Flüchtlinge aus Erstaufnahmelager Niederzwehren

„Ich habe Angst zu sterben“: So schlimm ist es in der Flüchtlingseinrichtung Kassel

Mahnwache der Initiative „Kein Mensch ist illegal“ vor der Erstaufnahmeeinrichtung in Niederzwehren.
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Hier lebten zuletzt mehr als 300 Flüchtlinge, dann kam Corona: Am Wochenende hielten Initiativen wie „Kein Mensch ist illegal“ eine Mahnwache vor der Erstaufnahmeeinrichtung in Niederzwehren ab.

Auch eine Woche nach dem Corona-Ausbruch in der Flüchtlingseinrichtung in Kassel-Niederzwehren ist die Lage angespannt. Hier äußern sich erstmals zwei Flüchtlinge.

Kassel – Vor einer Woche wurde bekannt, dass es in der Flüchtlingseinrichtung in Niederzwehren zu einem Corona-Ausbruch kam. Die Lage ist nach wie vor angespannt. Zuletzt hatten Mediziner und andere Kenner des Lagers die Bedingungen dort kritisiert. Nun äußern sich erstmals Bewohner. Wir haben mit zwei Flüchtlingen telefoniert. Beide haben große Angst, abgeschoben zu werden. Damit sie nicht identifiziert werden können, nennen wir weder ihre Namen, ihr Alter noch ihre Herkunftsländer.

Mann aus Nahost

Ich habe vor einer Woche erfahren, dass ich positiv bin. Die ersten sechs Tage war alles okay. Aber jetzt bin ich richtig krank, habe Kopf- und Gliederschmerzen. Mein Körper ist so geschwächt, dass ich es fast nicht schaffe, zur Toilette zu gehen. Ich trinke viel Wasser und Tee. Meine einzige Medizin ist Ibuprofen. Meine Frau war am Anfang negativ, aber da wir zusammen in einem kleinen Raum leben, hat sie mittlerweile sicher auch Corona. Auch ihr geht es nicht gut.

Die Menschen hier haben alle Angst. Sie haben keine Zukunft. Die Mitarbeiter der Einrichtung bemühen sich, aber die Bewohner vertrauen ihnen nicht mehr. Niemand sagt uns etwas. Niemand weiß, wie es weitergehen kann.

Ich habe die Krankheit fast vergessen, weil die Situation im Lager viel schlimmer ist als das Coronavirus. Auch nach dem Test waren die infizierten Bewohner noch lange mit den anderen in denselben Räumen. Überall hörte man Husten. So hat sich das Virus ausgebreitet. Mittlerweile ist es etwas ruhiger. Statt 300 Menschen leben etwa nur noch 150 hier.

Heute tragen manche Masken, manche kümmern sich nicht darum. Sie glauben, die Masken helfen nichts. Einige sind auch so panisch, dass sie versuchen zu flüchten. Man sieht immer wieder Polizeiautos.

Auch ohne Corona sind die Bedingungen hier nicht gut. Die Wände sind wie aus Papier. Man hört alles von nebenan. Meine Frau und ich wohnen neben einer Familie mit mehreren Kindern. Wir sehnen uns so sehr nach Schlaf. Normalerweise kann man so eine Situation nicht länger als einige Tage aushalten, aber wir sind nun schon zwei Wochen hier. Dabei ist Niederzwehren nur ein kleines Lager. Davor waren wir einen Monat in Gießen.

In meiner Heimat habe ich als IT-Ingenieur gearbeitet und war in der Opposition. Ich bin politischer Flüchtling. Mein Leben war in Gefahr. Meine Frau ist Künstlerin und allein aus Liebe mit mir geflohen. Wir wollten nach Deutschland, weil ich dachte, dass die Menschenrechte hier mehr geachtet werden als in jedem anderen Land. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Trotzdem bin ich Deutschland dankbar. Alle sind so nett hier. Und es ist auch klar, dass mit den Flüchtlingen auch Menschen nach Deutschland kommen, die Probleme mitbringen. Ich bin kein Rassist, aber diesen Eindruck gewinnt man hier im Lager. Zum Zwischenfall mit den Sicherheitskräften kann ich nichts sagen. Es überrascht mich nicht, dass so etwas passiert. Ich selbst habe mit Polizei und Security nur positive Erfahrungen gemacht.

Mein Traum ist es, dass ich als Programmierer in Deutschland arbeiten kann und meine Frau als Künstlerin. Es ist besser, hier zu sein, als zuhause getötet zu werden.

Frau aus Westafrika

Vorigen Dienstag wurde ich auf Corona getestet. Am Donnerstag habe ich erfahren, dass ich infiziert bin. Seitdem bin ich in Quarantäne. Es geht mir nicht gut. Seit Donnerstag haben wir keine Neuigkeiten erhalten. Keiner weiß, wie lange er in Quarantäne bleiben muss und wie er sich verhalten soll.

Zeitweise gab es auch Kontakt zwischen infizierten und gesunden Bewohnern, sowohl draußen als auch drinnen. Ärzte und Krankenschwester habe ich zuletzt nicht mehr gesehen.

Die Lage hier ist angespannt. Wir sind eingeschlossen. Die meisten Leute sind sehr bedrückt. Niemand gibt ihnen Zuspruch. Viele weinen.

Mittlerweile tragen alle Masken. Bis vor zwei Wochen hat kaum einer diesen Schutz getragen. Pro Etage gibt es nun nur noch eine Toilette für Männer und Frauen. Das ist sehr unangenehm. Desinfektionsmittel gibt es überhaupt nicht.

Den Vorfall mit Sicherheitsleuten habe ich nur am Rande verfolgt. Aber ich habe die Verletzungen gesehen, die den Söhnen einer Bekannten zugefügt wurden. Immer wieder kam es vor, dass Bewohner versucht haben, über den Zaun nach außen zu gelangen.

Ich bin ganz allein nach Deutschland gekommen. In meiner Heimat sollte ich gezwungen werden, einen Mann zu heiraten, den ich nicht heiraten wollte. Ich wurde in einem Zimmer eingesperrt und gefoltert, damit ich der Heirat zustimme.

In Deutschland möchte ich studieren. In Kassel bin ich seit einem Jahr. Es ist schon meine fünfte Station in Deutschland. In jeder Einrichtung war es ähnlich. Man kann nicht schlafen, man ist nie allein.

Ich dachte, in Deutschland ist man sicher. Aber mittlerweile habe ich Angst, hier zu sein. Ich habe Angst zu sterben – wegen Corona. (Aufgezeichnet von Matthias Lohr)

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