Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen

Ihr Vater starb im KZ - Tochter erinnert sich an schwere Zeiten

Vor etwa 100 Jahren: So sah das Labor von Rosenzweig & Baumann auf dem Firmengelände neben dem Bahnhof Wilhelmshöhe aus.
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Vor etwa 100 Jahren: So sah das Labor von Rosenzweig & Baumann auf dem Firmengelände neben dem Bahnhof Wilhelmshöhe aus.

Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Kassel-Bettenhausen - eine Tochter erinnert sich an den im KZ verstorbenen Vater.

Kassel – Früher waren sie Nachbarn in Kassel. Die Familie Rosenzweig wohnte an der Terrasse 1, die Baumanns ein paar Häuser weiter an der Terrasse 19. Zusammen leiteten sie die Firma Rosenzweig & Baumann. Heute gibt es für viele der Familienmitglieder Inschriften auf Gedenksteinen des jüdischen Friedhofs in Bettenhausen. Am Wochenende war die letzte Nachfahrin des Kasseler Zweigs der Baumanns zu Besuch.

Die 88-jährige Barbara Friedrich, geborene Baumann, könnte ein Buch über die Familiengeschichte schreiben. Darüber, dass die Überlebenden des Holocaust eine neue Heimat in den USA und in Südafrika gefunden haben. Oder über ihren Vater Fritz Baumann, der starb, als sie noch ein Kind war. Der Bruder des Firmenchefs kam im Konzentrationslager Buchenau ums Leben. Weil er an einer Gürtelrose erkrankte, die nicht behandelt wurde.

Besuch am Familiengrab in Kassel: Barbara Friedrich und ihre beiden erwachsenen Kinder

Die 88-Jährige, die in der Nähe von München lebt, hat zum Besuch am Familiengrab in Kassel ihre beiden erwachsenen Kinder Katja und Matthias mitgebracht. Getroffen haben sie sich mit einem Weggefährten der Familie aus früheren Jahren. Winfried Jacob (95) war der letzte Geschäftsführer der von 1818 bis 1989 bestehenden Firma Rosenzweig & Baumann in Kassel. Die hatte unter anderem einen Standort in der Nähe des Bahnhofs Wihelmshöhe. Dort, wo heute das IC-Hotel steht, wurden früher Farben und Lacke hergestellt. Aus der Unternehmerfamilie Rosenzweig ging auch der berühmte jüdische Philosoph Franz Rosenzweig hervor.

Am Familiengrab auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen: Katja Rauh (von links), Matthias Friedrich, Barbara Friedrich und der ehemalige Firmenchef Winfried Jacob.

Durch einen glücklichen Zufall habe sein Vater in dem Unternehmen Karriere gemacht, sagt Winfried Jacob. Die Firma habe für Neuentwicklungen Kontakte mit der Kölner Universität gehabt. Bei einem Besuch in Kassel sei ein Professor auf seinen Vater aufmerksam geworden. „Der hat als Stift eigentlich nur einige Ordner für die Besprechung gebracht“, sagt Jacob. Dabei muss er einen ziemlich guten Eindruck hinterlassen haben. Obwohl er nur einen Volksschulabschluss hatte, bekam er die Chance zum Studium.

Die nutzte er, wurde Chemiker und stieg bis in die Unternehmensführung auf. Seinem Mentor, dem Firmeninhaber Ernst Baumann, war er ein Leben lang dankbar.

Machtübernahme der Nazis - schwierige Lage für jüdische Firma in Kassel

Mit der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 wurde die Lage für die jüdische Firma immer schwieriger. Als sie 1935 zwangsarisiert wurde, gab es heimliche Unterstützung. „Meine Mutter und eine Sekretärin schrieben nächtelang Rezepturen für Lacke und Farben ab“, sagt Winfried Jacob. Vor einer Hausdurchsuchung durch die SS hatte man gerade noch Zeit, die Dokumente zu verstecken.

Mit diesem Schatz im Gepäck konnte Ernst Baumann, der Deutschland 1936 verließ, in Südafrika neu anfangen. Er kehrte 1948 nach Kassel zurück. Gemeinsam mit Heinrich Jacob leitete er die Firma bis zu seinem Tod im Jahr 1952. Winfried Jacob setzte die Familientradition bis 1989 fort. Das Unternehmen gehörte damals zum AEG-Konzern. Auch darüber hat Winfried Jacob in seinem vor kurzem erschienen Buch geschrieben.

Erinnerungen, die Jacob auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen mit Familienmitgliedern der Baumanns austauschte. (Thomas Siemon)

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