Wir geben Tipps: So steigt man in die Bienenzucht ein

„Das Bienenvolk ist der moderne Gartenzwerg“: Warum die Region jetzt imkert

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Die Anzahl der Bienenvölker in Hessen ist in den letzten Jahren um 9.000 auf 57.000 gestiegen.

Erst hatten Imker Nachwuchssorgen, heute ist dieses Hobby alter Männer so in wie Yoga. Der Kasseler Stadtimker hat uns verraten, woran das liegt, und uns Tipps gegeben: So gelingt der Einstieg in die Bienenzucht. 

Noch vor zehn Jahren sah es aus, als würde die Imker das gleiche Schicksal ereilen wie Brieftaubenzüchter und Modelleisenbahnbauer: Sie verschwinden. Doch jetzt ist die Bienenzucht wieder in. Wir haben den Kasseler Stadtimker gefragt: Wie konnte das denn passieren? 

Wer imkert, will die Welt retten. „So kann man das sagen – aber das betrifft bestimmt nicht alle“, sagt Victor Hernández. Er ist der erste Vorsitzende des Imkervereins Kassel – nach eigenen Angaben ist das der größte Imkerverein Hessens. Hernández sagt, man imkere jetzt wegen des Bienensterbens, wegen der Angst, mit den Insekten würde auch der Mensch dahinschwinden. Schuld sei dieser Satz: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Er wird oft auf Albert Einstein zurückgeführt. Nur: Der geniale Physiker habe das nie gesagt.

„Das Zitat ist schlichtweg falsch. Wir können auch von Getreide sehr gut leben“, sagt Hernández. Bienen brauchen wir nicht unbedingt. Wir züchten sie trotzdem: In Hessen schwirren laut des Imkerverbandes derzeit 57.000 Bienenvölker durch die Lüfte – 9000 mehr als im Jahr 2009. Die Anzahl der Imker ist gleichzeitig von 7400 auf 10.000 gestiegen. Man streift sich heute wieder weiße Anzüge und lustige Netzhüte über und stapft in den Garten, auf den Balkon oder das Hausdach. Was früher nur etwas für alte Männer mit viel Geld und noch mehr Zeit war, ist plötzlich so modern wie Yoga und Quigong.

Victor Hernández imkert mitten in der Stadt.

Das liege nicht nur an dem Naturbewusstsein der jüngeren Generation, an dem Wunsch, nachhaltig zu leben und das Bienensterben aufzuhalten. „Momentan ist auch 'Do it yourself' total in“, sagt Hernández. In einer Zeit, in der die Welt immer komplexer und komplizierter erscheine, tue es gut, der Natur nah zu sein, den Lebensweg eines Bienenvolkes zu beobachten, den Kreislauf von Anfang bis Ende zu verstehen – und anschließend sein eigenes Honigglas in den Händen zu halten. „Der erste eigene Honig – das haut einfach jeden um“, verspricht Hernández. 

Als er 2012 in den Verein eintrat, waren es knapp 200 Mitglieder, sie waren größtenteils männlich und im Rentenalter. Heute ist die Anzahl auf 288 gestiegen. 57 davon sind Frauen, 15 jünger als 30 Jahre. Ein ganz junger Imker ist Michel Scherber aus Kassel. Er ist 12 Jahre alt und hat seit zweieinhalb Wochen sein eigenes Bienenvolk. Das Imkern konnte er zuvor bei Bekannten beobachten, erzählt er. "Das hat mich total inspiriert." Jetzt genieße er die Zusammenarbeit mit den Bienen in der Natur und freue sich darauf, irgendwann einmal seinen eigenen Honig zu essen. 

„Im Verein hat sich einiges geändert“, sagt der 39-jährige Hernández. Einige der Älteren seien abgehängt worden, dafür kamen Jüngere dazu. Bei den Klönabenden komme jetzt nicht mehr nur der Lauteste zu Wort, sondern jeder, der sich melde. „Früher gab es Imker, die den Neuen Blödsinn erzählt haben.“ Damals seien Anfänger als die Honigkonkurrenz von morgen wahrgenommen worden. Man wollte sie nicht dabei haben. Heute sehe man das anders. Ein funktionierendes Netzwerk sei unverzichtbar. Und Kunden für regional produzierten Honig gebe es sowieso mehr als genug.

Dass es mittlerweile so viele Imker gibt, tut der Bienenpopulation gut. Hernández warnt aber auch davor, zu leichtfertig an dieses Hobby heranzugehen. „Das Bienenvolk ist der moderne Gartenzwerg“, sagt er. Immer wieder habe er Menschen getroffen, die sich ein Volk als Schmuckstück in den Garten stellen – und sich dann wundern, dass ihnen die Bienen im Winter wegsterben. „Manche erleben das jedes Jahr – und kaufen sich im Frühling einfach ein neues Volk“, erzählt er. Doch das sei der absolut falsche Weg. "Es muss einen wirklich interessieren", betont auch der 12-jährige Michel Scherber. 

Für alle, die sich ernsthaft mit der Imkerei beschäftigen wollen und für die tatsächlich die Bienen im Vordergrund stehen, hat Hernández einige Tipps parat. 

So gelingt der Einstieg:

1. Frage dich: Ist das wirklich das Richtige für mich?

Zu allererst solltest du klären, dass du keine Bienengiftallergie hast. Für alle Allergiker ist bereits an diesem Punkt Schluss: Das Hobby wäre für sie viel zu gefährlich. Wer die körperlichen Voraussetzungen erfüllt, sollte sich anschließend mit den Einschränkungen beschäftigen, die die Imkerei mit sich bringt. Imker müssen von Frühling bis Spätsommer bei ihren Bienen sein. Reisen fallen in dieser Zeitspanne aus. Falls du sowieso eher der Winterurlauber bist – wunderbar. Dann kann es weitergehen.

2. Suche dir einen Verein

Die Imkerei ist laut Hernández nichts für Einzelkämpfer. Man sollte sich vernetzen. Am allerbesten funktioniert das laut dem Stadtimker in einem Imkerverein. Hier einige Beispiele aus der Region:

Imkerverein Kassel

Imkerverein Göttingen

Imkerverein Fritzlar

Imkerverein Rotenburg

Imkerverein Wolfhagen

Imkerverein Frankenberg

3. Suche dir einen Imkerpaten

Wenn du Glück hast, bietet sich gleich ein Kollege aus dem Verein an, der in deiner Nähe wohnt. Von Menschen wie ihm kannst du lernen und dir Tipps und Tricks abholen. Hilfe bekommst du auch in einigen Facebook-Gruppen aktiver Imker:

Imker

Imker Hessen

Imker und Hobbyimker, Neulinge

Junge Imker

4. Decke dich bei einem Imkereibedarf ein

Alles, was du zum Imkern brauchst, bekommst du im Imkereibedarf, zum Beispiel in Marsberg.

5. Kaufe dir einen Ableger

Beim Imker bekommst du einen Ableger eines Bienenvolks, er kostet etwa 100 Euro. An dieser Stelle sollte man am besten nicht sparen, rät Hernández. Auch sei es keine gute Idee, gleich ein starkes, aktives Wirtschaftsvolk zu kaufen – damit seien Anfänger in der Regel überfordert. Viel mehr Sinn mache es, zunächst einen Ableger ein Jahr lang zu begleiten und mit ihm langsam in die Imkerei einzusteigen.

Und nun: Viel Spaß!

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