Wenn Eltern psychisch krank sind, leiden auch Kinder

Immer heftigere Fälle für Erziehungshilfen: Kind verprügelte Erzieherin

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Glücklich in einer neuen Familie: Kinder, die aus Problemfamilien geholt wurden, können sich auch in Pflegefamilien wie hier bei den Hungerlands in Baunatal, wohlfühlen. Archivfoto: Kilian

Kassel. Obwohl es immer weniger Fälle von Erziehungshilfen gibt, muss die Stadt Kassel dennoch mehr Geld ausgeben. Ein Grund dafür: Die Fälle werden immer heftiger. Jugendamtsleiterin Judith Osterbrink berichtet beispielhaft von einem achtjährigen Mädchen, das kürzlich eine Erzieherin regelrecht verprügelt habe.

Dabei habe die Frau so schwere Verletzungen am Kopf erlitten, dass sie im Krankenhaus behandelt werden musste.

Vorfälle wie diese seien letztlich als Hilferufe zu verstehen, sagte Osterbrink. So würden sich Kinder Wege suchen und auffällig werden, um auf sich selbst und damit auf Drucksituationen in der Familie aufmerksam zu machen. Erhebungen von Krankenkassen zeigten zunehmend psychische Erkrankungen bei Erwachsenen, sagte Jugenddezernentin Anne Janz. „Das bleibt nicht ohne Folgen und kommt auch in der Kinder- und Jugendhilfe an.“

Insgesamt würden die Belastungsfaktoren zunehmen. Als Beispiele nennt Janz die Situation Alleinerziehender, Armut, Sucht und Krankheit. „In solchen Fällen brauchen auch starke Kinder Unterstützung“, sagte Janz.

Mitarbeiter des Jugendamtes seien geeicht, diese Hilferufe schnell zu erkennen. „Wir versuchen so früh wie möglich Einblick zu gewinnen und zu helfen, dass die Kinder nicht erst nach Hilfe rufen müssen“, sagte Osterbrink.

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Dazu arbeiten die verschiedenen Fachrichtungen im Dezernat - Jugend, Gesundheit und Schule - eng zusammen. Eine gute Kooperation mit den freien Trägern in der Kinder- und Jugendhilfe gehöre ebenso dazu. Und die Mitarbeiter des Jugendamtes sollen nicht allein bleiben. Die oft schwierigen Entscheidung würden immer im Team fallen. Inzwischen habe sich die Strategie der Vernetzung auch bei anderen herumgesprochen. Immer wieder berichten Janz und Osterbrink vom Ansatz der Stadt Kassel in anderen Kommunen.

„Und die gute Arbeit spricht sich auch bei betroffenen Problemfamilien herum“, sagte Osterbrink. Dadurch würden Hemmschwellen sinken.

Um die Arbeit zu bewältigen, ist auch mehr Personal im Einsatz. Inzwischen habe der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) des Jugendamtes 60 Mitarbeiter. Jugenddezernentin Janz ist davon überzeugt, dass die höheren Ausgaben gerechtfertigt sind. Sie verweist auf Studien, wonach ein Euro, der in der frühen Phase eines Kindes investiert wird, zu späteren Zeiten zwischen 13 und 34 Euro spare.

Von Claas Michaelis

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