Einnahmen seit Corona eingebrochen

Musikerin aus Kassel diskutierte mit Angela Merkel über Corona: „Ich fühle mich geopfert“

Musikerin Christina Lux hat mit Angela Merkel über die Nöte der Kultur in der Pandemie diskutiert. Hier erklärt sie, warum sie von der Politik enttäuscht ist.

Kassel/Köln – Die aus Kassel stammende Musikerin Christina Lux war am Dienstag eine von 14 Kulturschaffenden, die an der virtuellen Reihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“ teilnahmen.

Anderthalb Stunden diskutierten sie online mit Angela Merkel über ihre Lage. Seit Corona hat Lux nur noch maximal ein Drittel ihres bisherigen Monatseinkommens zur Verfügung.

Im Gespräch mit der Bundeskanzlerin: Die aus Kassel stammende Musikerin Christina Lux (rechts) diskutierte am Dienstag mit 13 anderen Kulturschaffenden mit Angela Merkel.
Frau Lux, wie ist es, der Bundeskanzlerin zu widersprechen?
Gut und richtig. Ich fand es cool, dass sie überhaupt direkt mit den Menschen spricht. Gerade in diesen Zeiten muss man den Dialog halten.
Sie widersprachen Merkel, als sie sagte, die Hilfen würden da ankommen, wo sie ankommen sollen. Sie sagten: „In meinem Fall ist das wie bei vielen Kollegen so, dass das nicht der Fall ist.“
Einige Dinge, die wir angesprochen haben, hat sie ein bisschen abgewickelt. Trotzdem muss man sagen: Sie kennt sich enorm aus. Es ging um so viele verschiedene Bereiche. Und sie hatte fast alles auf dem Schirm. Trotzdem hat sie bei meinem Punkt das gesagt, was ich befürchtet hatte.
Was denn?
Sie kam mit dem erleichterten Zugang zur Grundsicherung, der eben oft nicht gewährt wird. Und das ist nur das Existenzminimum und ersetzt nicht die Möglichkeit, ein kleines Unternehmen zu erhalten, wie es jeder Soloselbstständige von uns betreibt. Wir bekommen keine vernünftige Kompensation für unseren Lebensunterhalt und den Betrieb. Grundsicherung bedeutet Miete, Krankenversicherung und Heizung. Alles andere wie Altersvorsorge, Lebensversicherungen musst du von 400 Euro bestreiten. Besteht eine Bedarfsgemeinschaft, gibt es im schlimmsten Fall nichts. Wenn du dann noch ein Auto oder Kredit abbezahlen musst, hast du nichts zu essen.
Auf Facebook schrieben Sie, ihre Stimme habe zu Beginn gebebt. Wie aufgeregt waren Sie?
Schon sehr. Das hört man auch. Dabei kannst du mich sonst auf jede Bühne stellen und ich rede mir alles von der Seele. Hier musste ich in sehr kurzer Zeit auf den Punkt kommen.
Wie kam es dazu, dass Sie mit der Regierungschefin reden durften?
Ich bin Mitinitiatorin der Kulturinitiative 21, die über den Kulturrat Nordrhein-Westfalen zustande kam. Gemeinsam haben wir einige Briefe verfasst. Vor wenigen Wochen hat mich der Deutsche Musikrat angefragt, ob ich dabei sein will.
Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Seit Beginn der Pandemie habe ich mich mit vielen Details beschäftigt. Ich habe also ein gutes Grundwissen über die Hilfen und weiß, dass die meisten Musiker so ein Mischding machen. Sie stehen nicht nur auf der Bühne, sondern unterrichten zum Beispiel auch. Wer aber nicht mindestens zu 51 Prozent eine freiberufliche Tätigkeit ausübt, sondern etwa 60 Prozent Unterricht, fliegt aus jeder Hilfe raus. Das ist krass.
Merkel sagte, es sei ganz wichtig, dass jeder Öffnungsschritt ein Element der Kultur habe. Wie zuversichtlich gehen Sie aus dem Gespräch heraus?
Im Gesetz zur Bundesnotbremse steht, dass es 14 Tage lang eine Inzidenz von höchstens 100 geben muss, bis an eine Öffnung gedacht wird. Es kann also sein, dass ich dieses Jahr gar kein Konzert spielen kann. 2020 bin ich einigermaßen durchgekommen. Die Lage wird jetzt richtig mies. Dabei gibt es wunderbare Veranstaltungssäle, die tolle Lüftungsanlagen aufgebaut und Konzepte entwickelt haben. Studien zeigen, dass die Ansteckungsgefahr da sehr klein ist. Merkel sagte dazu: „Aber die Leute müssen auch hin- und wegkommen. Da entstehen Kontakte.“ Dabei ist die Gefahr, sich in einer überfüllten S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit anzustecken, achtmal höher als bei Konzerten mit Hygieneregeln. Ich fühle mich geopfert, weil es keine Gleichbehandlung gibt. Schließungen sind richtig und wichtig, um Zahlen zu senken, aber sie sollten nicht einseitig sein.
Wie meinen Sie das?
Man hätte längst einen kurzen harten Stopp machen und auch die komplette Wirtschaft schließen sollen. Ein solcher echter Lockdown wie in Portugal ist hart, klar, aber die Zahlen sinken schnell. Ein langer Lockdown light, wie wir ihn seit Monaten haben, opfert Gastronomie, Einzelhandel und Kultur. Die Politik beschließt viele Dinge, die unlogisch sind. Das zermürbt und führt zu Verdrossenheit.
Verdrossen sind auch die 51 Schauspieler, die die Aktion #allesdichtmachen starteten und dafür heftig kritisiert wurden. Wie fanden Sie die Videos?
Ich fürchte, dass die Wahl der Mittel genau das Gegenteil bewirkt hat, das vielleicht von den Schauspielern gedacht war. Angesichts des Leids, das die Pandemie bringt, sind Satire und Sarkasmus für mich ganz schwierig. Ich bin zu müde dazu und es ist zu ernst.
Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Diskussion mit der Kanzlerin bekommen?
Unter dem Facebook-Post der Bundesregierung stehen fürchterliche Kommentare. Dort fragen Leute: „Wie kann man überhaupt nur mit der Regierung reden?“ Aber in meinen eigenen Kreisen habe ich sehr viele zustimmende Reaktionen bekommen. Das macht Mut.
Was glauben Sie, wann Sie wieder auf der Bühne stehen können?
Dieses Jahr wohl gar nicht. Das vergangene Jahr hat gezeigt: Kultur wird immer als letztes geöffnet. Viel ist von Wertschätzung die Rede. Am Ende wird trotzdem immer ein Gefühl geweckt, dass man auf Kultur am ehesten verzichten könne. Das ist schmerzhaft. Dennoch nützt alles Jammern und Beleidigen nichts. Demokratie ist langwierig. Sie braucht Dialog und aktives Einbringen. (Matthias Lohr)

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