„Ich räume Leben weg“

Das erlebt ein Tatortreiniger aus Kassel: Zurzeit hat er es mit einem speziellen Fall zu tun

Bei der Arbeit: Tatortreiniger Jochen Radtke ist derzeit in der Innenstadt in Kassel tätig. Hier muss er einen Messi-Haushalt auflösen.
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Bei der Arbeit: Tatortreiniger Jochen Radtke ist derzeit in der Innenstadt in Kassel tätig. Hier muss er einen Messi-Haushalt auflösen.

Jochen Radtke ist Tatortreiniger in Kassel - auch Messihaushalte entrümpelt er. Es gibt kaum etwas, was er noch nicht erlebt hat.

Kassel - Jochen Radtke zu folgen, ist kein Vergnügen. Mit jeder Treppenstufe, die nach oben führt, wird der Geruch unangenehmer. Selbst die Corona-Maske kann den Gestank nicht abhalten. Hinter der Wohnungstür riecht es noch einmal strenger. Es ist kaum möglich, einen Schritt nach vorn zu machen, weil von oben bis unten, von links nach rechts alles voll steht. Jochen Radtke kann dem nicht ausweichen. Diese Wohnung ist für mindestens zwei Wochen sein Arbeitsplatz. Sein Beruf: Tatortreiniger und Entrümpler von Messihaushalten. Die harten Fälle also.

Der Mann aus Zierenberg hat dabei schon viel erlebt: Einmal war der Tatort hochoben in einem Windrad, ein andermal musste er eine Maschine sauber machen, in der ein Mensch ums Leben gekommen ist. An Tatorten findet er mitunter noch Überreste von Leichen vor – und nicht nur das. Bei einem Einsatz entdeckte er einmal Dutzende von toten Igeln in einem Gefrierfach. Es gibt kaum etwas, was er noch nicht erlebt hat, und doch ist sein aktueller Fall ein spezieller.

Tatortreiniger in Kassel: Radtke beschäftigt spezieller Fall

Jochen Radtke löst gerade einen Haushalt in der Innenstadt in Kassel auf. Über mehrere Tage lag dort eine Frau unentdeckt tot in ihrer Badewanne. Sie hat keine Familie, keine Verwandten. Sie lebte als Messi – nicht fähig, irgendwie Ordnung in ihre Wohnung zu bringen. Alles liegt wahllos durcheinander, Schachteln, Elektrogeräte, Lebensmittel – eine traurige Geschichte.

Für Jochen Radtke ist sie auch die Folge eines Teufelskreises, den er aus seiner Erfahrung als Tatortreiniger kennt: Wenn ihre Wohnung zur Müllhalde verkommt, ziehen die Menschen sich zurück, sie lassen selbst Angehörige nicht mehr zu sich, sie vereinsamen. Und wenn sie vereinsamen, bekommt niemand mehr mit, wenn sie sterben.

Jochen Radtkes Arbeit besteht dann darin, alles rund um dieses fremde Leben zu beseitigen, er sagt: „Ich räume Leben weg. Wenn ich es nicht mache, dann macht es keiner mehr.“ Seine Emotionen kann er dabei nicht immer vor der Wohnungstür abstreifen: „Es gibt Momente, die gehen nahe.“ Wenn er zum Beispiel die Puppensammlung hinter all dem Gerümpel an der Wand sieht oder wenn er auf die Tiere verweist, die ihn die vergangenen Tage beschäftigt haben – ein eigenes Kapitel dieser traurigen Geschichte.

Kassel: Tatortreiniger rettet zahlreiche Tiere aus Wohnung

Als die Frau vor knapp zwei Wochen nach einem Hinweis von Nachbarn entdeckt wurde, fanden die Polizisten nämlich nicht nur die Leiche der Frau, sondern auch Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen, die kurz davor waren zu verhungern und zu verdursten. Bis auf ein Meerschweinchen konnten alle Tiere gerettet werden, wobei sich die Sache bei einer Katze kompliziert gestaltete.

Sie zog sich immer wieder zurück in den Wust an Unrat, war über Tage nicht auffindbar. Jochen Radtke und Mitarbeiter des Veterinäramtes haben dann in jeden Raum Futter gestellt, um herauszufinden, wo sich die Katze aufhält. Irgendwann bekamen sie das Tier zu Gesicht – ein kleiner Erfolg. Jetzt ist die Katze in Sicherheit. Immerhin.

Teil der Tätigkeit: Im Bad desinfiziert Jochen Radtke die Wände.

Kassel: Müll wird sorgfältig getrennt und sortiert

Die Arbeit ist damit aber nicht getan für Jochen Radtke, sie fängt jetzt erst richtig an. Und wer auf all die Gegenstände blickt, der bekommt den Eindruck, als ob der Tatortreiniger mit Zweitnamen Sisyphus heißen muss. Zumal er nicht alles in einen Container schmeißt, sondern den Müll, von dem es hier Massen gibt, sortiert und trennt, bevor es alles desinfiziert.

Es kann dauern, bis er dem Vermieter als Auftraggeber eine Wohnung vorzeigen kann, in der wieder neues Leben möglich ist – eine Wohnung mit einem Geruch, der nichts mehr mit Gestank zu tun hat.

Tatortreiniger in Kassel: „Das Gefühl von Ekel geht nie ganz weg“

Eine letzte Frage noch an den zertifizierten Tatortreiniger, der zugleich staatlich geprüfter Desinfektor ist: Wird ihm nicht mehr übel? „Doch“, sagt er. Und das, obwohl er sich mittlerweile eine Technik angeeignet habe, um den Brechreiz zu unterdrücken. Manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter. Aber: „Das Gefühl von Ekel geht nie ganz weg.“

Ein paar Tage nach dem Termin erzählt Jochen Radtke in einem Telefongespräch, dass er weiterhin zugange ist in der Innenstadt. Gerade habe er im Gefrierschrank eine Katze und einen Hasen entdeckt. (Florian Hagemann)

Eine Tatortreinigerin aus Hessen* klärt über ihren Beruf auf. „Wo sich andere vor Entsetzen übergeben“, fängt ihre Arbeit erst an. *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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