Prozess vor Kasseler Landgericht wegen versuchten Totschlags

Attacke in Kasseler Innenstadt: „Ich dachte, mein Vater stirbt“

Der Tatort: Vor dem Jack-Wolfskin-Laden (rechts) an der Straße „An der Garnisonskirche“ wurde in der Nacht zum 14. Juni 2020 einem 53-jährigen Mann mit einer Schreckschusspistole gegen die Schläfe geschossen. Der Täter flüchtete später Richtung Königsplatz.
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Der Tatort: Vor dem Jack-Wolfskin-Laden (rechts) an der Straße „An der Garnisonskirche“ wurde in der Nacht zum 14. Juni 2020 einem 53-jährigen Mann mit einer Schreckschusspistole gegen die Schläfe geschossen. Der Täter flüchtete später Richtung Königsplatz.

Ein 53-jähriger Mann wurde im Juni vergangenen Jahres mit einer Schreckschusspistole in der Kasseler Innenstadt am Kopf verletzt. Jetzt muss sich der mutmaßliche Täter vor Gericht verantworten.

Kassel – Obwohl es um einen Kopfschuss geht, durch den ein 53-jähriger Mann aus Kassel am 14. Juni vergangenen Jahres in der Innenstadt lebensbedrohlich verletzt worden ist, können sich weder das Opfer noch der Tatverdächtige an den gesamten Ablauf erinnern. Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass die beteiligten Männer in dieser Nacht betrunken gewesen sind, als sie auf der Straße „An der Garnisonskirche“ unweit des Königsplatzes aufeinandertrafen.

Seit Mittwoch muss sich einer der beiden, ein 27-Jähriger aus Göttingen, nun vor der Sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts für die Tat verantworten. Der Mann, der sich in Wehlheiden in Untersuchungshaft befindet, ist wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und unerlaubten Führens einer Schusswaffe angeklagt worden. Die wesentlichen Anklagepunkte räumte der Mann mit den Erinnerungslücken vor dem Vorsitzenden Richter Volker Mütze bereits ein.

Er schilderte dem Gericht, dass er mindestens eine Flasche Wodka und Kokain konsumiert hatte, als er an dem besagten Abend mit zwei Freunden von Göttingen nach Kassel gefahren sei. Er habe Ärger mit seiner damaligen Freundin gehabt und deshalb schon den zweiten Tag hintereinander Schnaps getrunken und Kokain genommen. Das habe er in der Zeit davor regelmäßig getan, weshalb er auch schon mehrfach im Krankenhaus zum Entzug gewesen sei.

Eigentlich hätten sie in Kassel eine Shisha-Bar an dem Abend aufsuchen wollen, so der 27-Jährige. Die sei aber zu voll gewesen. Stattdessen habe man eine Kneipe besucht, wo er auf der Toilette noch eine Linie Kokain gezogen habe. In der Nähe des Königsplatzes sei er dann auf die späteren Opfer getroffen. Was dort genau geschah, daran könne er sich nicht mehr erinnern. „Ich weiß nur, dass ich den ersten Schlag mit einem Schlagring gemacht habe.“

Laut Anklage schlug der 27-Jährige einem heute 21-jährigen, es handelt sich um den Sohn des 53-Jährigen, mit dem Schlagring ins Gesicht. Zuvor hatte er Vater und Sohn, die von der Freundin des Sohnes und deren Bruder von einem Kneipenbesuch kamen, nach einer Zigarette gefragt. Als der 27-Jährige dann auch noch von Kokain gesprochen habe, habe man ihm eine Zigarette verweigert, sagte der 21-Jährige im Zeugenstand. Er habe nur noch seinen Vater wegziehen wollen.

Daraufhin habe der 27-Jährige ihn unvermittelt ins Gesicht geschlagen. Er sei auf den Boden gefallen und habe danach erst mal gar nichts mehr mitgekriegt, so der 21-Jährige. „Ich hatte aber auch ziemlich gut einen im Tee und habe später über 2 Promille gepustet.“ Als er wieder zu sich gekommen sei, habe er seinen Vater in etwa 20 Meter Entfernung – vor dem Jack-Wolfskin-Laden – liegen sehen, dann habe er einen Knall gehört. „Ich dachte, mein Vater stirbt.“

Der 53-jährige Vater konnte sich im Zeugenstand nicht mal mehr daran erinnern, dass der Angeklagte ihn nach einer Zigarette gefragt hatte. „Ich weiß gar nichts mehr.“ Die Erinnerung setzte erst ein, nachdem er im Klinikum Kassel wieder aufgewacht war.

Dafür konnte sich am Mittwoch der Angeklagte noch vage daran erinnern, was er dem 53-Jährigen angetan hat. Nachdem er den Sohn ins Gesicht geschlagen habe, sei der Vater mit einer Flasche auf ihn zugekommen. „Aus Reflex habe ich dann meine Schreckschusspistole gezogen und geschossen. Das ging alles ganz schnell. Ich wollte aber niemanden töten.“ Plötzlich seien von überall Leute gekommen und hätten geschrien, so der 27-Jährige. Daraufhin habe er zu seinen beiden Freunden gesagt, dass man gemeinsam weglaufen wolle. Schlagring und Waffe habe er auf der Flucht entsorgt. Der Angeklagte bestritt aber, das Opfer nach dem Schuss noch geschlagen und getreten zu haben.

Schläge und Tritte haben allerdings zwei Frauen in der Nacht beobachtet. Sie sagten gestern ebenfalls vor der Sechsten Strafkammer aus. Der Prozess wird am Mittwoch, 7. April, fortgesetzt. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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