In deutschlandweiter Untersuchung schneidet Region bei Grünflächen gut ab

Vergleich von Stadtregionen: Im Raum Kassel wird wenig gebaut

Vieles gut per Fuß zu erreichen: Zu dem Schluss kommt die neue Untersuchung des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung. Im Bild die Friedrich-Ebert-Straße. Archivfoto: Dieter Schachtschneider/Flugschule Kassel FLY NOW
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Vieles gut per Fuß zu erreichen: Zu dem Schluss kommt die neue Untersuchung des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung. Im Bild die Friedrich-Ebert-Straße. Archivfoto: Dieter Schachtschneider/Flugschule Kassel FLY NOW

Der Bedarf an Wohnraum ist in Kassel und im Speckgürtel groß. Doch im Vergleich mit 33 anderen deutschen Städten und ihrem Umland wurde im Raum Kassel lange Zeit zu wenig gebaut. Dies ist ein Ergebnis der aktuellen Untersuchung des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) aus Dortmund.

Kassel - Das ILS hat die Entwicklung der Stadtregionen anhand von mehreren Kriterien untersucht. Hier die Ergebnisse:

Demografie

Die Bevölkerungsentwicklung im Raum Kassel war zwischen 2001 und 2019 sogar leicht rückläufig. Nach Daten des ILS gab es einen Rückgang um 1,5 Prozent. Der Rückgang ist aber allein auf den Bevölkerungsschwund in den Umlandgemeinden zurückzuführen. Die Einwohnerzahl in Kassel stieg in dem Zeitraum um 3,8 Prozent.

Zum Umland zählen die Forscher des ILS alles, was maximal eine gute halbe Autostunde von der Kernstadt entfernt liegt. „Das entspricht ungefähr der Anziehungskraft der Stadt Kassel. Größere Städte haben eine höhere Anziehungskraft“, so Stefan Fina vom ILS.

Seit 2013 sei zwar auch für den Raum Kassel insgesamt eine Erholung erkennbar, die positive Entwicklung sei aber dennoch weit von der anderer Stadtregionen – wie München, Berlin, Frankfurt – entfernt. Kassel rangiert auf Platz 26 von 33.

Beschäftigung

Der Arbeitsmarkt in der Region Kassel hat sich seit 2003 gut entwickelt – wobei dies sowohl in der Stadt wie im Speckgürtel zu beobachten ist. Die Forscher verglichen in den 33 Regionen die Veränderungen bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Hier gab es über die Jahre einen Zuwachs um knapp 25 Prozent.

„Die Tendenz ist aber, dass Beschäftigungsverhältnisse zunehmend im Umland entstehen. Wir sehen eine Verlagerung“, sagt Fina. Wegen der fehlenden Flächen wandere das Gewerbe aus den Kernstädten ab. Dies treffe auch für Kassel zu. Im Ranking: Platz 13 von 33.

Soziales

Um die soziale Entwicklung der Stadtregionen analysieren zu können, wurde vom Institut die Quote der Arbeitslosengeld II- und Sozialgeld-Bezieher herangezogen. Hier gab es im Raum Kassel seit 2008 eine erfreuliche Entwicklung. Der Rückgang der Quote liegt bei minus 14,8 Prozent.

„Kassel hat – wie auch viele der Ostregionen – einen sehr starken Rückgang erlebt. Im Umland ist dieser sogar noch etwas stärker gewesen als in der Kernstadt“, sagt Fina. Unter den 33 Regionen hat Kassel den neuntstärksten Rückgang zu verzeichnen.

Flächennutzung

Beim Thema Flächennutzung bewertet das ILS gleich zwei Indikatoren: zum einen die Neubautätigkeit und zum anderen die Versorgung der Bewohner mit wohnortnahen Grünanlagen (zum Beispiel Parks).

Beim Neubau schneidet die Stadtregion Kassel vergleichsweise schlecht ab. Laut ILS wurden von 2002 bis 2019 im Schnitt pro 1000 Einwohner nur 1,54 Wohnungen fertiggestellt. Wobei die Quote in der Kernstadt (0,7) noch schlechter ausfällt als im Umland (1,99). Zum Vergleich: In der Kernstadt Dresden liegt die Quote seit 2002 im Schnitt bei 4,2 Wohnungen pro 1000 Einwohner und selbst in Magdeburg ist sie mit 2,88 höher. Für Kassel gibt es Platz 20. Seit 2010 sei zwar ein positiver Trend beim Bau von Wohnungen in der Stadt Kassel zu beobachten, aber der liege noch unter dem Niveau anderer Stadtregionen, so Fina. In immer mehr Regionen verlagere sich die Bautätigkeit ins Umland, weil die Innenentwicklung erschöpft oder nicht mehr finanzierbar sei.

Beim zweiten Indikator, der Grünraum-Versorgung, schneidet die Stadtregion Kassel sehr gut ab: Platz 6 von 33. In der Stadt Kassel stehen pro Einwohner mehr als 15 Quadratmeter Parkfläche zur Verfügung – wobei der Bergpark nicht einmal mitgerechnet wurde, weil er nicht innerhalb einer umbauten Siedlung liegt. Im Umland sind es immer noch elf Quadratmeter Parks und Grünanlagen pro Einwohner.

„Als Orientierungswert haben sich die Gartenamtsleiter in Deutschland einst auf sechs bis sieben Quadratmeter pro Einwohner verständigt. Da liegt Kassel weit darüber“, so Fina. Bei Wald und Wiesen sind es in Kassel 39 Quadratmeter pro Einwohner und im Umland 48 Quadratmeter.

Mobilität

Der Anteil der Pendler aus dem Umland in die Kernstadt ist leicht gestiegen: von 41 000 (2002) auf gut 45 000 (2017). Deutlich stärker gewachsen ist die Gruppe, die in der Stadt wohnen, aber zur Arbeit ins Umland fahren: Sie wuchs von 45 000 (2002) auf 59 000 (2017). „Die Akademisierung der Gesellschaft führt dazu, dass mehr Menschen in der Stadt leben wollen und dafür längere Arbeitswege in Kauf nehmen“, sagt Fina.

Der Indikator Walkability gibt Auskunft über die fußläufige Erreichbarkeit von Einrichtungen des täglichen Bedarfs und weiterer Ziele wie Parks. Hier landet die Stadtregion Kassel immerhin auf Platz 12 von 33. (Bastian Ludwig)

ils-stadtregionen.de

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