Liedermacher Konstantin Wecker beim Kasseler Friedensratschlag

Konstantin Wecker: „Der blinde Gehorsam des Militärs hat uns in die Nazizeit getrieben“

Liedermacher Konstantin Wecker
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Liedermacher Konstantin Wecker ist seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv - nun auch wieder beim Kasseler Friedensratschlag.

Konstantin Wecker demonstrierte schon in den Sechzigern gegen den Krieg. An diesem Wochenende gestaltet der Liedermacher den Kasseler Friedensratschlag mit und sagt: „Ich bin gern ein Träumer.“

Wie geht es Ihnen, Herr Wecker?
Ganz schön mies - wie den meisten meiner Kollegen. Ich habe in den vergangenen 50 Jahren jedes Jahr mindestens 100 Konzerte im Jahr gespielt. Kein einziges habe ich ausgelassen. Nun ist selbst das Open-Air-Konzert ausgefallen, das für Ende November geplant war. Erst durch Corona habe ich erfahren, was mir fehlt. Darüber schreibe ich gerade ein Buch: „Mein Leben ohne Bühne.“ Bei meinen Konzerten habe ich ja immer ein bisschen das Licht an, damit ich das Publikum sehen kann. Ich will nicht in ein dunkles Loch spielen. Genau so war es aber bei meinen Streaming-Auftritten, die ich schon während des ersten Lockdowns gegeben habe. 
Wie lang können Sie noch ohne Konzerte?
Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass im März kleinere Veranstaltungen wieder möglich sind. Es passiert aber gerade etwas Erstaunliches. Ein Pfarrer in München findet es ungerecht, dass in seiner Kirche Gottesdienste mit 200 Besuchern stattfinden können, Kulturveranstaltungen aber nicht. Darum machen wir an diesem Sonntag ein gemeinsames Kulturprogramm. Mit meinen Liedern werde ich den Gottesdienst begleiten. Endlich habe ich mal wieder etwas zu tun. 
In einem Artikel haben Sie gerade geschrieben, dass Sie „kotzen“ könnten, weil der „verbrecherische Waffenhersteller“ Heckler & Koch 13 Millionen Euro Gewinne gemacht hat, während Künstler, Gastronomen und Selbstständige kein Geld mehr haben. Wie wütend macht Sie so etwas?
Solche Ungerechtigkeiten machen mich schon seit Jahrzehnten wütend. Jetzt bin ich aber noch wütender. Ob Lufthansa oder Autoindustrie - alle bekommen Millionen vom Staat, nur Kulturschaffende nicht. Der Pazifismus wurde mir in die Wiege gelegt. Mein Vater hat in der Nazizeit den Kriegsdienst verweigert und nur durch ein Wunder überlebt. Statt ihn an die Wand zu stellen, hat man ihn in ein Irrenhaus geschickt. Das war sein Glück. Als in den Sechzigern viele gegen ihre Eltern auf die Straße gegangen bin, habe ich mit meinen Eltern in der Studentenbewegung demonstriert.
Ist Pazifismus noch eine Option in einer Welt des globalen Terrorismus?
Davon bin ich überzeugt. Allerdings kann man Pazifismus anderen nicht überstülpen. Man kann sich nur ganz bewusst entscheiden, ein Pazifist zu sein. Die Erde wird kaputt gehen, wenn wir es nicht schaffen, eine herrschaftsfreie und friedvolle Welt zu errichten. Viele sagen, ich sei ein Spinner. Aber ich bin gerne ein Spinner. Darum wird mein nächstes Album auch „Utopia“ heißen.
In Ihrem Beitrag für den Kasseler Friedensratschlag sagen Sie, wir könnten vor dem gefährlichsten Jahrhundert der Geschichte stehen. Warum haben Sie Angst vor einem Atomkrieg?
Weil in der Welt Wahnsinnige wie Bolsonaro, Orban und Trump an der Macht sind. Für unberechenbare Diktatoren ist ein Atomschlag immer eine Option. Die Amerikaner haben bis heute nicht eingesehen, dass Hiroshima und Nagasaki Fehler waren. Und heute entwickeln Rüstungskonzerne in den USA im Auftrag des Pentagon noch ausgefeiltere Nuklearsprengköpfe, die auch in der Nähe von Koblenz eingelagert werden sollen. Es ist so irre, dass immer wieder neue Waffen entwickelt werden. Es geht immer nur ums Geld. Und soll ich Ihnen noch etwas sagen?
Gerne.
Das Militär ist ein Grundübel. Dort wird den Menschen die Humanität genommen und blinder Gehorsam antrainiert. Dieser blinde Gehorsam hat uns in den Wahnsinn der Nazizeit getrieben. Darum sollten wir Schulen des Ungehorsams gründen.
Junge Menschen schwänzen heute die Schule, um gegen die Klimakrise zu demonstrieren, nicht mehr wehen der Abrüstung. Ist die Friedensbewegung tot?
Nein, ich mag Fridays for Future und schätze Greta sehr. Ich habe auch schon eine Laudatio auf Fridays for Future gehalten. Das sind sehr kluge Menschen, die nicht nur für das Klima sind, sondern auch gegen Krieg. So etwas macht mir Mut. Ich bin mir sicher, dass sie unsere Fehler von damals nicht wiederholen werden. Wir haben uns spätestens Anfang der Siebziger in Kleinstideologien verrannt. Jeder dachte, nur mit seiner Ideologie könnte man die Welt retten. Das hat dem Klassenfeind Tür und Tor geöffnet und dem Neoliberalismus den Weg geebnet.
Glauben Sie wirklich, dass Ihre Lieder die Welt verändern können?
Darauf hat mein Freund Hannes Wader einmal eine gute Antwort gegeben, als wir gemeinsam auf Tour waren. Damals fragte man uns, warum wir seit 40 Jahren gegen die Ungerechtigkeit ansingen, wenn das Ganze doch nichts bringt. Hannes antwortete, dass die Frage unfair gestellt sei. Wie sähe die Welt denn aus, wenn es die vielen Mosaiksteinchen denn nicht gäbe, zu denen wir auch gehören? Ob Flüchtlingshelfer, zahllose andere engagierte Menschen oder uns Künstler. Wenn es uns alle nicht gäbe, würde die Menschheit längst nicht mehr existieren.
Ihr Freund Hannes Wader lebt seit Jahren in Kassel. Sehen Sie sich ab und an?
Wegen Corona in letzter Zeit nicht mehr. Aber wenn ich in Kassel oder in der Nähe spiele, war der Hannes immer da. Manchmal habe ich ihn sogar zu einem Gastauftritt überreden können. 
Sie haben gerade ein Live-Album herausgebracht. „Jeder Augenblick ist ewig“ ist zwischen den Lockdowns aufgenommen worden. 
Das Album war ein Traum für mich. Ende September bin ich mit den beiden Schauspielern in einem Theater in einem Wiener Park vor 1100 Leuten aufgetreten. Eigentlich wollten wir gar keine CD machen, aber dann war der Auftritt so gut, dass wir gar nicht anders konnten. Im Moment sitze ich nur zuhause am Klavier und singe. Mein Osteopath hat mir das empfohlen. Nach 50 Jahren am Klavier, von wo aus ich immer nach rechts zum Publikum geschaut habe, habe ich natürlich Probleme mit dem Kreuz. Aber Singen macht gesund. Man steht und atmet automatisch richtig.
Vor neun Jahren sagten Sie uns, dass Sie weiterhin 100 Konzerte im Jahr geben, um Ihre Schulden abzuzahlen. Könnten Sie sich jetzt nicht einfach zur Ruhe setzen?
Nein, mir geht es zwar besser als vielen jungen Kollegen, aber wenn ich im Herbst 2021 immer noch nicht wieder auftreten darf, wird es ein bisschen knapp. Darum ist es ein Glück, wenn man wie ich einen Beruf hat, den man liebt.

Mehr als 450 Teilnehmer haben sich für den Friedensratschlag angemeldet, der am Sonntag digital stattfindet – und nicht wie sonst an der Kasseler Uni. Neben Prominenten wie dem Liedermacher Konstantin Wecker und dem Verdi-Vorsitzenden Frank Werneke treten auch Vertreter von Greenpeace und Fridays for Future auf. Mitorganisator Klaus Moegling (Uni) sagt: „Es geht immer um eins: den Frieden mit der Natur, innerhalb der Gesellschaft und in der globalen Gemeinschaft.“ (Matthias Lohr)

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