Westbam hat ein besonderes Verhältnis zu Kassel

Techno-Legende Westbam: „Bei Corona-Maßnahmen ist Deutschland zu vorsichtig“

Der Philosoph unter den Techno-DJs: Maximilian Lenz alias Westbam, der sich mittlerweile Westbam ML nennt.
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Der Philosoph unter den Techno-DJs: Maximilian Lenz alias Westbam, der sich mittlerweile Westbam ML nennt.

Im Ausland legt Techno-Legende Westbam schon länger wieder auf. Vor seinem Auftritt am Freitag in Kassel fordert er eine Lockerung der Corona-Maßnahmen.

Kassel – So viel Party wie an diesem Wochenende war in Kassel seit Beginn der Pandemie noch nie. Von Freitag bis Sonntag legen hochkarätige Techno- und House-DJs am Südflügel des Kulturbahnhofs auf. Hauptattraktion am Freitag ist Westbam, der in den 1990er-Jahren den „Mayday“-Rave erfand und auf allen Loveparade-Umzügen spielte. Der 56-Jährige gilt als Philosoph unter den DJs und nennt sich mittlerweile Westbam ML. Im Interview fordert er eine weitere Lockerung der Corona-Maßnahmen.

Sie legen am Freitag an den Gleisen des Kasseler Kulturbahnhofs auf. Ein besseres Symbol für den Party-Neustart gibt es nicht, oder?
Stimmt, Bahnhöfe sind ohnehin immer gut. Es ist der Ort, wo abgefahren wird. Im Englischen heißen die Gleise Tracks, also wie Songs. Die Tracks, auf denen wir abfahren.
Viele befürchten, dass die Menschen das Ausgehen durch Corona verlernt haben. Dagegen haben Sie die These aufgestellt, dass Nachtleben und Tanzen nun noch mehr geschätzt werden – weil man es so lange nicht machen konnte.
Das ist nur eine Vermutung, aber dahinter steht die Erfahrung. Schon in der Steinzeit haben sich Menschen getroffen und sind ums Feuer gehüpft. Das war bei den Germanen sicher nicht anders. In der Zivilisationsgeschichte spielt Tanz eine große Rolle. Selbst in Zeiten der Pest sollen die Menschen gesagt haben: „In drei Tagen sind wir tot. Lasst uns noch mal tanzen.“
Corona war zwar nicht die Pest, aber auch eine harte Zeit.
Ich war von Anfang an ein Befürworter des Lockdowns und bin natürlich auch doppelt geimpft. Mittlerweile glaube ich jedoch, dass man in Deutschland zu übervorsichtig ist. Ich habe zuletzt im Ausland gespielt, etwa in Budapest und Katowice. Da waren 1000 Leute auf engstem Raum. Ich habe mich testen lassen und war immer negativ. Im Vergleich dazu sind wir in Deutschland bei Veranstaltungen superkrass. Mein Auftritt in Dresden musste abgesagt werden. Alle, die sich haben impfen lassen, sind geschützt. Die anderen hatten ihre Möglichkeit. Das Gesundheitssystem sehe ich nicht zusammenbrechen. Ich bin gegen einen Impfzwang. Ich würde niemandem raten, sich nicht impfen zu lassen. Aber wenn er nicht will, ist das seine Entscheidung. Menschen dürfen auch 50 Zigaretten am Tag rauchen.
Vor einigen Monaten sind Sie bereits bei einer Demo von Kasseler Clubs aufgetreten.
Das war cool. Wir sind mit dem Wagen durch die Stadt gefahren, die Leute haben dabei getanzt. Es war wie ganz früher bei der Berliner Loveparade. Es hatte den Vibe des Politischen. Ich mag es, wenn die Musik mit einer politischen Aussage aufgeladen wird.
Haben Sie eine besondere Beziehung zu Kassel?
Noch bevor die Clubs Stammheim und Aufschwung Ost deutschlandweit bekannt wurden, war ich oft in der Factory, wo die Brüder Kuchinke mit Bernd als DJ und Frank als Geschäftsführer den Club managten. Mit ihnen habe ich quasi die Kasseler Techno-Szene aus der Taufe gehoben. Übrigens bin ich ein Viertelkasselaner. Mein Großvater mütterlicherseits lebte in Kassel, bevor er nach Münster gezogen ist.
Wie legen Sie eigentlich auf? Mit Vinyl oder nur noch digital?
Nur noch digital. Ich finde es überraschend, dass viele gegen moderne Technik sind. Techno war immer verbunden mit Futurismus und Fortschritt. Dagegen ist ein Grammofon heute eine ganz obskure Idee. Vinyl ist ein Stück Erdöl, in das analog etwas eingeritzt wird. Im Vergleich zu heute fühlt sich das klassische DJing mit Plattenspieler wie aus der Steinzeit an. Meine erste Platte kam 1985 raus. Auf die erste Testpressung musste ich drei Monate warten. Heute bastel ich am Laptop oft noch im Zug oder Auto auf dem Weg zum Auftritt an Tracks.
Sie haben während der Pandemie den Blues für sich entdeckt, den Sie als 15-jähriger Punk reaktionär fanden. Wie kam das?
Wenn man viel Freizeit hat, macht man verrückte Sachen. Als Jugendlicher habe ich Blues gehasst, weil es alle Erwachsenen um mich herum gehört haben. Mit dem Alter wird man jedoch weiser. Ich habe erkannt: Blues ist der Blueprint für alle Musik, um Wut oder Trauer auszudrücken. Ich höre die Musik auch jetzt nicht den ganzen Tag, aber ich weiß sie zu schätzen.
Sie sind jetzt 56. Wie schafft man es, als Techno-DJ in Würde zu altern?
In Würde zu altern, ist immer schwierig. Ich arbeite daran. Wichtig sind eine gewisse Freude und Offenheit an neuen Sachen. Zugleich darf man die eigenen Erfahrungen nicht verleugnen. Immer nur dem neuesten Scheiß hinterherzulaufen, wäre würdelos. Aber ständig zu behaupten, früher sei alles besser gewesen, ist auch würdelos.

(Matthias Lohr)

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