1. Startseite
  2. Kassel

Tarifverhandlungen stehen 2023 an: Erwartungen der Gewerkschaften sind hoch

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Barbara Will

Kommentare

Ein Briefzusteller fährt mit dem Fahrrad über einen Zebrastreifen
15 Prozent mehr Entgelt fordert die Gewerkschaft Verdi in den Tarifverhandlungen mit der Deutschen Post für die Beschäftigten. Der Konzern erwartet in diesem Jahr ein Rekordergebnis. © Sebastian Kahnert/DPA

Das Tarifjahr 2023 hat es in sich: Insgesamt stehen Entgeltverhandlungen für elf Millionen Menschen an. Die ersten Tarifrunden sind gestartet, andere beginnen in Kürze.

Kassel – In den Corona-Jahren waren die Tarifzuwächse gering, nun sind angesichts einer Inflation von bis zu zehn Prozent die Erwartungen an die Entgeltverhandlungen hoch. „Im Moment ist viel Druck auf dem Kessel“, sagt Axel Gerland, Geschäftsführer der Gewerkschaft Verdi in Nordhessen.

Deutsche Post

Als eines der ersten Unternehmen könnte das die Deutsche Post spüren. Dank des boomenden DHL-Geschäfts hatte der Konzern seine Gewinnprognose auf Rekordniveau hochgeschraubt. Für 2022 erwartet er einen Gewinn von 8,4 Milliarden Euro vor Zinsen und Steuern.

Die Post-Beschäftigten wollen ihren Teil davon. Mit einer Tariferhöhung von 15 Prozent stieg Verdi am Freitag in die Verhandlungen ein. Zuvor hatte die Gewerkschaft ihre Mitglieder befragt. Rund 43 000 antworteten, 65 Prozent von ihnen sahen eine Tariferhöhung von zehn Prozent als zu gering an. Verdi-Verhandlungsführerin Andrea Kocsis hatte bereits im November Streiks bei der Post ab Januar nicht ausgeschlossen.

Öffentlicher Dienst

Auch im öffentlichen Dienst von Bund und Gemeinden sind die Tarifverträge bereits gekündigt. Die Verdi-Forderung steht: ein Plus von 10,5 Prozent, mindestens aber 500 Euro mehr Entgelt im Monat. In Rathäusern und Nahverkehrsbetrieben wird derweil händeringend Personal gesucht.

Manch ein Beschäftigter wandert in die besser zahlende Privatwirtschaft ab. Der letzte große Arbeitskampf ist Jahrzehnte her. „Wir streiken im öffentlichen Dienst ausgesprochen selten“, sagt Gerland. „Wir wissen, dass wir Bürger und Bürgerinnen in einem höheren Maß treffen als die Arbeitgeber.“

Deutsche Bahn

Während die Verdi-Forderungen für Post und öffentlichen Dienst in Bund und Kommunen schon auf dem Tisch liegen, spielt die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) in einer Mitgliederbefragung gerade die Möglichkeiten durch, den Beschäftigten mehr Einkommen zu verschaffen. Eine prozentuale Tariferhöhung mit oder ohne Mindestsumme steht ebenso im Raum wie ein Festbetrag. Verhandelt wird nicht nur für die Deutsche Bahn, sondern für rund 50 Unternehmen nahezu gleichzeitig, darunter auch die Fahrzeuginstandhaltung (FZI) in Kassel und das RegioNetz Kurhessenbahn.

Christian Binar, Gewerkschaftssekretär der EVG-Geschäftsstelle in Kassel, macht klar, dass die Weichen nicht auf Kuschelkurs gestellt sind. Corona, die Durchsetzung der Maskenpflicht, Übergriffe und Personalmangel sowie der Ansturm durch das 9-Euro-Ticket – das inzwischen durch ein 49-Euro-Angebot ersetzt wurde – belasten die Belegschaften. Diese hätten ein Lohnplus verdient. „Wir sind streikbereit, wohlwissend, dass Streik die Ultima Ratio ist.“

Ein Zug mit dem Ziel Kassel-Hauptbahnhof hält im Bahnhof Wilhelmshöhe.
Die Mitglieder sind gefragt: Die EVG arbeitet an Tarifforderungen für die Bahnbeschäftigten. © Kathrin Meyer

Die Beschäftigten der Hessischen Landesbahn sind bereits seit Mitte Dezember im Ausstand.

Kali und Kunststoff

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat eine erste Sondierung schon hinter sich: Für den Kali- und Steinsalzbergbau verlangte sie beim Treffen im Dezember unter anderem einen Inflationsausgleich als Festbetrag und eine Beteiligung an der Unternehmensentwicklung: Die hohen Kali- und Düngerpreise haben die Gewinne des Kassler K+S-Konzerns im vergangenen Jahr kräftig steigen lassen. Einig wurde man sich jedoch nicht.

Die erste Verhandlungsrunde ist für den 17. Januar angesetzt, am selben Tag sollen auch die Gespräche für die hessische Kunststoffindustrie fortgesetzt werden.

„Fast alle unserer Betriebe haben Energiepreisentwicklung, Lieferketten und Personalrekrutierung als Problematik“, beschreibt Friedrich Nothhelfer, Leiter des IGBCE-Bezirks Kassel die Lage. „Ob ein Arbeitskampf nötig ist, werden die Verhandlungen zeigen.“

Durchsetzungsfähig sei die Gewerkschaft in beiden Tarifbereichen in den meisten Betrieben – so auch beim MDax-Konzern K+S. Nothhelfer: „Im Kali- und Steinsalzbergbau im Bezirk Kassel sind vier von fünf Beschäftigten in der IGBCE.“ (Barbara Will)

Auch interessant

Kommentare