„Die Politik der Uefa ist verantwortungslos“

Satiriker Thomas Gsella: „Ich finde Kassel gar nicht so schlimm“

Satiriker Thomas Gsella 2009 bei einer Lesung in Kassel.
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Satiriker Thomas Gsella 2009 bei einer Lesung in Kassel.

Wegen der Fußball-EM und eines documenta-Projekts kommt der Satiriker Thomas Gsella am Mittwoch nach Kassel. Hier verrät er, was er an er Stadt so grässlich findet.

Kassel – Über Thomas Gsella sagte der legendäre Robert Gernhardt einmal, er sei ein Meister. Wobei der Schriftsteller „Meista“ sagte, damit es sich auf Gsella reimte. Mit komischen Reimen ist auch der ehemalige Chefredakteur des Satire-Magazins „Titanic“ längst eine Marke geworden. Morgen tritt Gsella beim documenta-Projekt „Fußballaballa“ im Windpark Jahn auf. Dort zeigt das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) nicht nur das Halbfinale zwischen England und Dänemark, sondern veranstaltet mit Dynamo Windrad und den Streetbolzern auch ein Kulturprogramm. Wir sprachen mit dem 63-Jährigen.

Wie sehr waren Sie zuletzt im EM-Fieber?
Mehr als geplant. Eigentlich wollte ich die EM gar nicht schauen, weil ich die Politik der Uefa verantwortungslos finde. Bei den Spielen kommen zehntausende Menschen ohne Abstand zusammen. Dabei macht die Pandemie allenfalls eine Pause. Die Uefa hat einmal mehr gezeigt, dass es ihr nur ums Geld geht. Aber dann hab ich doch packende Partien gesehen. Wenn die Spiele gut sind, vergisst man leider, dass das Turnier ein Skandal ist.
Morgen diskutieren Sie bei „Fußballballa“ über Fußball und politischen Aktivismus. Dabei gehören Sport und Politik doch nicht zusammen, wie die Uefa stets versichert.
Ja, das sagen Funktionäre immer, wenn es ans Portemonnaie gehen könnte. Ein Aktivist bin eigentlich nicht, nur ein kritischer, wenn auch verliebter Beobachter. Am Mittwoch wird es daher eher komisch als sehr ernsthaft. Ich werde Gedichte vorlesen, in denen es um die Schweinereien der Uefa und Fifa geht, aber auch freie Komik und Nonsens. Vielleicht frage ich historische Mannschaftsaufstellungen ab. Ich lese auch Gedichte über europäische Staaten vor, die den innereuropäischen Rassismus parodieren. Der dezentrale Austragungsmodus der EM kann ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nach wie vor sehr viel Vorurteile zwischen den Staaten gibt.
Ist die deutsche Elf zu recht ausgeschieden?
Ja, bis auf die Partie gegen Portugal waren die deutschen Spiele schrecklich langweilig. Besonders schade finde ich, dass die Rückkehrer Mats Hummels und Thomas Müller so unglückliche Szenen hatten. Der eine hat ein Eigentor gemacht, der andere verpasste den Ausgleich gegen England. Das gönne ich den beiden gar nicht, weil sie anders als so manche EM-Stars recht uneitel zu sein scheinen.
Inwiefern ist Jogi Löw für Sie ein tragischer Held, weil er den Zeitpunkt zum rechtzeitigen Abschied verpasst hat?
Ich kann verstehen, dass er so lang geblieben ist. Ich schreibe für mein Leben gern Gedichte und würde nicht damit aufhören wollen, nur weil es jemand von mir verlangt. Ich habe Jogi Löw ja sogar verehrt bei seinem WM-Sieg. Man ist als Fan halt nicht der Hellste. Es kann aber nicht sein, dass einer, der früher alles richtig gemacht hat, nun alles falsch macht. Offenbar gibt es gerade einfach zu wenig gute deutsche Spieler.
Viele Fans schimpfen auf den ARD-Experten Bastian Schweinsteiger. Wie beurteilen Sie als Experte und Autor des Buches „So werde ich Heribert Faßbender. Grund- und Aufbauwortschatz Fußballreportage“ das TV-Personal?
Ich fand Schweinsteiger gar nicht so schlecht, sondern wohltuend, weil er sich anders als früher Oliver Kahn mit Floskeln zurückgehalten hat. Grundsätzlich bewundere ich Sportreporter, wie sie 90 Minuten füllen können, die sich ja oft gleichen wie ein Ei dem anderen. Mich nerven nur diejenigen, die das Spiel künstlich spannend machen wollen. Da sehne ich mich nach den Kommentatoren der 70er- und 80er-Jahre zurück, die auch mal minutenlang schwiegen.
Ihre Gedichte kann man jede Woche im „Stern“ und im Schweizer „Magazin“ lesen. Wie kann man ständig kreativ sein?
Meistens drängen sich die Themen auf. Sie liegen auf der Straße oder im Netz herum. Nach dem Kaffee setze ich mich morgens an den Schreibtisch und hoffe, dass mir etwas einfällt. Meistens fällt mir auch etwas ein. Eine Schreibblockade hatte ich bislang nicht. So habe ich 30 Bücher geschrieben.
Lyriker findet man eher selten in den Bestsellerlisten. Wie gut können Sie von Ihren Reimen leben?
Allein von den Büchern könnte ich nicht leben. Da müsste ich vermutlich Regionalkrimis schreiben. Darum ist es gut, dass ich die beiden Kolumnen habe nebst anderen festen Sachen. Ich mache klassische Reimlyrik, die komisch sein will, und verkaufe immer ein paar tausend pro Buch. Angesichts einer durchschnittlichen Auflage von 300 Stück bei Lyrik-Bänden bin ich sehr zufrieden.
Erinnern Sie sich noch an Ihre Lesung 2009 in der Kasseler Ing.-Schule? Es kamen nur 25 Besucher, der Bühnenscheinwerfer funktionierte nicht, der Laptop, mit dem Sie Bilder an die Wand werfen wollten, fiel aus und die Buchhandlung, die einen Tisch mit Ihren Büchern bereitstellen sollte, hatte sich um eine Woche vertan.
O ja, ich habe da eine blasse Erinnerung. Damals funktionierte wirklich nichts. Trotzdem war es eine schöne Lesung. Solche Erlebnisse erden einen und machen einem bewusst, dass man keine Weltberühmtheit ist.
In einem Ihrer Schmähgedichte, die sie über Städte geschrieben haben, heißt es über Kassel: „Die City wie aus Hass gerührt, / Der Bahnhof ein Schlamassel. / Leb’ du zur Not in Ulm und Fürth, / Doch nie, niemals in Kassel.“ Haben Sie ein besonderes Verhältnis zu Kassel?
Ja, ich mag die Caricatura. Die komische Kunst ist hier sehr schön vertreten. Einmal habe ich bei Dynamo Windrad mitgekickt und ein Tor geschossen. Joschka Fischer war auch in unserer Mannschaft. Beim Gegner spielte eine Nationalspielerin mit, die besser war als wir alle zusammen. Dass das Kassel-Gedicht so hämisch wurde, lag auch am ICE-Bahnhof: Das ist einer der schrecklichsten Bahnhöfe der Welt. Es zieht dort fürchterlich. Ansonsten finde ich Kassel aber gar nicht so schlimm.
Viele Freunde machen Sie sich mit solchen Gedichten sicher nicht.
Es kommen immer viele Reaktionen. Als Satiriker halte ich die Welt für zutiefst verbesserungswürdig. Ich habe Spaß an der uneigentlichen Rede und bringe die Menschen gern zum Lachen. Darum schimpfe ich auch da, wo es eigentlich keinen Grund zum Schimpfen gibt. Ich freue mich, wenn die Leute darauf reagieren. Auf das Kassel-Gedicht habe ich viele Gegengedichte und Einladungen nach Nordhessen erhalten. Meistens enden die Konversationen also freundlich.
Wann bekommen Sie endlich den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor?
Darauf warte ich schon seit Jahren, denn ich habe ihn längst verdient. Wahrscheinlich muss ich immer noch büßen für das Kassel-Gedicht und sie erwarten ein neues Werk über ihre Stadt. Das aber werde ich erst nach dem Preiserhalt schreiben. (Matthias Lohr)

Fußballballa: Dienstag, 19.30 Uhr, Nordstadt-Stadion, Struthbachweg 3. Mittwoch, 19.30 Uhr (mit Thomas Gsella), Windpark Jahn, Mittelfeldstraße 29a.

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