu spaßen, das habe ich ja selbst erfahren. Dann: Mich ärgert einfach, dass die Berliner Regierung bei den Bestellungen der Impfdosen völlig versagt hat. Wenn man bedenkt, dass volkswirtschaftlich ein Tag im Lockdown fast eine Milliarde Euro kostet, dann hätte Herr Spahn für ein, zwei Lockdown-Tage weniger Impfdosen für ganz Deutschland bestellen können. Das kann ich nicht nachzuvollziehen angesichts der vielen Toten. Und angesichts des großen sozialen und wirtschaftlichen Leids, das so viele Menschen auf dieser Welt trifft.
Zurück zum Grund unseres Anrufes: Totgesagte sollen ja länger leben. Hat die Sache also etwas Positives?
Wäre schön, wenn das stimmt. Ich würde aber gern noch etwas Aufmunterndes loswerden. Darf ich?
Klar.
Ich bin sicher, dass wir Ende des Jahres mit der Pandemie in Deutschland größtenteils durch sind und endlich wieder Leichtigkeit in unser Leben tritt. Dass wir uns treffen können und feiern werden. Aber dafür müssen wir positiv denken. Wir müssen uns an die Abstandsregelungen halten, FFP2-Masken tragen, denn nur die schützen richtig. Wir müssen solidarisch handeln und unverschuldet in Not geratenen Menschen unterstützen. Wir müssen an die vielen Menschen denken, die wir schon verloren haben. Und bitte: Lassen Sie sich impfen. Halten Sie durch! (Frank Ziemke)

Zur Personen

Dr. Gerd Rauch (60) arbeitet im Praxiszentrum für Orthopädie und Chirurgie in Kassel. Der gebürtige Bremer ist Mannschaftsarzt der Bundesliga-Handballer von der MT Melsungen und auch der Kirchhofer Zweitligafrauen. Gerd Rauch lebt in Melsungen. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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