Kassel-Göttingen

Wegen Baustelle auf ICE-Strecke: Züge der Deutschen Bahn fahren fast durch den Garten

Alle zehn Minuten kommt ein Zug: Karsten und Yvette Schwichtenberg mit ihren Kindern (von links) Pia, Joel, Leonie und Emely auf ihrem Grundstück in Spiekershausen. Schöner als hier könne man nicht wohnen, sagen sie.
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Alle zehn Minuten kommt ein Zug: Karsten und Yvette Schwichtenberg mit ihren Kindern (von links) Pia, Joel, Leonie und Emely auf ihrem Grundstück in Spiekershausen. Schöner als hier könne man nicht wohnen, sagen sie.

Noch bis Mitte Juli sorgt eine Großbaustelle der Bahn zwischen Kassel und Göttingen für Umleitungen. Bei einer Familie fahren die ICE sogar fast durch den Garten.

Staufenberg/Kassel – Als Karsten Schwichtenberg 2009 in den alten Bahnhof Kragenhof bei Spiekershausen zog, konnte er lange Zeit nicht einschlafen. Das Grundstück liegt idyllisch auf der Halbinsel in der Fuldaschleife, wo sich auch Gut Kragenhof befindet. Aber es grenzt auch direkt an zwei Bahnstrecken. „Mit der Zeit gewöhnt man sich an die Züge“, sagt Schwichtenberg. Seine Frau Yvette sagt nach zwölf Jahren: „Ich höre die gar nicht mehr.“

Nicht einmal jetzt, da es noch mehr zu hören gibt als sonst, ist das Ehepaar genervt vom Eisenbahnlärm. Seit Ende April rollen nicht nur zahlreiche Güterzüge direkt an ihrem Gartenzaun vorbei, sondern auch jede Menge ICE. Weil die Schnellstrecke zwischen Kassel und Göttingen saniert wird, fahren sämtliche Fernverkehrszüge über das Nahverkehrsnetz. Für Bahn-Passagiere bedeutet das deutlich längere Fahrtzeiten und für Anwohner mehr Lärm. Erst am 16. Juli, wenn die Arbeiten abgeschlossen sein sollen, wird es wieder ruhiger.

DB: Bauarbeiten an ICE-Strecke Kassel-Göttingen - Familie blendet Lärm aus

Yvette Schwichtenberg (39) schätzt, dass mindestens alle zehn Minuten ein Zug vorbeifährt. Genauer kann es die Pflegehelferin nicht sagen, weil sie den Krach ausgeblendet hat – wie jemand, der schon eine Ewigkeit an einer Autobahn wohnt. Ihre 14-jährige Tochter Emely klagt jedoch: „In meinem Zimmer wackelt es manchmal.“

Beschwerden von Anwohnern an den Umleitungsstrecken hat die Bahn bislang nicht erhalten, wie eine Sprecherin sagt. Dabei spüren auch viele Kasseler die Auswirkungen. So müssen durch die Sperrung der ICE-Strecke und die Umleitung der Schnellzüge auch viele Regionalzüge ausweichen. Thomas Uthof aus Kirchditmold etwa beklagt „eine deutlich höhere Lärmbelastung bei erhöhter Frequenz“ vor seiner Haustür in der Heckenbreite. Laut der Stadt Kassel sind dort (Strecke 2550) nun 204 statt 179 Züge am Tag unterwegs.

ICE-Strecke der Deutschen Bahn (DB) geht die Hessisch-Niedersächsische Grenze entlang

Yvette Schwichtenberg zählt die Züge nicht, die bei ihr vorbeifahren. Ihr Vater hatte das ehemalige Bahnhofsgelände 1999 gekauft. Der alte Bahnhof war schon vorher abgerissen worden. Nun wohnt das Ehepaar mit seinen fünf Kindern in den beiden ehemaligen Arbeiterwohnhäusern, die Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurden.

Es ist ein ungewöhnlicher Ort an der Landesgrenze zwischen Hessen und Niedersachsen. „Wir sind Spiekershäuser“, sagt der ehemalige Kasseler Karsten Schwichtenberg stolz. Doch die beiden Häuser der Familie stehen nicht mehr auf Spiekershäuser, sondern auf Landwehrhagener Gebiet. Und direkt hinter der Einfahrt beginnt Kassel. Hier kann man zwischen den Bäumen noch die alten Reste eines Ausflugslokals und einer Lungenheilanstalt erkennen.

Trotz Bauarbeiten der DB an ICE-Strecke Kassel-Göttingen: Familie ist völlig zufrieden

„Schöner als hier kann man nicht wohnen“, sagt Schwichtenberg: „Die im Dorf beschweren sich mehr über die Züge als wir.“ Steht man mit ihm im Garten, wenn von Ferne ein Güterzug anrollt, kann er schon früh sagen, welches Lok-Modell das ist. Gäbe es die ZDF-Show „Wetten, dass ..?“ noch, könnte er sich dort bewerben.

Der 38-Jährige arbeitet als Fachkraft für Abwassertechnik in Vellmar und hat ein anderes Problem als den Lärm in der Idylle. Mit dem Zug kommt er nicht zur Arbeit, denn an seinem Bahnhof fahren alle Züge nur noch vorbei – so wie bisweilen ICE an Wolfsburg. Manchmal radelt Schwichtenberg die acht Kilometer über die Schleuse in Wahnhausen zur Schicht. Nimmt er dagegen das Auto, muss er wegen der fehlenden Brücken über die Fulda mehr als doppelt so weit fahren. Aber selbst das stört ihn nicht: „Wegziehen würde ich nur, wenn wir mal alt sind.“ (Matthias Lohr)

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