Geburtshelferinnen weichen auf andere Tätigkeitsfelder aus – Kleine Berufsgruppe ohne Lobby

Ihnen bleibt keine andere Wahl

Eingespieltes Team: Hebamme Gabriele Kopp (links) und Mutter Janah von Buttlar mit der vier Wochen alten Paula Charlotte, die gewogen wird. Foto: Herzog

kassel. „Die Hebammen werden aus der Geburtshilfe gedrängt, sie suchen sich deshalb andere Tätigkeitsfelder“, sagt die Kasseler Hebamme Gabriele Kopp. Das könnte zur Folge haben, dass es künftig keine Hausgeburten und Geburten mit der eigenen Hebamme im Krankenhaus mehr geben könnte. Auch die Geburtshäuser seien betroffen.

Dabei erhalte die außerklinische Geburtshilfe die besten Noten, sagt die 54-Jährige. Sie ist seit 32 Jahren im Beruf, hat 17 Jahre in Krankenhäusern gearbeitet und das Geburtshaus mitgegründet. Andrea Strube, Kasseler Vorsitzende des Hebammen-Verbandes und Mitbegründerin der Hebammenpraxis Harleshausen, sieht sich und ihre Kolleginnen in ihrer Existenz bedroht. Schon jetzt verdiene man kaum etwas an einer Geburt, sagt sie. Wegen der hohen Prämien bleibe nichts mehr übrig. „Die Grundlage unserer Praxis bricht weg.“ Angesichts der unsicheren Situation könne man vorerst nur noch bis 15. Dezember Beleggeburten anbieten.

Geburtshelfer zählen bei den Versicherungen zu den Hochrisikogruppen. Die Beiträge sind deshalb hoch. Die Haftungssummen gehen in die Millionen. Die Forderungen seien durch Anwälte in die Höhe gestiegen, sagt Dirk Sinnemann von der Nürnberger Versicherungsgruppe. Die Pflegekosten für Kinder, die durch die Geburt geschädigt wurden, seien zudem sehr hoch. Die Nürnberger Versicherung habe Rahmenverträge mit dem Bund Freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) abgeschlossen, der etwa 1000 Mitglieder hat. Laut Sinnemann hat es in den vergangenen sieben Jahren nur einen Versicherungsfall gegeben. Die geringe Schadensrate führt er auf die sogenannte Eins-zu-eins-Betreuung zurück. Dabei ist eine Hebamme für eine Schwangere zuständig - von der Vorsorge über die Geburt bis zur Nachsorge. Fest angestellte Hebammen in Kliniken müssen meist mehrere Gebärende zugleich betreuen.

Sinnemann sieht durchaus die Not der Hebammen angesichts der niedrigen Vergütungen für die Geburtshilfe. „Die Verbände haben keine Lobby in der Politik“, sagt er. „Die Hebamme ist das schwächste Glied in der gesamten Kette.“

In Deutschland bieten nur zwei Versicherer die Berufshaftpflichtversicherung für Geburtshelfer an - die Nürnberger Versicherungsgruppe und der Bayerische Versicherungsverband, bei dem die etwa 15 000 Mitglieder des Deutschen Hebammenverbands (DHV) versichert sind.

Branchenkenner sprechen von kartellartigen Strukturen und kritisieren die hohen Prämien. Die Hebammen seien dem Diktat der Versicherer ausgeliefert.

Petition per E-Mail

Der DHV ist am 5. Mai von 12 bis 17 Uhr auf dem Kasseler Spohrplatz mit einem Informationsstand vertreten. An diesem Tag starten die Hebammen eine E-Mail-Petition. Sie wollen bis zum 15. Mai 50 000 Unterstützerstimmen sammeln, damit sich der Bundestag mit ihren Forderungen befassen muss.

Von Ellen Schwaab

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.