89 Apotheken in Stadt und Kreis

Immer weniger Apotheken in Kassel: Pharmazeuten scheuen Selbständigkeit

Kassel. In Stadt und Landkreis Kassel gibt es 89 Apotheken, ab nächster Woche ist es eine weniger. Ein Trend: Immer mehr Apotheker geben auf.

Die Doc-Morris-Apotheke an der Ludwig-Mond-Straße öffnet am Samstag zum letzten Mal. Die Schließung in Wehlheiden ist nicht die einzige in den vergangenen Jahren.

2017 wurden die Fasanenhof- und die Philippinenhof- Apotheke geschlossen, 2016 die Paracelsus Apotheke an der Wilhelmshöher Allee und die Apotheke am Königsplatz, 2015 stellten die Rosenapotheke in Vellmar und die Erika Apotheke an der Holländischen Straße ihren Betrieb ein. Neu eröffnet hat in dieser Zeit hingegen nur die Regenbogen Apotheke in Vellmar.

„Gerade junge Pharmazeuten scheuen den Schritt in die Selbständigkeit“, sagt Jürgen Schneider, Geschäftsführer des Apothekerverbandes Hessen, zu den Gründen. Für viele sei ein Job in der Wirtschaft oder in der Verwaltung mit festen Arbeitszeiten attraktiver. Ein selbständiger Apotheker arbeite 50 Stunden in der Woche, hinzu kämen regelmäßige Notdienste.

Wenn es immer weniger Apotheken im Stadtgebiet gibt, müssen die verbleibenden öfter den Notdienst übernehmen. Die Apothekendichte in Kassel sei aber im Vergleich zu anderen Städten noch relativ hoch, in ländlichen Regionen sei das Problem größer, so Schneider.

Den Onlinehandel sieht Schneider nicht als Konkurrenz. „Vor allem was rezeptpflichtige Medikamente angeht, kann die Versandapotheke die Apotheke vor Ort nicht ersetzen“, so Schneider. Wenn jemand eine spezielle Rezeptur eines Medikamentes benötige, dann bekomme er die in der Apotheke in der Regel innerhalb eines Tages.

Das könne die Versandapotheke nicht leisten, ebenso wenig die persönliche Beratung. Lediglich bei rezeptfreien Medikamenten gibt es einen Zuwachs bei Onlinebestellungen. 

Die meisten Apotheken im Kasseler Stadtgebiet sind in der Innenstadt. Hier gibt es acht Apotheken. Im Wesertor, wo ähnlich viele Menschen leben, kann man sein Rezept lediglich in der Apotheke im Real-Markt, der einzigen im Stadtteil, einlösen. Schwierig wird die Versorgung mit Medikamenten vor allem am Brasselsberg, am Jungfernkopf, in Philippinenhof-Warteberg und in der Unterneustadt. In diesen Stadtteilen gibt es keine Apotheke. In den Landkreiskommunen hat jede Gemeinde mindestens eine Apotheke, außer Nieste. 

Der Fachkräftemangel zeige sich auch in der Apotheken-Branche sehr deutlich, bestätigt Lutz Mohr vom Kurhessischen Apothekerverein in Kassel. Auch die Suche nach Personal gestalte sich schwierig. Besonders gefragt seien pharmazeutisch-technische Assistenten. In Kassel ist die Situation besonders schwierig, weil die es keine Ausbildungsmöglichkeiten für Pharmazeutisch-Teschnische-Assisteten mehr gibt. 

Zudem sei es bei Apothekern ähnlich wie bei Ärzten: Das Problem des Nachwuchsmangels zeige sich weniger in den Städten, sondern eher in den ländlichen Regionen. Das werde sich laut Mohr in den nächsten Jahren noch verschärfen, weil viele Kollegen in Rente gingen.  

Unterneustadt

„Wir klagen auf hohem Niveau“, sagt Ortsvorsteher Joachim Schleißing. Die Wege bis in die Innenstadt, beispielsweise zur Apotheke am Entenanger, seien relativ kurz. Seit langem wünsche man sich eine Apotheke im Stadtteil, aber bislang vergeblich. Auch wenn der Stadtteil durch den Neubau in der Nähe des Unterneustädter Kirchplatzes in den nächsten Jahren wachse, an der medizinischen Infrastruktur werde das vermutlich nichts ändern.

Philippinenhof

„Im Philippinenhof herrscht großes Bedauern darüber, dass die Apotheke am Philippinenhöfer Weg im vergangenen Jahr geschlossen hat“, sagt Ortsvorsteher Stefan Markl. Leider habe sich die Übergabe an einen Nachfolger kurzfristig zerschlagen. Man sei froh über einen Arzt und einen Zahnarzt im Stadtteil. Die Wege, um nach dem Arztbesuch ein Rezept einzulösen, seien jetzt allerdings deutlich länger.

Jungfernkopf

„Wir haben uns immer eine Apotheke im Stadtteil gewünscht“, sagt Dorothee Köpp vom Ortsbeirat Jungfernkopf. In der Ladenzeile des Tegut-Marktes am Hirtenkamp sei das durchaus denkbar. Man sei glücklich einen Arzt im Stadtteil zu haben. Derzeit müsse man aber zur Apotheke nach Harleshausen, Nord-Holland oder Vellmar fahren, ohne Auto ist das kaum möglich.

Brasselsberg

„Am Brasselsberg gab es vor Jahren immer wieder Bestrebungen an der Nordhäuser Straße eine Apotheke zu eröffnen“, sagt Ortsvorsteherin Vera Wilmes. Daraus sei allerdings nie etwas geworden. Bislang habe es aber auch keine Beschwerden im Stadtteil gegeben. Die Apotheke im Stadtteil Nordshausen liefere Medikamente und man sei auch schnell in Wilhelmshöhe.

Nach 20 Jahren ist Schluss: Ein Besuch in Wehlheiden

Ist man als Apotheker eigentlich ständig krank? „Nein , sagt Jörg Vollmar. Der Beruf sei eher wie eine Impfung. Einmal bekomme man was ab und dann sei man aber auch abgehärtet, meint er schmunzelnd. Genau zwanzig Jahre hat Apotheker Jörg Vollmar die Doc-Morris-Apotheke an der Ludwig-Mond-Straße betrieben. Jetzt geht der 60-Jährige in den Ruhestand. Am Samstagmorgen wird er die Ladentür zum letzten Mal aufschließen, denn einen Nachfolger, der seine Apotheke übernimmt, hat er nicht gefunden. Jörg Vollmar „Viele junge Apotheker wollen das Risiko der Selbstständigkeit einfach nicht mehr eingehen“, sagt Vollmar. 1998 hat der gebürtige Kasseler die damalige Auefeld Apotheke übernommen, sein Vorgänger, der die Apotheke in den 1950er Jahren eröffnet hatte, war in den Ruhestand gegangen. 

Vollmar hatte mit seiner Frau Gabriele, die Pharmazeutisch-Technische-Assistentin ist, dann die Chance genutzt und war nach Studium in München und einer Stadtion in Marburg, zurück nach Kassel gekommen. Die vergangenen zehn Jahre betrieb Vollmar die Apotheke dann mit der Doc-Morris-Lizenz, eine Kooperation mit der niederländischen Versandapotheke. Der erfahrene Apotheker kann den sorgenvollen Blick in die Zukunft von vielen jungen Kollegen gut verstehen. „Man weiß nicht, wie sich die Branche in den nächsten Jahren entwickeln wird.“ Früher sei es das Ziel eines Apothekers gewesen eine eigene Apotheke zu betreiben. Aber die Zeiten hätten sich geändert, Apotheken seien nicht mehr so lukrativ wie früher. „Uns ging es gut hier in Wehlheiden“, sagt Vollmar. 

Schließt seine Apotheke an der Ludwig-Mond-Straße nach zwanzig Jahren: Jörg Vollmar geht in den Ruhestand.

Wirtschaftliche Gründe seien es nicht, weshalb er aufhöre.  Er habe andere Pläne für den Ruhestand und weil der Mietvertrag auslaufe, habe er jetzt die Gelegenheit genutzt. Seine fünf Mitarbeiter haben zum Jahresanfang bereits neue Stellen angetreten. Deshalb stemmt Vollmar die letzte Woche mit seiner Frau und einem früheren Studienfreund, der sich extra dafür eine Woche in seiner eigenen Apotheke freigenommen hat. Zu vielen Studienkollegen hat Vollmar auch dreißig Jahre nach Ende seines Studiums einen guten Kontakt. Das Pharmaziestudium sei ein bisschen wie in der Schule gewesen. 

Die Kommilitonen, die man zu Beginn des Studiums kennengelernt hat, haben mich durch das ganze Studium begleitet erinnert sich Vollmar. Zwei Tage noch und dann wird alles leer geräumt. So richtig vorstellen kann sich Vollmar das zum jetzigen Zeitpnoch nicht. Viele Kunden würden bedauern, dass die Apotheke schließe. Im Gegensatz zu vielen anderen Apotheken im Umkreis, habe man an der Ludwig-Mond-Straße immer gut einen Parkplatz gefunden. Viele hätten beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit an der Ludwig-Mond-Straße schnell angehalten. Aber auch wer im Umkreis beispielsweise im Auefeld wohnt, muss sich jetzt zur Wilhelmshöher Allee oder in Richtung Frankfurter Straße orientieren.

Wussten sie schon, dass...

  • es im Kasseler Stadtgebiet 54 Apotheken gibt und im Landkreis 35?
  • die älteste Kasseler Apotheke, die Einhorn-Apotheke über 300 Jahre alt ist?
  • das Wort Apotheke sich vom Lateinischen ableitet und wörtlich übersetzt Ablage oder Aufbewahrungsort bedeutet?
  • heilkundige Mönche der abendländischen Kloster als Vorläufer der Apotheker bezeichnet werden?
  • es das heutige Apothekenzeichen zeit 1951 gibt?
  • der Versandhandel von Arzneimitteln bis 2003 untersagt war?
  • in Apotheken neben approbierten Apothekern Pharmazeutisch-technische-Assistenten und Pharmazeutisch-Kaufmännische-Assistenten arbeiten?
  • jede Apotheke verpflichtet, ist Nacht- und Notdienste an Wochenenden zu übernehmen?
  • es in Deutschland etwa 40 Apotheken-Museen gibt, die sich mit der geschichtlichen Entwicklung beschäftigen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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