Im Stile eines Scharfmachers

Kommunalwahl in Kassel: Sven René Dreyer tritt für die AfD an

Für ihn ein Beispiel verpasster Chancen in der Verkehrspolitik: Sven René Dreyer vor der Brücke (Wolfhager Straße) über die Trasse des Unterstadt-Güterbahnhofs. Die AfD hatte gefordert, dort eine Umgehung zu planen.
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Für ihn ein Beispiel verpasster Chancen in der Verkehrspolitik: Sven René Dreyer vor der Brücke (Wolfhager Straße) über die Trasse des Unterstadt-Güterbahnhofs. Die AfD hatte gefordert, dort eine Umgehung zu planen.

Vor der Kommunalwahl am 14. März 2021 stellen wir die Spitzenkandidaten der einzelnen Listen vor, die in Kassel antreten. Hier: Sven René Dreyer (AfD).

Kassel – Der Kandidat entgleitet schnell. Nach der Kommunalwahl in Kassel gefragt, schweift Sven René Dreyer in die Historie, in andere Regionen der Welt und auf andere politische Ebenen ab. Immer wieder kommt die Nummer 1 der AfD-Liste auf Verfehlungen der Merkelschen Bundesregierung zurück, spricht von schleichender Machtergreifung der Bolschewiki und altbekannten Methoden der Neo-Tschekisten.

Mit Begriffen, die wie aus längst vergangener Zeit klingen, beschreibt der 51-Jährige den aktuellen Zustand der Republik. Kritisch sieht er die Entwicklung seiner Geburtsstadt: Für ihn ist Kassel nicht aufstrebende Nordhessen-Metropole. Für ihn steht Kassel für eine vor Jahrzehnten stecken gebliebene Verkehrspolitik, heruntergewirtschaftete Infrastruktur, bedrohte Industriebetriebe und parteipolitische „Betoniertheit“.

Wie Dreyer berichtet, hat er sich Anfang der 1990er-Jahre wegen des Jugoslawien-Kriegs für Menschenrechte engagiert – in der Gesellschaft für bedrohte Völker. Mit den Piraten in Kassel habe er gegen die Umweltzone gearbeitet. Ende 2013 trat er dann der AfD bei. 2016 zog er als eines von acht Fraktionsmitgliedern in die Stadtverordnetenversammlung ein.

„Ich habe mir den Politikbetrieb anders vorgestellt“, sagt Dreyer, der mit Partnerin in der Unterneustadt wohnt. Schockierend sei gewesen, dass selbst in Fachgremien wie Ausschüssen nicht nach Sachlösungen gesucht, sondern nach ideologischen Gesichtspunkten entschieden werde – und zwar unter Ausgrenzung der AfD. Man habe auch nach fünf Stavo-Jahren kaum Kontakt zu anderen Fraktionen, räumt der gelernte Industriekaufmann ein, der im Hauptberuf für die AfD-Fraktion tätig ist.

Mit ihm als Spitzenkandidaten und womöglich neuen Fraktionschef wird sich das kaum ändern. Dreyer gilt als Scharfmacher, bei dem es vom thematischen Entgleiten bis zur verbalen Entgleisung nicht weit ist. So warf er schon Ex-Oberbürgermeister Bertram Hilgen „Totalitarismus“ wegen dessen Intervention gegen einen AfD-Stand bei der Messe vor. Nachfolger Christian Geselle unterstellte er „ein Geschäftsmodell der organisierten Kriminalität“ wegen angemieteter, aber ungenutzter Flüchtlingsunterkünfte. Allein in der letzten Sitzung wurde ihm für seine Beiträge mehrfach das Rederecht entzogen. Ein Vorwurf: Rassismus.

„Gegenangriff ist die beste Verteidigung“, meint Dreyer zu seinem Politikstil. Er weise auf konfliktverursachende historische Parallelen hin und mahne andere Fraktionen, „wenn sie die AfD wieder mal als Nazi-Partei verunglimpfen“, sich um ihre eigene dunkle Vergangenheit zu kümmern. Daran wolle er auch nichts ändern.

Die Wahl sei schwer einschätzbar, es gebe kein beherrschendes Thema. Unklar sei, wie sich die Corona-Problematik auswirke, da gebe es in der AfD „ein extrem breites Spektrum“. Er sei für pragmatische Lösungen. „Taiwan und Südkorea haben die Krise besser bewältigt.“ In Deutschland habe sich etwa bei Masken eine regelrechte Mangelwirtschaft offenbart.

Die AfD wolle weiter auf Dinge hinweisen, die ihrer Ansicht nach Missstände seien. Etwa darauf, dass Kassel tausende Euro pro Monat zur Betreuung eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings ausgebe. Oder darauf, dass Klimaneutralität bis 2030 „Fantasterei“ sei. Dreyer sagt zu Kassel: „Wir wollen eine gut funktionierende Stadt in einem gut funktionierenden Staat.“ Und schon ist er wieder bei Merkel & Co.

Bei der Reihenfolge der Porträts orientieren wir uns an der Reihenfolge der Listen auf dem Wahlzettel. Morgen stellen wir Matthias Nölke von der FDP vor.

Von Andreas Hermann

Hinweis in eigener Sache: Für die Aussagen in den Kandidatenvideos sind ausschließlich die Kandidaten und Parteien verantwortlich.

Alle Kandidatenporträts finden Sie hier.

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