Grigori Lagodinsky von der Jüdischen Gemeinde kritisiert antireligiöse Tendenzen der Debatte

Interview: „Hysterie um Beschneidung“

Kassel. Zu einer Diskussion über die umstrittene Praxis der Vorhautbeschneidung von Jungen laden für Montag Christen, Juden und Muslime ein. Gläubige, die diesen Ritus verteidigen, sind zum Teil massiven Anfeindungen ausgesetzt.

In einigen jüdischen Gemeinden wurden Mitglieder übel beleidigt und erhielten Droh-Mails. Wir sprachen mit Grigori Lagodinsky von der Jüdischen Gemeinde Kassel.

Wie erleben Sie die Debatte?

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Grigori Lagodinsky: Anfeindungen oder Übergriffe haben wir noch nicht erlebt. Aber die Debatte ist für Menschen jüdischen Glaubens unangenehm, weil sie sehr persönlich geführt wird. Statt auf rechtlicher wird sie auf antireligiöser Ebene geführt. Man versteckt sich hinter dem Kindeswohl und spricht von Verstümmelung. Solche Begriffe haben in der Diskussion nichts zu suchen.

Jüdische Eltern fühlen sich dadurch vermutlich als schlechte Eltern dargestellt.

Lagodinsky: Genau. Die sogenannten Kinderschützer führen Dinge an wie psychische oder gesundheitliche Schädigungen, die wissenschaftlich gar nicht belegt sind. Die beschnittenen Kinder sind später keine Pyschowracks. Im Judentum wird der Eingriff am 8. Lebenstag vorgenommen, daran erinnert sich später keiner mehr. Niemand wird durch eine Beschneidung zum Behinderten verstümmelt.

Sie sagen, die Debatte wird antireligiös geführt. Was meinen Sie damit?

Lagodinsky: In der ganzen Diskussion offenbart sich eine zunehmend gegen Religion gerichtete Tendenz. Säkularisierte Menschen haben das gute Recht, nicht religiös zu sein. Aber sie können nicht fordern, dass alle zu Atheisten werden. Ich habe den Eindruck, in der Gesellschaft geht zunehmend das Feingefühl gegenüber Religionsgemeinschaften verloren, insbesondere wenn es sich um Minderheiten handelt. Auch Nicht-Gläubige müssen aber akzeptieren, dass andere sich über ihre Religion und deren Grundsätze definieren.

Können Sie die Debatte grundsätzlich nicht nachvollziehen?

Lagodinsky: Natürlich kann man aus juristischer Sicht diskutieren, ob es sich um eine rechtswidrige Körperverletzung handelt. Und selbstverständlich können Nicht-Juden und Nicht-Muslime ihre Meinung zu dem Thema sagen. Die Frage ist aber, wie. Leider ist eine Hysterie um das Thema zu spüren - auf beiden Seiten: Die einen fühlen sich verletzt, die anderen gehen mit wehenden Fahnen auf die Straße und tun so, als würden Juden seit 4000 Jahren Kinder verstümmeln.

Inwiefern findet innerhalb der jüdischen Gemeinde eine Diskussion zum Thema statt?

Lagodinsky: Die gesamtgesellschaftliche Debatte dient durchaus als Anstoß für eine interne Auseinandersetzung. Dabei geht es um Fragen der Betäubung oder darum, ob der Eingriff von einem Mohel, also einem religiösen Beschneider, gemacht wird oder im Krankenhaus. Allerdings lehnen Krankenhäuser es wegen der rechtlichen Unsicherheit häufig ab, eine Beschneidung aus religiösen Gründen vorzunehmen.

Ist die Beschneidung innerhalb der jüdischen Gemeinde Konsens?

Lagodinsky: Ich kenne niemanden, der den Ritus als solchen infrage stellt. Die neugeborenen Jungen in unserer Gemeinde sind meines Wissens auch alle beschnitten worden. Aber natürlich unterliegen die Eltern keinem Zwang. Die Beschneidung ist zwar eine religiöse Vorschrift, aber es wird niemand verurteilt, der sich dagegen entscheidet. Wir sind schließlich alle freie Menschen.

Christliche Eltern überlassen ihren Kindern die Entscheidung, ob sie getauft werden wollen, zunehmend selbst. Käme das bei der Beschneidung infrage?

Lagodinsky: Aus religiöser Sicht darf die Beschneidung nur aus medizinischen Gründen nach hinten verschoben werden. Etwa wenn das Kind krank ist. Eine Diskussion über eine spätere Entscheidung des Kindes über die Beschneidung gibt es nicht. Es wird mit dem Ritual zunächst in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen. Später, mit 14 Jahren kann dann jedes Kind in Deutschland selbst entscheiden, welcher Religion es angehören will - daran ändert auch die Beschneidung nichts.

Von Katja Rudolph

Diskussion am Montag

Ist die Beschneidung von Jungen ein religiöses Grundrecht, oder handelt es sich dabei um rechtswidrige Körperverletzung? Kasseler Christen, Juden und Muslime laden für kommenden Montag, 5. November, zu einer Podiumsdiskussion ein, bei der die Argumente im Spannungsfeld zwischen Kindeswohl und Religionsfreiheit beleuchtet werden sollen. Beginn ist um 19.30 Uhr in der evangelischen Lutherkirche am Lutherplatz. Auf dem Podium: der Kasseler Kinderchirurg Dr. Peter Illing, der Islamwissenschaftler Selçuk Dogruer, der Marburger Professor für evangelische Theologie Rainer Kesseler und Rolf Stöckel von der Deutschen Kinderhilfe. Für Grigori Lagodinsky, der aus organisatorischen Gründen absagen musste, ist der jüdische Historiker und Publizist Alexander Hasgall eingesprungen. Die Diskussion wird moderiert von der Journalistin Vera John. (rud)

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