Sommerinterview: Es soll noch mehr Leben am Fluss geben

OB Geselle: "Ich habe mich über manche documenta-Schlagzeile geärgert"

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Seit knapp einem Jahr im Amt: Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle.  

Kassel. Die documenta 14 war das Thema im ersten Amtsjahr von Oberbürgermeister Christian Geselle. Im Interview versichert der SPD-Politiker, dass das Herz der Kunstschau weiter in Kassel schlägt.

Herr Geselle, Sie sind jetzt rund ein Jahr im Amt. Worüber haben Sie sich am meisten geärgert, worüber am meisten gefreut?

Geselle: Es ist nie immer alles schlecht, noch ist immer alles gut. Es war das Jahr der Grundlagen, des Fundaments für das „beste Zuhause“. Natürlich gab es viele Herausforderungen zu bewältigen, aber wir haben bereits viel erreicht und einiges auf den Weg gebracht, was man in den nächsten Jahren sehen wird.

Was genau wird das sein?

Geselle: Dass die Lebensqualität in Kassel spürbar gestiegen ist, dass wir den Anforderungen an eine Stadt im 21. Jahrhundert gerecht geworden sind, etwa beim Thema Digitalisierung hin zu einem smarten Kassel. Wir wollen die neuen Technologien nutzen, um unseren Bürgern den Alltag zu erleichtern. Ein smartes Kassel bedeutet unter anderem auch eine moderne Stadtverwaltung und die Anpassung unserer Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensbedingungen. Wobei der Mensch immer im Mittelpunkt stehen sollte. Auch baulich wird sich einiges verändern.

Ein Gebäude, das dann vermutlich steht, wird das neue documenta-Institut sein. Die d14 war sicher das dominierende Thema Ihres ersten Jahres?

Geselle: Ja, die documenta hat mich schon beschäftigt. Ich habe mich in diesem Zusammenhang sicher auch über manche überregionale Schlagzeile geärgert, aber das muss man ertragen. Es war teils ein Kampf mit gefesselten Händen, weil man nicht zu jedem Zeitpunkt über alles Auskunft geben kann. Wir haben hinter den Kulissen hart gearbeitet, um die documenta zu bewahren und weiterzuentwickeln. Im Wesentlichen hat dazu auch die neue Generaldirektorin der documenta, Dr. Sabine Schormann, beigetragen – und das, obwohl sie erst zum 1. November ihren Dienst antritt. Die documenta macht Kassel alle fünf Jahre zur Weltstadt. Eines meiner Ziele ist es, sie auch zwischen den Ausstellungsjahren präsenter zu machen.

Die Zeit der Vorbereitung der nächsten documenta läuft: Wie ist der Stand in Sachen Findungskommission?

Geselle: Die acht international renommierten Personen für die Findungskommission stehen seit dieser Woche fest. Wir waren allen Unkenrufen zum Trotz, wir würden keine international besetzte Kommission finden, erfolgreich. Die Findungskommission wird sich im September zum ersten Mal in Kassel treffen. Wir liegen damit voll im Zeitplan bei der Findung der künstlerischen Leitung für die d15.

Und wenn deren Konzept erneut einen Co-Standort vorsieht?

Geselle: Die Pläne bleiben abzuwarten. Ein Grundpfeiler der documenta ist die künstlerische Freiheit. Das Konzept der documenta 14 wird die neue künstlerische Leitung aber sicher nicht kopieren. In Athen wurden 350 000 Besuche – nicht Besucher – gezählt. Das zeigt, dass das Konzept in einer Millionenmetropole so nicht funktioniert. In Kassel schlägt das Herz der documenta. Das Museum der 100 Tage funktioniert nirgends so gut wie bei uns. Die documenta in Kassel – das wird eine gute Zukunft haben.

Man hat das Gefühl, die letzte documenta ist zumindest öffentlich noch nicht aufgearbeitet. Wie hoch ist das tatsächliche Defizit?

Geselle: Wir warten noch den Bericht der Wirtschaftsprüfer ab. Mit genauen Zahlen ist wohl im Herbst zu rechnen. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich sagen: Bei der Absicherung der Liquidität des Unternehmens im vergangenen Jahr haben die Gesellschafter gut daran getan, einen Betrag von acht Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Sechs Millionen hätten nicht gereicht.

Nicht nur das Defizit bleibt in Erinnerung, auch die Debatte um den Obelisken und seine Zukunft in Kassel. Wie ist der Stand der Dinge?

Geselle: Wir stehen mit Olu Oguibe in Kontakt. Ich hatte ihn vor der Sitzung der Stadtverordneten am 18. Juni noch einmal angeschrieben, Missverständnisse ausgeräumt und erklärt, dass der Standort des geplanten documenta-Instituts am Holländischen Platz feststeht. Noch im Sommer ist ein Treffen mit Herrn Oguibe in Kassel geplant. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine einvernehmliche Lösung finden.

Ist die Diskussion über den Obelisken aus dem Ruder gelaufen?

Geselle: Der Obelisk ist nicht das Thema, das über Wohl und Wehe der Stadt Kassel entscheidet. Und er ist weder eine Projektionsfläche für Fremdenfreundlichkeit unserer Stadt noch ist eine Debatte über den Standort ein Sinnbild für Fremdenfeindlichkeit unserer Stadt. Mit einer solchen Bedeutung würde man ihn überhöhen. Entscheidend ist, einen Kompromiss zwischen Oguibes künstlerischer Intention und dem, was für die Menschen in Kassel wichtig ist, zu finden. Es geht hier nicht um eine Projektionsfläche, sondern darum, ob ein Kunstwerk der documenta 14 im öffentlichen Raum verbleibt.

„Fullebus“, Veranstaltungen und Wohnen am Fluss: Die und ihre Ufer sollen laut Geselle attraktiver und noch mehr genutzt werden.

Auch beim Obelisken hatte man den Eindruck, dass die Stimmung innerhalb der rot-grünen Koalition zurzeit eher getrübt ist.

Geselle: Regieren setzt Verantwortungsbewusstsein und Verantwortungsbereitschaft sowie Vertrauen in die Dezernenten voraus. Das erwarte ich von allen Koalitionären, erst recht bei einer Stimme Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung.

Zuletzt sah es so aus, als würden große Entscheidungen in der Dezernentenrunde getroffen. Nur ist diese ja kein politisches Gremium.

Geselle: Entscheidungen werden nicht in der Dezernentenrunde getroffen, aber dort werden sie diskutiert und vorbereitet. Ich hätte es lieber gesehen, der Ausstieg aus der Kulturhauptstadt-Bewerbung wäre über eine Magistratsvorlage vorbereitet worden. Aber Mut und Verantwortungsbereitschaft mochten in dieser Frage leider nicht alle zeigen. Am Ende haben die Stadtverordneten dann ja doch mit großer Mehrheit zugestimmt. Denn es gibt gute Argumente für eine Neujustierung der Kasseler Kulturpolitik. Beispielsweise erwarten die freie Szene und das Technikmuseum handfeste Unterstützung aus dem Kulturdezernat.

Thema Salzmann: Dennis Rossing erweckt den Eindruck, dass es doch noch was werden kann.

Geselle:Ich würde mich freuen, wenn es gelingt, das herausragende Kultur- und Industriedenkmal in Bettenhausen erhalten zu können. Das Areal ist aber nicht im Eigentum der Stadt, es gehört Herrn Rossing. Warten wir also ab, ob dieser seine Vorhaben umsetzen kann.

Wie ist es um die zweite Eisfläche bestellt, die ja nicht unwichtig ist auch in dem Bemühen, endlich mit einem Ausbau der bestehenden Eissporthalle einen vernünftigen Veranstaltungsort in Kassel zu bekommen?

Geselle: Die Stadt hat ihre Hausaufgaben gemacht. Für den Bau der zweiten Eisfläche steht ein Investitionskostenzuschuss in Höhe von einer Million Euro zur Verfügung. Der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan liegt bereits vor. Wir haben den Deutschen Eishockey-Bund ins Boot geholt, der sich ein Bundesnachwuchsleistungszentrum in Kassel vorstellen kann. Nun gilt es noch, das Land Hessen für unser Vorhaben zu gewinnen.

Mit dem Bau einer zweiten Eisfläche und somit der Auslagerung des Trainingsbetriebs bekäme die alte Eishalle notwendige Kapazitäten für andere Sportveranstaltungen und Konzerte. Für eine solche Halle mit multifunktionaler Nutzung sehe ich keinen besseren Standort – sowohl was die Verkehrsanbindung betrifft als auch die Einbindung in die Sportlandschaft rund um den Auepark. Mit dem Halleneigner Joe Gibbs aber auch mit Dritten stehen wir darüber im Dialog. Meine Vision wäre, Eishockey und Handball in einer modernen Halle zu spielen. Der große Wurf für eine solche Halle kann gelingen, wenn alle mitziehen.

Beim Thema Freizeit darf die Fulda nicht fehlen. Alles redet vom Leben am Fluss. Zurzeit sieht es dort eher tot aus.

Geselle: Wir sind eine Stadt am Fluss, und Wasser steht für Lebensqualität. Mit dem Fuldauferweg – eine große Leistung meines Vorgängers Bertram Hilgen – sind wir alle näher zum Fluss gekommen. Die Modernisierung der Schleuse hat das Ziel, die Fulda weiter schiffbar zu machen. Sie kann auch ein Verkehrsweg für den Nahverkehr werden, mit einer Art „Fullebus“. Der muss natürlich wirtschaftlich zu betreiben sein. Auch Gastronomie und Events, wie sie andere Städte auf dem Wasser anbieten, sind für mich denkbar. Darüber hinaus wollen wir das Thema Leben und Wohnen am Fluss weiterentwickeln – wenn möglich bis zum Hafen.

Wenn wir in vier Jahren vor Ihrer möglichen Wiederwahl hier sitzen: Welche Bilanz werden Sie dann verkünden?

Geselle: Wir sind dem besten Zuhause deutlich näher gekommen. Wichtige Grundlage dafür ist eine kommunale Gesamtstrategie, in der wir die großen Themenfelder Digitalisierung, Arbeit, Bildung, Mobilität und Wohnen definiert haben. Aber gleichzeitig erkenne ich bei den Menschen das Bedürfnis nach Entschleunigung in unserem oftmals hektischen Alltag. Dazu hat beispielsweise das neue Altstadtfest beigetragen. Das Quartier rund um den Entenanger verdient eine städtebauliche Aufwertung. Und für unsere historische Markthalle muss ein schlüssiges Gesamtkonzept entwickelt werden.

Eine letzte Frage, die in diesen Tagen die Menschen umtreibt: Wer wird Weltmeister?

Geselle: Ich würde es den Kroaten gönnen. Das Endspiel schaue ich bei meinem Freund Ivica Dujic in dessen Gaststätte Finkenherd. Da hat man übrigens auch einen wunderbaren Blick auf unsere Fulle.

Zur Person

Christian Geselle (42) wuchs in Kassel-Niederzwehren auf und besuchte das Wilhelmsgymnasium. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Polizeibeamten und arbeitete in Frankfurt. Parallel studierte er in Göttingen Rechtswissenschaften. Nach dem zweiten Staatsexamen war er als Verwaltungsjurist beim Land Hessen tätig. 2006 wurde Geselle Mitglied der Kasseler Stadtverordnetenversammlung, 2013 übernahm er den Vorsitz der SPD-Fraktion. 2015 wurde er Dezernent, 2016 übernahm er die Kämmerei. Im März 2017 wurde er mit 56,6 Prozent der Stimmen zum Oberbürgermeister gewählt. Geselle hat drei Kinder und lebt in Niederzwehren.

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