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So denken Kasseler über den Krieg in der Ukraine: „Ich habe Wut und Angst in mir“

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Von: Matthias Lohr

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Furcht vor einem großen Krieg: Vor wenigen Tagen feierten ukrainische Soldaten in Odessa den „Tag der nationalen Einheit“. Nun hat Russlands Präsident Wladimir Putin Soldaten in die Ostukraine entsandt.
Furcht vor einem großen Krieg: Vor wenigen Tagen feierten ukrainische Soldaten in Odessa den „Tag der nationalen Einheit“. Nun hat Russlands Präsident Wladimir Putin Soldaten in die Ostukraine entsandt. © Emilio Morenatti/AP/dpa

Eine Ukrainerin bangt um das Leben der Familie, Russlanddeutsche loben Russlands Präsidenten Putin. So unterschiedlich sind die Reaktionen in Kassel auf die Eskalation der Krise.

Kassel – Die Sorge um einen möglichen großen Krieg in der Ukraine beschäftigt auch viele Kasseler. In der Stadt leben 772 Russen und 562 Ukrainer (so die offiziellen Zahlen vom 31. Dezember). Dazu kommen viele Deutsche, die in einem der beiden Länder aufgewachsen sind. Wir haben mit einigen über die Lage in Osteuropa gesprochen, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin die selbst ernannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk anerkannt und die Entsendung von Soldaten in die Ostukraine angeordnet hat.

Aus der Ukraine in Kassel

Artur Schöneburg wundert sich, dass seine Verwandten aus Kiew ihn noch nicht gefragt haben, ob sie eine Weile bei ihm unterkommen können. Der 48-Jährige hätte Verständnis dafür, wenn „sie für eine gewisse Zeit zu uns kommen“ würden. Denn: „Von Putin kann man alles Mögliche erwarten. Wenn von jemandem eine Kriegsgefahr ausgeht, ist es Russland.“

Schöneburg wuchs in der Ukraine auf, als die noch zur Sowjetunion gehörte. 1991 wanderte die Familie mit deutschen Wurzeln in den Westen aus. Heute arbeitet der IT-Systemelektroniker bei der Kasseler Unternehmensbetreuung Omnica und lebt mit seiner ebenfalls aus der Ukraine stammenden Frau in Wolfhagen. Als Bundeswehrsoldat überwachte er einst das westliche Nordrussland.

Im Konflikt fühle sich die Ukraine von der Nato im Stich gelassen, sagt Schöneburg. Und auch sonst sieht er eine Mitschuld des Westens: „Wir machen Russland reich, indem wir dort Öl und Gas kaufen. Das Geld kommt aber nicht dem russischen Volk zugute, sondern denen, die die Macht an sich gerissen und keinen Anstand haben.“

Oksana Kyzymchuk ist seit 2019 Deutsche, aber ihre Eltern und ihr Bruder leben weiter im westukrainischen Lwiw (Lemberg). Die Künstlerin, die gerade eine Ausstellung ihrer Arbeiten im Hallenbad Ost vorbereitet, sagt: „Ich habe Wut, Verzweiflung und Angst in mir, liebe Menschen in diesem Konflikt vielleicht zu verlieren. Das alles treibt mich um.“

Die jüngste Eskalation kommt für sie nicht überraschend – anders als für einen großen Teil der deutschen Öffentlichkeit, die von dem „vergessenen Krieg im Donbass“ kaum etwas wissen wollte, wie Kyzymchuk sagt: „Täglich gab es dort Tote und Schwerverletzte. Die Weltgemeinschaft hat das in den letzten Jahren wenig interessiert.“

Vom Westen fordert die 38-Jährige nun harte Sanktionen und „keine Placebos“. Nur die könnten das wirtschaftlich schwache Russland treffen. Die Folgen hätten dann zwar vor allem die Menschen zu tragen. Aber so könnte Unruhe im Land entstehen: „Das kann Putin gar nicht gebrauchen.“

Die Russlanddeutschen in Kassel

Die Stimmen, die Härte gegenüber Russland fordern, werden nach Putins denkwürdiger Ansprache vom Montagabend lauter. Da hatte der Kreml-Führer unter anderem einen Genozid an Russen in der Ukraine beklagt. Einen Völkermord? Westliche Politiker sind entsetzt über die Wortwahl Putins. Rund um den Rhönplatz in Helleböhn glauben die Menschen jedoch dem Autokraten aus Moskau.

In der Siedlung aus den 1950er-Jahren leben viele Russlanddeutsche. Es ist eine kleine Parallelwelt – zumindest was den Blick auf den Konflikt im Osten angeht. Normalerweise sitzen auf den Bänken vor der Apotheke am Helleböhn alte Männer und unterhalten sich über früher. Gestern war der Platz leer. Der Wind bläst kühl aus Westen. Das Wetter passt zur Eiszeit in den deutsch-russischen Beziehungen.

Die Frauen, die man nach deren Einkauf im auf osteuropäische Produkte spezialisierten Supermarkt Kauver anspricht, haben eine klare Meinung. „Putin macht alles richtig“, sagt eine Rentnerin aus Kasachstan. Der Genozid an den Russen in der Ukraine müsse aufhören. An den Worten Putins zweifelt hier kaum jemand. Eine 70-Jährige, die aus Kasachstan nach Deutschland kam, urteilt, dass ukrainische Soldaten schlimmer seien als die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, „alles Faschisten“. Sie findet, dass die Ukraine zu Russland gehören sollte, so wie das Land früher Teil der Sowjetunion war. Dann würde es den Menschen dort besser gehen. Von einem Recht auf nationale Selbstbestimmung wollen die Frauen nichts wissen.

Die Weltpolitik verfolgen die Menschen hier nicht bei ARD und ZDF, sondern im Internet, vor allem auf osteuropäischen Kanälen. Viel ist von Propaganda die Rede, aber nicht nur auf russischer Seite. Eine 67-Jährige, die aus Kirgisistan stammt, mahnt, dass man nicht alles glauben solle, was die Medien hierzulande berichten: „Sie müssen selbst hinfahren und gucken.“ Und sie hat noch einen Rat an die Konfliktparteien: „Jeden Tag schießen ist nicht gut.“

Der Russe in Kassel

Valery Dushevin weiß, wie die Menschen in Osteuropa denken. Als Tänzer ist der Betreiber der Ballettschule Dushevin viel herumgekommen. Der 53-Jährige stand unter anderem lange in St. Petersburg und Warschau auf der Bühne. Von seinen zahlreichen Freunden und Verwandten in Russland weiß er, dass Putin und die anderen Politiker „weit weg sind von dem Leben der Menschen“. Was Putin jetzt mache, sei ein Spiel. Verurteilen will er ihn deshalb nicht. Dushevin sagt: „Jeder hat seine eigene Wahrheit.“

Er war selbst in der Armee und hat gesehen, wie Menschen getötet wurden. Darum ist für ihn klar, dass Krieg keine Lösung sein kann. Allerdings ist Dushevin auch Realist: „Man braucht keinen Krieg. Nirgendwo. Aber irgendwo wird es immer Krieg geben.“

Das Unternehmen in Kassel

Gern hätten wir erfahren, wie man bei Wingas über die Eskalation in Osteuropa und den von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgesprochenen Stopp der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 denkt. Mit mehreren Hundert Mitarbeitern ist Wingas ein wichtiger Arbeitgeber in Nordhessen. Eine entsprechende Anfrage an den Konzern blieb jedoch bis Redaktionsschluss am Dienstag unbeantwortet. (Matthias Lohr)

In der Ukraine spitzt sich die Lage zu, die EU kündigt erste Sanktionen gegen Russland an. Wird daher schon bald das Gas in Deutschland knapp?

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