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CDU-Politiker: Bis tief in die Nacht inszenierte Sitzungen sind nicht optimal

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Von: Matthias Lohr

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Fordert einen Kurs der Mitte für die CDU: Peter Tauber, ehemaliger Generalsekretär seiner Partei.
Fordert einen Kurs der Mitte für die CDU: Peter Tauber, ehemaliger Generalsekretär seiner Partei. © Tobias Koch

Als CDU-Generalsekretär war Peter Tauber an den Schaltstellen der Macht. Dann zog er sich wegen einer Erkrankung zurück. Hier erklärt er, wie Politik besser funktionieren könnte.

Kassel – Peter Tauber war CDU-Generalsekretär unter Kanzlerin Merkel. Wegen einer Darmerkrankung zog er sich 2021 aus der Berufspolitik zurück und schrieb ein Buch darüber. Am Mittwoch redet der 48-Jährige auf Einladung der CDU in Kassel. Wir sprachen mit ihm über seinen Ausstieg aus der Politik und seinen Freund Walter Lübcke.

Herr Tauber, sind Sie heute schon gelaufen? In der Fitness-App Strava ist Ihre letzte Aktivität eine Radfahrt vom 7. August.

Strava nutze ich nur fürs Radfahren. Das Laufen zeichne ich mit einer anderen App auf. Wegen des Kreistags in Gelnhausen hatte ich heute noch keine Zeit. Ich laufe später. Altersgemäß geht es mir gut. Nur den Start beim Frankfurt-Marathon habe ich wegen der Folgen einer Corona-Erkrankung abgesagt.

Sie sind also nicht unverwundbar, wie Sie auch in Ihrem Buch „Du musst kein Held sein“ schreiben. Aber ist Politik nicht eine Art Sport, der Helden braucht?

Auch wenn ich mit Marathon und Mountainbike Individualsportarten betreibe, liebe ich vor allem Mannschaftssport. Auch in der Politik spielt man als Mannschaft zusammen. Ich muss mich fragen: Muss ich das alles allein machen oder schaffen wir das zusammen? Es geht darum, mit seinen Kräften zu haushalten. Dies ist nicht nur ein Grundproblem in der Politik. Viele Leser haben mir geschrieben, dass sie sich überfordert fühlen – ob Pflegekräfte oder Lehrer.

Als Kanzlerin Merkel nach einer durchgearbeiteten Nacht und einer Pressekonferenz um 3 Uhr Ihnen in der Morgenlage um acht gut gelaunt einen Kaffee anbot, fragten Sie sich: „Oh Gott, muss ich das auch können?“ Muss man das?

Ich weiß mittlerweile: Es ist wichtig, seine eigene Grenze nicht mit anderen zu vergleichen. Jeder muss ein Gefühl dafür entwickeln, was er leisten kann. Und jeder braucht gewisse Dinge, um wieder zu Kräften zu kommen – ob Zeit mit der Familie, Sport oder ein gutes Essen. Hier habe ich viel Lehrgeld bezahlt. Ich hatte eine völlig falsche Wahrnehmung von mir und ein überkommenes Männlichkeitsbild. Ich dachte, als Mann dürfe man keine Schwäche zeigen. Erst meine Darmerkrankung hat mich gestoppt. Es wäre klug gewesen, vorher darauf zu kommen. Dann hätte ich mir die zwei Wochen auf der Intensivstation inklusive der Operationen vielleicht erspart.

Wären Sie heute noch in der Politik, wenn Sie Ihre schwere Darmerkrankung nicht zum Umdenken bewogen hätte. Ihr Leben konnte nur durch eine Not-OP gerettet werden.

Wenn ich ehrlich bin, wäre ich wahrscheinlich noch in der Politik. Ich habe ja erst auch noch drei Jahre als Staatssekretär weitergemacht. Für viele ist es schwer, sich aus dem Politikbetrieb zu lösen. Politiker sollten aber nicht jammern. Sie werden gut alimentiert. Und auch wenn es nicht schön ist, mit negativen Schlagzeilen in der Zeitung zu stehen – es ist sehr angenehm, wenn sich alle um einen bemühen und man gefragt ist. Eine gewisse Eitelkeit haben doch alle Menschen. Ich bin zum Nachdenken gekommen, als der Arzt sagte: „Ich kann sie fit oder gesund machen.“ Ich habe mich für die Gesundheit entschieden und dann doch die Reha und eine längere Pause gemacht.

Juckt es Sie nicht manchmal, wieder mitzuspielen im Berliner Politikbetrieb?

Nein, das war eine spannende Zeit, aber jetzt kommt was Neues. Ich bin ja noch ehrenamtlicher Stadtverordnetenvorsteher in Gelnhausen. Aber ich beobachte natürlich, was in Berlin passiert. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Ergebnisse einer bis um 3 Uhr nachts inszenierten Sitzung nicht optimal sein können. Klug wäre es, um 22 Uhr nach Hause zu gehen, eine Nacht zu schlafen und die Verhandlungen am nächsten Morgen zu beenden. Aber ich weiß nicht, ob wir das in einer Mediendemokratie akzeptieren würden.

Friedrich Merz wollte der CDU nach 16 Jahren Merkel wieder ein konservativeres Profil geben. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen hat die Partei jedoch gerade eine Niederlage einstecken müssen. Ist die Aufbruchsstimmung schon wieder verpufft?

Das kann man so nicht sagen. Zuvor haben wir in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ja tolle Ergebnisse eingefahren. Ich glaube, die CDU ist nur erfolgreich, wenn sie die Mitte der Gesellschaft abbildet. Da haben wir noch ausreichend Luft nach oben. Angela Merkel wurde gescholten, als sie die Bundestagswahl mit 32 Prozent gewann. Nun freut man sich schon über 28 Prozent in Umfragen. Mein Anspruch ist das nicht. Zudem gilt: Wer glaubt, die CDU könne mit AfD-Themen Stimmen gewinnen, liegt falsch. Wahlen gewinnt die Union nur in der Mitte. Wir sind eine Volkspartei.

In Ihrem jüngsten Buch beschreiben Sie eine moderne deutsche Einwanderungsgesellschaft und preisen Preußen als Vorbild. Wieso sollten wir jetzt mehr Preußen wagen?

Mir ist bewusst, dass das für manche eine Provokation ist. Mit Preußen verbinden wir oft Militarismus und den Untertan von Heinrich Mann. Nicht umsonst sind die Farben Preußens Schwarz und Weiß. Ich beziehe mich auf das positive Preußen - auf Kant, Humboldt, die Bildungsreformen und die Aufklärung. Und das Land stand vor ähnlichen Problemen wie wir heute: viele Menschen unterschiedlicher Abstammung und Minderheiten. Den Preußen gab es ja nicht. Es gab Rheinländer, Polen, Katholiken. Es ging darum, wer dazu gehören kann. Auch heute müssen wir fragen: Was braucht unsere Gesellschaft? Ich denke: eine neue Grundfarbe. Zuletzt habe ich mit dem Arzt Umes Arunagirinathan gesprochen, der als Flüchtling aus Sri Lanka kam, aber schon lange in Deutschland lebt. Er sagt: Schwarz-Rot-Gold ist eine schöne Grundfarbe.

Regierungspräsident Walter Lübcke kannten Sie aus Ihrer Zeit als Landesvorsitzender der Jungen Union. Mit seinem Sohn Christoph haben Sie in Kassel ein persönliches Interview über den Mord geführt. Was zeichnete den CDU-Politiker aus?

Wir hatten am selben Tag Geburtstag. Zwischen uns gab es einen stillschweigenden Wettkampf, wer den anderen am 22. August zuerst anruft. Meist hat er sich zuerst gemeldet und mich dann beschimpft, weil ich zu spät war, ehe er schallend lachte. Walter Lübcke war immer klar in seiner Haltung, hatte aber immer einen versöhnenden Unterton. Er respektierte andere Meinungen. Und wenn er sich durchgesetzt hatte, hat er das eben nicht wie viele andere ausgekostet. Ich kann mich an kaum einen Tag erinnern, an dem er nicht fröhlich gewesen wäre. Er fehlt vor allem als Mensch und nicht nur als Politiker. Ich war mir schon kurz nach der Tat sicher, dass er aus politischen Gründen ermordet worden war. Damals gab es noch ein beklemmendes Schweigen. Aber eine innere Stimme sagte mir, dass es einen Zusammenhang geben musste zwischen der Hetze, die Menschen wie die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach betrieben haben, und der Tat.

Viele sagten nach seiner Ermordung, dass die Tat das Land verändern werde. Was hat sich geändert?

Es gibt mittlerweile ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass die Demokratie von Feinden von rechts angegriffen wird. Durch den Mord ist im Land klar geworden, dass man die Menschen, die unseren politischen Willen umsetzen, schützen muss – nicht nur im Bundestag, sondern auch auf kommunaler Ebene. Viele Bürgermeister werden beschimpft und bepöbelt. Dieses Bewusstsein hat sich Gott sei Dank geändert. (Matthias Lohr)

Peter Tauber redet am Mittwoch (19.30 Uhr) auf Einladung der Kasseler CDU in der Mensa des ECKD-Event-und-Tagungszentrums, Wilhelmshöher Allee 256, über sein Buch „Was hält uns zusammen? – Lösungen für die Einwanderungsgesellschaft“. (

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