Dieter Juchatz zeigt den Alltag von Rollstuhlfahrern im Vorderen Westen

Immer noch viele Hürden

Zu hoch: Diese Stufe lässt sich mit Rollstühlen, Rollatoren oder Kinderwagen nur schwer überwinden.

Kassel. Lautlos rollt Dieter Juchatz über die Schwelle des Biomarkts Denn’s am Bebel-Platz. Die elektrische Tür gleitet auf und der Rollstuhlfahrer reiht sich zwischen die anderen Kunden vor der Gemüseauslage.

Doch so einfach wie hier ist es nicht überall. Sich auf dem Weg zur Arbeit noch einen Kaffee beim Bäcker holen: Für viele jeden Morgen selbstverständlich. Für den 52-jährigen Juchatz nicht. Gerade in Vierteln mit vielen Altbauten, wie dem Vorderen Westen, bieten sich Rollifahrern zahlreiche Hürden, die Fußgänger unbewusst mit Leichtigkeit überschreiten. Zum Beispiel die drei Stufen vor dem Bäckerladen: „Für mich ein unüberwindbares Hindernis“, sagt er. Und rollt vor den Eingang. In diesem Moment zeigt sich auch für den außenstehenden Beobachter: Die Fußrasten des Rollstuhles bieten keinerlei Flexibilität. So lassen sich ohne fremde Hilfe selbst kleinste Unebenheiten kaum überwinden.

Der gebürtige Münsterländer hat vor seiner Pensionierung viele Jahre, trotz Behinderung, in der Beratung eines Telekommunikationsunternehmens gearbeitet. Seit acht Jahren lebt er in Kassel. Es sei für Rollstuhlfahrer einfacher, in einer größeren Stadt zu leben, meint er. „Da ist die Chance größer, einen barrierefreien Eingang zu finden.“ Es gebe zwar immer helfende Hände oder er könne sich an der Schaufensterscheibe bemerkbar machen, aber er fühle sich eingeschränkt. „Es gibt viele gute Beispiele in Kassel“, sagt Juchatz. Aber Hürden bleiben trotzdem. Im Sommer fühlten sie sich kleiner an, weil man überall auch draußen bewirtet wird. Doch der Vordere Westen ist ein Stadtteil mit vielen Gründerzeitvillen. Bei ihrer Erbauung war Barrierefreiheit noch kein Thema. „Zu dieser Zeit gab es noch keine Rollstühle oder Rollatoren“, sagt Juchatz.

„Das ist ein Problem im gesamten Viertel“, bestätigt auch Wolfgang Rudolph, Ortsvorsteher des Vorderen Westens. Beim Umbau des Bebelplatzes sei versucht worden, Barrieren zu vermeiden, aber das sei nur vereinzelt geglückt. „Bei vielen der Häuser müsste die Kellerdecke versetzt werden, um das Gefälle auszugleichen“, erklärt Rudolph. Aber wenige Zentimeter könnten mit einem Holzbrett überbrückt werden. „Wenn die Cafébesitzer Tag für Tag ihre Sonnenschirme aufspannen, könnten sie auch einfach schnell ein Brett für Rollstuhlfahrer rausstellen“, sagt er. Wichtig sei ihm, diese Probleme mehr ins Bewusstsein der Menschen zu rufen.

Von Kathrin Meyer

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