Identifizierte Tote vom Jungfernkopf

Identifizierte Tote vom Jungfernkopf: Abschied nach acht Jahren

Heike Borkowski-Klinge

Kassel. „Wir möchten nun Abschied nehmen.“ Für diese Formulierung in der Todesanzeige hat sich die Familie von Heike Borkowski-Klinge aus Harleshausen entschieden. Seit Montagabend haben die Angehörigen Gewissheit.

Bei der toten Frau, die vor drei Wochen auf einem verwilderten Grundstück einer ehemaligen Gärtnerei am Jungfernkopf gefunden wurde, handelt es sich um ihre Frau, Mutter beziehungsweise Tochter.

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Nachdem die Knochen am 17. Oktober von Arbeitern auf dem Grundstück entdeckt worden waren, hat die Kriminalpolizei sofort den Ehemann der seit dem Jahr 2004 vermissten Frau verständigt. „Da gingen mir natürlich die Nerven“, sagt der 62-Jährige. Ihm sei sofort klar gewesen, dass es sich bei der Toten um seine Frau handelt. „Allein wegen der räumlichen Nähe.“

Die Stelle, an der sie jetzt gefunden wurde, liege nur zehn Minuten zu Fuß von dem Ort entfernt, an dem sich seine Frau am 27. Juni 2004 nach einem Spaziergang von einer Freundin verabschiedet habe. Damals sei es seiner Frau psychisch nicht gut gegangen. Sie sei zwei Tage zuvor in einer Tagesklinik gewesen.

Heike Borkowski-Klinge war Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin und unterrichtete zuletzt schwierige Jugendliche an der Produktionsschule Buntstift. „Die Arbeit hat sie belastet.“ Seine Frau habe sich damals Vorwürfe gemacht, die jungen Leute nicht richtig auf eine Prüfung vorbereitet zu haben. „Das war nicht der Fall. 14 der 18 Prüflinge haben bestanden“, erinnert sich ihr Mann. „Wenn man als Lehrer aber zu sensibel ist, dann kann das zu einem Zusammenbruch führen.“

Fotos: Suche nach Knochen geht weiter

Kassel: Suche nach Knochen geht weiter

Die Freundin seiner Frau habe vor acht Jahren nach dem Spaziergang sofort bei ihm angerufen, nachdem diese gesagt habe, sie wolle allein nach Hause gehen, erzählt der 62-Jährige. Nachdem seine Frau nach 15 Minuten nicht aufgetaucht sei, machten sich der Mann und die Söhne (heute 32 und 27 Jahre alt) sofort auf die Suche. Mit dem Auto und auf Fahrrädern suchten sie die Umgebung ab. Einen Tag später durchkämmte auch die Polizei das Gebiet.

Im Stadtteil verteilte die Familie 150 Flugblätter mit einem Foto der damals 50-Jährigen. Es habe aber kaum noch Hoffnung gegeben, seine Frau lebend wiederzufinden, sagt der Mann. Sie habe in ihrem Zimmer eine Notiz mit dem Satz „Ich will nicht leben“ und eine Art Rechenschaftsbericht über die letzten Monate ihres Lebens hinterlassen.

Die Nachricht, dass seine Frau wirklich tot ist, hat den Ehemann deshalb jetzt nicht überrascht. „Man hat ja acht Jahre lang auf diesen Tag gewartet.“ Die Ungewissheit in den vergangenen drei Wochen - vom Fund bis zur Identifizierung - sei aber sehr belastend gewesen. Besonders schrecklich habe die Familie die Berichterstattung über weitere Knochenfunde empfunden.

„Jetzt bekommt ihr endlich Gewissheit“, hätten viele Freunde in den letzten Tagen gesagt. Die Angehörigen bekommen nun auch die Chance, Abschied bei einer Trauerfeier zu nehmen und mit dem Grab eine Stelle zu haben, an der sie ihre Trauer zum Ausdruck bringen können.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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