Zahl der überforderten Menschen in Stadt und Landkreis steigt

Immer mehr brauchen einen Betreuer

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Kassel. Immer mehr Menschen in der Region sind auf Betreuer angewiesen, die sie rechtlich vertreten. Zum Jahreswechsel gab es 3964 Betreute in Kassel, im Vorjahr waren es noch 3615 gewesen. Im Landkreis liegen keine aktuellen Zahlen vor.

Jedoch stieg die Zahl der Betreuungsfälle von 2007 auf 2008 drastisch um 785 auf 4176 an. Ein rechtlicher Betreuer übernimmt für den Betroffenen Aufgaben wie die Verwaltung des Vermögens oder medizinische Entscheidungen. Früher war der Begriff Vormund gebräuchlich. Die Zahl der Betreuungen steige seit Jahren, sagt Brunhilde Ackermann, Leiterin der Betreuungsbehörde der Stadt Kassel.

Ein Grund: Die Menschen werden im Schnitt älter, können in den letzten Lebensjahren rechtliche Angelegenheiten nicht allein regeln. Es gehe aber auch zunehmend um jüngere Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden. Dies bestätigen auch Betreuungsvereine wie der Caritasverband Nordhessen-Kassel. „Außerdem haben mittlerweile zehn Prozent der Betroffenen einen Migrationshintergrund“, sagt Ackermann. Früher hätten solche Familien ihre Betreuungsprobleme nicht nach außen getragen.

Laut dem Sprecher des Landkreises, Harald Kühlborn, regen auch Sozialverwaltungen öfter Betreuungen an, beispielsweise die Arbeitsförderungen für Hartz-IV-Empfänger. Der Grund sei, dass manche allein überfordert seien, notwendige Unterlagen zu besorgen. Diese brauchten aber die Behörden, um von Dritten wie Versicherungen Geld zurückzufordern. Auch bundesweit steigt die Zahl der Betreuten.

Seit der Einführung des Betreuungs-gesetzes 1992 erhöhte sie sich von knapp 400 000 auf 1,3 Millionen. Die Kosten werden aus dem Vermögen der Betroffenen bezahlt oder aus der Kasse des Bundeslandes. Um Betreuung zu vermeiden, empfehlen Behörden Vorsorgevollmachten zu verfassen.

Von Göran Gehlen

Vorsorgen für den Ernstfall

Jeder kann eine rechtliche Betreuung anregen – Vollmacht als Alternative

KasseL. Zu Haus allein oder ins Heim – vor dieser Frage stehen nicht nur Senioren in den letzten Lebensjahren. Auch Angehörige, Freunde und Nachbarn sorgen sich unter Umständen darüber, ob der Betroffene noch sein Leben allein regeln kann. Fast jeder zweite Haushalt in Kassel ist mittlerweile ein Ein-Personen-Haushalt. Den allein Lebenden fehlt im Alter die soziale Kontrolle durch Mitbewohner.

 Doch Außenstehende scheuen sich oft, das Thema Pflege oder rechtliche Betreuung anzusprechen. Dabei ist es grundsätzlich egal, ob es Verwandte gibt oder nicht. „Es gibt kein Angehörigen-Vertretungsrecht“, sagt Brunhilde Ackermann, Leiterin der Kasseler Betreuungsbehörde. In Deutschland haben nur Eltern gegenüber ihren minderjährigen Kindern ein umfassendes Sorgerecht. Selbst der Ehepartner übernimmt nicht automatisch die rechtliche Vertretung. Er kann nur eine Betreuung anregen.

Dieser Weg steht jedem offen – also auch Freunden, Nachbarn oder entfernten Bekannten. Anlaufstelle sind Betreuungsgerichte oder die Betreuungsbehörden. Sie unterliegen der Schweigepflicht. Nach einer Anregung wird der Fall überprüft, ein Betreuungsgericht entscheidet. Dabei gilt: Gegen seinen Willen kommt ein Betroffener in Deutschland nicht ins Heim – sofern er seinen freien Willen noch bilden kann. Vertrauen ist nötig Wer eine rechtliche Betreuung und das damit verbundene Verfahren vermeiden will, kann frühzeitig eine Vorsorgevollmacht verfassen. „Dazu brauche ich einen Menschen“, dem ich 150 Prozent vertraue“, sagt Ackermann.

Sonst gelte: „Finger weg.“ Die Vollmacht legt fest, wer für den Verfasser entscheidet, wenn er nicht mehr in der Lage ist, rechtliche Dinge zu regeln. Für das Dokument gibt es keine vorgeschriebene Form, Ort, Datum und Unterschrift müssen jedoch unbedingt vorhanden sein. Eine Beglaubigung durch die Betreuungsbehörde ist empfehlenswert. „Man sollte zudem zum Notar gehen, wenn ein großen Vermögen vorhanden ist“, sagt Ackermann.

Zudem sollte die Vollmacht genaue Angaben enthalten, in welchen Bereichen der Vertreter entscheiden darf: Formulierungen wie „Vertretung in allen wichtigen Angelegenheiten“ decken wichtige Fälle wie einen medizinischen Eingriff mit Lebensgefahr nicht ab.

Die Betreuungbehörde informiert regelmäßig über Betreuungsrecht, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung. Nächster Termin: 17. März, ab 10.30 Uhr, Bürgersaal im Kasseler Rathaus.

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