Rückblick auf 2020

Kritiker abfangen: Mediziner erklärt, warum es wichtig ist, dass Hausärzte gegen Corona impfen

Ist Seelsorger und Ratgeber: Allgemeinmediziner Karsten Diehls zieht im Interview eine Bilanz des vergangenen Jahres. Vor wenigen Tagen hat er sich im Kasseler Impfzentrum gegen Corona impfen lassen.
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Ist Seelsorger und Ratgeber: Allgemeinmediziner Karsten Diehls zieht im Interview eine Bilanz des vergangenen Jahres. Vor wenigen Tagen hat er sich gegen Corona impfen lassen.

Vor einem Jahr wurde die Gefahr durch Corona immer realer. Allgemeinmediziner Karsten Diehls blickt auf Probleme und Herausforderungen des vergangenen Jahres.

Kassel – Hausärzte sind auch ohne Pandemie oft Seelsorger und in vielen Dingen der erste Ansprechpartner. Seit dem Ausbruch des Coronavirus hat sich das noch gesteigert. Kathrin Meyer hat mit dem Kasseler Allgemeinmediziner Karsten Diehls darüber gesprochen, wie er auf das vergangene Jahr blickt.

Herr Diehls, wenn Sie an das Jahr 2020 denken, was geht Ihnen als Erstes durch den Kopf?
Insgesamt war vieles sehr unstrukturiert – nicht nur rückblickend, sondern das ist es auch jetzt oft noch. Man muss das Ganze aber auch im Verlauf sehen, der aufgearbeitet werden muss. Im Februar 2020 hieß es noch, dass das Coronavirus nicht schlimmer sei als eine Grippe, es wurde alles runtergespielt. Als wenig später die dramatischen Szenen aus Italien zu sehen waren, ist vielen erst bewusst geworden: Da könnte doch eine Bombe ticken.
Die Explosion dieser „Bombe“ führte dann zum ersten Lockdown.
Der Lockdown war die richtige Entscheidung. Die Straßen waren wie leer gefegt, alle sind zuhause geblieben. Das große Glück war zudem, dass wir im März und April vergangenen Jahres bestes Wetter hatten. Das ist auch das, was vielen in Erinnerung geblieben ist. Alle sind nach draußen gegangen. Die Zahlen sind gesunken. Dann aber gab es Rufe nach Öffnungen, und man hat damit aus meiner Sicht alles aufs Spiel gesetzt, was man erreicht hatte. Immer stand irgendwo Freiheit vor Gesundheit, und das ist etwas, das nicht geht. Ein weiterer Fehler war, dass das Reisen nicht eingeschränkt wurde. Wir haben das in den Praxen nach den Sommerferien und bis in den Herbst hinein zu spüren bekommen. Dann ging es los mit den vielen Todesfällen in den Alten- und Pflegeheimen.
Zurück zum Anfang. Auch Sie waren im vergangenen Jahr in Quarantäne.
Das stimmt. Ich hatte im März zwei Patientinnen, die in Ischgl Skiurlaub gemacht haben. Sie hatten von zwei Schweden erfahren, mit denen sie dort waren, dass diese positiv auf Corona getestet worden waren. Das hatten die beiden Frauen dem Gesundheitsamt zwar mitgeteilt, aber damals war Ischgl offiziell noch kein Risikogebiet, sodass die beiden vom Gesundheitsamt an ihren Hausarzt verwiesen wurden und folglich bei mir in der Praxis saßen. Wie damals noch üblich ohne Maske und Schutzmaßnahmen. Ich bin aus allen Wolken gefallen und hab sie umgehend zur Testung geschickt. Weil das Ergebnis positiv war, musste ich in Quarantäne.
Wie denken Sie heute darüber?
Leider ist es immer noch so, dass die Aussagen der Gesundheitsämter oft nicht ganz eindeutig oder je nach Gesundheitsamt verschieden sind. Ich merke das häufig, weil ich neben meiner Praxis auch im Bereitschaftsdienst arbeite. Dort ist man ständig am Telefon mit Personen konfrontiert, die Kontakt zu Infizierten hatten. Vom Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es ja klare Vorgaben. Wer länger als 15 Minuten ohne Maske mit einem Infizierten Kontakt hatte, muss getestet werden. Das ist bei vielen aber nicht gemacht worden. Teilweise ist Personen, in deren Haushalt ein Coronafall aufgetreten ist, gesagt worden, sie können trotzdem weiter zur Arbeit gehen. Die Regeln des RKI sind von den Gesundheitsämtern oft völlig anders interpretiert worden, so zumindest mein Eindruck.
Mittlerweile gibt es mehr Testkapazitäten. Wie halten Sie es in der Praxis?
Wer Symptome hat, den schicke ich sofort zum Coronatest. Wir machen das mittlerweile nicht mehr in der Praxis, sondern schicken die Patienten direkt ins Testcenter. Wer Kontakt hatte zu einem Infizierten, also länger als 15 Minuten und ohne FFP2-Maske, den lasse ich auch testen. Aber ein Beispiel: Kürzlich gab es in Kassel einen Fall an einer Physiotherapieschule. Die Schüler haben FFP2-Masken getragen. Sie machen dort auch praktische Übungen zwar mit Schutzmaske, aber sehr nahem Körperkontakt. Es wurde vom Gesundheitsamt entschieden, dass der Schulbetrieb normal weitergeht. Aus meiner Sicht hätte man zumindest die Schüler testen müssen, die sich in unmittelbarer Nähe der erkrankten Person aufgehalten haben. Aber das Gesundheitsamt hat da anders entschieden.
Wie viel Prozent Ihres Arbeitsalltags haben mit Corona zu tun?
Es war eine Zeit lang relativ ruhig. Jetzt ist der Anteil meiner Arbeit, die mit Corona zu tun hat, wieder sehr stark gestiegen. Im Moment würde ich sagen, er liegt bei 40 Prozent. Das liegt aber auch an den vielen Fragen rund um die Impfung. Da könnte ich mittlerweile ein Tonband ablaufen lassen, so oft habe ich Präparate, Nebenwirkungen und Co. mittlerweile erläutert. Aber es ist wichtig, diese Fragen zu beantworten, weil es eine große Verunsicherung gibt. Der muss man entgegenwirken.
Ist das Aufgabe des Hausarztes?
Die Hausärzte sind jetzt gefragt, weil sie ihre Patienten oft über viele Jahre kennen und so die Bedenken gegenüber einer Impfung im gemeinsamen Gespräch schneller ausräumen können. Im Impfzentrum geht es sehr formal zu, da können die Mitarbeiter verständlicherweise gar nicht die komplette Krankengeschichte aller Patienten vollständig erfassen. Ich glaube, das wird auch der Grund sein, weshalb zeitnah auch in Hausarztpraxen geimpft werden wird. Man erreicht dort einfach sehr schnell sehr viele Menschen. Das kann im Grunde kein Impfzentrum so leisten. Hinzukommt, dass man auch viele Impfkritiker abfangen kann. Über Impfgegner brauchen wir nicht zu reden, die gibt es immer. Die müssen dann eben damit leben, sollten sie auf der Intensivstation liegen.
Der Hausarzt wird in der Pandemie also auch zum Seelsorger?
Das war er schon vorher. Aber jetzt ist man vor allem derjenige, der die Angst nimmt. Menschen haben vor unbekannten Dingen Angst – auch über das Coronavirus weiß man noch wenig. Wahrscheinlich hätte ich auch Angst, wenn ich kein Mediziner wäre. Aber genau das ist das Schöne, wenn man als Hausarzt über Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Sie wissen, dass man bei ihnen ist und sie genau so berät, wie man sich selbst behandeln würde.
Sie raten also jedem, sich gegen Corona impfen zu lassen?
In der vergangenen Woche habe ich allen meinen Patienten gesagt: Heute ist mein Tag! Ich freue mich richtig, weil ich geimpft werde. Ich sehe das als Möglichkeit, wieder Normalitäten zu bekommen. Einfach mal wieder ins Restaurant, ins Theater oder ins Kino zu gehen. Auch Reisen, das wird alles wieder möglich sein. Die Studien, die jetzt Woche für Woche erscheinen, die geben da auch keinen Grund für Bedenken.
Auch die gegenüber dem Impfstoff des Herstellers Astrazeneca?
Es war mehr als kontraproduktiv, dass der Impfstoff Astrazeneca in den Medien so schlecht dargestellt worden ist. Ich sehe da überhaupt kein Problem und hätte mich auch mit Astrazeneca impfen lassen. Die Altersbegrenzung auf 65 Jahre hatte man nur vorgenommen, weil keine Studien vorlagen. Gut, dass sie jetzt aufgehoben wurde.
Wie hat Corona Ihren Praxisalltag verändert?
Es gibt strenge Hygieneregeln, der Zutritt zur Praxis und die Sitzplätze im Wartezimmer sind begrenzt. Wenn Patienten reinkommen, und es ist zu voll, bitten wir nach Möglichkeit, noch mal eine halbe Stunde nach draußen zu gehen. Da sind aber auch alle sehr verständnisvoll.
Wie halten Sie es mit Kontakten in Ihrem persönlichen Umfeld?
Wir haben die Kontakte tatsächlich auf die Familie begrenzt. Es gibt zur Zeit keinen Besuch. Selbst meine Mutter habe ich ein paar Wochen nicht gesehen. Aber auch da ist von der Politik zu schlecht kommuniziert worden, was Kontaktsperre eigentlich bedeutet. Man hätte vor allem Jugendlichen deutlicher sagen müssen, dass sie sich nicht jeden Tag mit anderen Freunden treffen dürfen, auch wenn dabei die erlaubte Gesamtzahl nicht überschritten wird. Diese Treffen haben uns in Bedrängnis gebracht, wenn auch nicht aus böser Absicht. Die Gesamtzahl der Kontakte muss möglichst gering gehalten werden.
Wie schätzen Sie die nächsten Wochen ein?
Draußen ist nachweislich die Infektionsgefahr so gering. Da kann man mit Partner oder Freunden spazieren gehen, da wird nichts passieren. Ich denke, dass man auch deshalb die Außenbereiche der Restaurants schnell wieder öffnen kann. In den Innenbereichen ist die Infektionsgefahr hoch. Deshalb ist es medizinisch sinnvoll, Restaurants, Kinos und Theater vorerst weiter geschlossen zu lassen. Aber der Ruf nach Normalität wird langsam richtig laut und das ist ja auch irgendwie berechtigt.
Kann man als Arzt derzeit auch mal abschalten?
Ich setze mich in mein Ultraleichtflugzeug und dann bin ich weg – auch wenn ich momentan nur eine Runde um Kassel fliegen kann. Aber wie heißt es so schön: Über den Wolken ist alles nichtig und klein.

Zur Person

Karsten Diehls (53) arbeitet seit März 2000 als niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Kassel. Seit 2006 zusammen mit seinem namentlich gleichklingenden Kollegen Carsten Diels in der Praxis am Wehlheider Platz. Diehls ist als Notfallarzt im Landkreis Kassel tätig. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit seiner Familie in Vellmar.

(Kathrin Meyer)

Die aktuellen Corona-Fallzahlen für Kassel und weitere aktuelle Informationen finden Sie in unserem Corona-Ticker. Impfangebote für Lehrer und Erzieher wurden in Kassel gut angenommen.

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