Einbruch nach Werbung für Pulver

Milchspende soll Frühchen helfen: Der DRK-Blutspendedienst Kassel will eine Frauenmilchbank einrichten

Ein Plakat mit zwei Frauen und einem Baby mit dem Titel: Mütter gebt von eurem Überfluß!
+
An der Botschaft hat sich nichts geändert: Plakat von Käthe Kollwitz – die Kreidelithographie stammt aus dem Jahr 1926.

Bessere Überlebenschancen für die Allerkleinsten: Der DRK-Blutspendedienst Kassel will eine Frauenmilchbank einrichten.

Kassel – Kinder, die weit vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kommt, haben einen schweren Start ins Leben: Manche können kaum selbst atmen oder trinken, und ihr Gewicht ist zu gering. Je früher ein Kind geboren wurde, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass seine Mutter es mit Muttermilch versorgen kann. Dabei wäre dies laut WHO die beste Ernährungsform für das Neugeborene. Sie empfiehlt Spendermilch aus Frauenmilchbanken als Alternative, wenn das Kind keine Muttermilch bekommen kann.

Eine solche Frauenmilchbank in Kassel aufzubauen, hat sich Dr. Markus M. Müller, der ärztliche Direktor des Kasseler Instituts für Transfusionsmedizin des DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg-Hessen, vorgenommen. Denn mit Spenden kennt sich das Team auf dem Möncheberg aus: „Wir sind es gewohnt, Fremdflüssigkeiten von einer Person zur anderen zu transportieren“, sagt Müller. Infrastruktur, Transport- und Lagerungsmöglichkeiten halte der Blutspendedienst ohnehin vor. Zu Beginn wolle man mit den Kollegen des Blutspendedienstes in Frankfurt kooperieren, wo die Milchspende aufbereitet wird.

„Dass das Projekt gerade den kleinsten und am meisten gefährdeten Erdenbürgern, den Frühgeborenen, eine deutlich bessere Überlebenschance bietet, das steht heute außer Frage“, sagt Müller. Frühgeborene benötigten die humane Muttermilch unter anderem auch zur Entwicklung ihres noch unreifen Magen-Darm-Trakts.

Um die Kasseler Frauenmilchbank aus der Taufe zu heben, setzen Müller und sein Team – Theresa Astner, Florian Haag und Kristina Schultheis – auf die Zusammenarbeit mit dem Klinikum Kassel. Dort könnten Ärzte auf der Frühgeborenenstation und/oder Stillberaterinnen frisch entbundene Mütter ansprechen, die mehr Milch produzieren als der eigene Nachwuchs benötigt.

Sind sie bereit, ihre überschüssige Milch zu spenden und damit anderen Kindern zu helfen, läuft der Prozess wie folgt ab: Die Spenderin wird (per Fragebogen) registriert. Ein Bluttest überprüft ihre Gesundheit. Überschüssige Milch friert sie in vorab ausgehändigte sterile Fläschchen und friert diese ein.

Sind die sechs Fläschchen gefüllt, werden sie zum Blutspendedienst an die Mönchebergstraße gebracht oder aber von einem Fahrer direkt an der Haustür abgeholt. Per Nachtkurier wird die Milchspende nach Frankfurt gebracht. Dort werden die sechs Portionen aufgetaut und zusammengeschüttet, um ein standardisiertes Produkt zu erhalten, erläutert Müller. Nach dem Pasteurisieren wird die Milch in 50 oder 100 ml-Behälter gefüllt und erneut eingefroren. Bis zu einem halben Jahr ist sie nun haltbar.

Tiefgekühlt werden die Fläschchen zurück nach Kassel transportiert und im Gebäude des Blutspendedienstes auf dem Möncheberg gelagert. Regelmäßige Qualitätskontrollen sollen sicher stellen, dass die Milch einwandfrei ist. „Rückverfolgung ist ohnehin unser Tagesgeschäft“, sagt Müller.

Er hofft, dass die Kasseler Frauenmilchbank zum Jahresende an den Start gehen kann. „Da es sich bei Frauenmilch um ein Lebensmittel handelt, sind die Krankenkassen nicht gewillt, die Auslagen zu übernehmen“, erklärt Müller. Rund 5000 Euro benötige der Blutspendedienst allein für den Umbau der Labore; Material- und Personalkosten kommen hinzu. In Frankfurt unterstützten Mäzene wie die Kinderhilfestiftung das Projekt sehr großzügig. Müller hofft, auch in Kassel Förderer zu finden. Er wirbt: „Die Frauenmilchbank ist sinnvoll und lebensrettend.“

„Frauenmilch ist unbestritten die beste Ernährung für Frühgeborene“, sagt Dr. Dirk Müller, Leitender Oberarzt der Neonatologie am Klinikum Kassel. Darüm würden im Klinikum seit einem Jahr Frühgeborene möglichst nur mit Frauenmilch ernährt.

Man beziehe die Frauenmilch zurzeit aus Leipzig und Hannover, sagt Oberarzt Müller. „Wir streben ebenfalls eine Kooperation mit dem Blutspendedienst an, die in Einzelheiten zurzeit aber noch ausgearbeitet werden muss.“

Pro Jahr werden am Klinikum Kassel 700 Neu- und Frühgeborene stationär auf der pädiatrischen Intensivstation und Neonatologie behandelt, davon annähernd 70 sehr unreife Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm. Die meisten Patienten sind Frühgeborene, also Kinder, die vor 37 vollendeten Schwangerschaftswochen geboren werden.  

Gut ein Jahr nach Eröffnung der ersten Frauenmilchbank Hessens in Frankfurt haben die Betreiber eine positive Bilanz gezogen. „Unserer Ansicht nach ist es ein voller Erfolg“, sagte der Leiter der Neonatologie an der Frankfurter Uniklinik, Rolf Schlößer. 36 Neugeborene wurden demnach bereits mit Spendermilch versorgt (Stand Ende Juli 2020). Im Frühsommer 2019 hatte in Frankfurt die erste Muttermilchbank Hessens ihre Arbeit aufgenommen.

Auch wenn Frauenmilch rechtlich gesehen ein Lebensmittel ist, können zahlreiche Strategien aus der Transfusionsmedizin sinnvoll auch auf Frauenmilch angewandt werden, so der DRK-Blutspendedienst. Er hatte eine entsprechende Kooperation mit dem Universitätsklinikum Frankfurt geschlossen.

Nach Angaben von Schlößer wurden innerhalb eines Jahres rund 206 Liter Milch gespendet. Davon seien bereits mehr als 95 Liter ausgegeben worden. Das Kasseler Institut des Blutspendedienstes will sich nun dem Projekt anschließen und die Spenden zunächst in Frankfurt aufbereiten lassen.

Deutschlandweit sind aktuell knapp 30 Muttermilchbanken bekannt – Hessen gehörte zu den Nachzüglern. Europaweit einmalig war die Zusammenarbeit von Uniklinik und Blutspendedienst. Die Milch wird gesammelt, getestet und aufbereitet wie eine Blutspende, bei ebenso hohen Sicherheitsstandards. Mit den Spenden soll die Zeit überbrückt werden, bis die Mütter selbst stillen können. Die Spenderinnen erhalten kein Geld.  

Neugeborene mit Milch von Frauen zu versorgen, die nicht die leiblichen Mütter der Kind sind - dieses Prinzip ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Die Versorgung von Babys und Kleinkindern durch Ammen ist seit etwa 1780 v. Chr. belegt, hat die Frauenmilchbank Frankfurt recherchiert. In wohlhabenden Familien war es bis in 20. Jahrhundert üblich, die Kinder von einer Ammee versorgen zu lassen.

In Deutschland verhalf die Kinderärztin Marie-Elise Kayser der Frauenmilchbank zum Durchbruch. 1919 hatte sie eine Sammelstelle in Magdeburg eingerichtet und sich für die Pasteurisierung als vergleichsweise einfache und kostengünstige Konservierungsmethode entschieden, berichtet Anne Sunder-Plaßmann, Geschäftsführerin der Frauenmilchbank-Initiative.

In den 30er-Jahren suchten Kliniken händeringend nach Ammen. Doch Frauen boten sich in dieser Zeit bereits andere, attraktivere Möglichkeiten, selbst Geld zu verdienen. Während des Nationalsozialismus entstanden zahlreiche Frauenmilchbanken. Sie wurden zunehmend ideologisch aufgeladen, berichtet Sunder-Plaßmann.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Frauenmilchbanken ihre Arbeit fort. Ihre Bedeutung nahm in Ost und West aber einen unterschiedlichen Verlauf: Während in der DDR Frauenmilchbanken gefördert und finanziert wurden, wurden die meisten Frauenmilchsammelstellen der Bundesrepublik in den 1970er-Jahren geschlossen. Das lag vor allem an der stark beworbenen Formularnahrung. In den 1980er-Jahren war das damals neue HI-Virus ein weiterer Grund für Schließungen.

Bis heute zeigt sich bei den 30 Einrichtungen ein Ost-West-Gefälle: In Ostdeutschland gibt es mehr Frauenmilchbanken. Aber auch in den alten Bundesländern hat sich zunehmend die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich Frühchen, die mit Frauenmilch versorgt wurden, neurologisch besser entwickeln und ein weit geringeres Risiko haben, an einer Darmentzündung (Nekrotisierende Enterokolitis) zu erkranken, die tödlich verlaufen kann.

Das von Käthe Kollwitz 1926 gestaltete Werbeplakat für die Magdeburger Frauenmilchbank hat also nach wie vor Bestand: „Mütter gebt von eurem Überfluss“, ist darauf zu lesen. Der Kasseler Transfusionsmediziner Markus Müller sieht bei der Milchspende übrigens eine klare Parallele zur Blutspende: Beides sei ein Akt der Mitmenschlichkeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.