Zylinder mit trauriger Geschichte

Dieser Kasseler Jude überlebte als einziger aus seiner Familie den Holocaust

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Stolpersteine in Kassel: Ulrike Neyer hat auf einem Flohmarkt in Vollmarshausen einen Zylinder samt Schachtel aus dem einstigen Geschäft von Louis London erstanden. Danach machte sie sich auf die Suche nach Spuren der jüdischen Familie aus Kassel. 

Kassel. Hans Joachim London überlebte als einziger seiner Familie den Holocaust. Auf seine Geschichte wurde eine Lohfeldenerin auf dem Flohmarkt aufmerksam. Nun werden Stolpersteine für die Londons verlegt.

Der junge Mann mit dem schillernden Namen Louis London kam um 1900 aus einem kleinen Dorf bei Bremen nach Kassel, um hier sein Glück zu machen. Er gründete eine Familie und führte mit raschem Erfolg ein Textilgeschäft. Doch dann wurden er, seine Frau Selma und Tochter Lina Dina von den Nazis ermordet. Die Londons waren Juden.

Louis London, 1877 geborener Sohn eines Schlachtermeisters aus Twistringen, wohnte in Kassel zunächst an der Gießbergstraße 36, im November 1900 zog er an die Schillerstraße 19. Seine Vermieterin war die verwitwete Henriette Löwenstern, seine spätere Schwiegermutter.

Am 12. Oktober 1903 eröffnete Louis an der Marktgasse 15 das erste Sportgeschäft Kassels „mit einer Abteilung für Herrenartikel“. Im November 1904 verlegte Henriette Löwenstern ihre Pension an die Jägerstraße 15. Louis zog mit. Am 1. August 1906 heiratete er Henriettes Tochter Selma und zog mit ihr aus der Pension in eine eigene Wohnung Wörthstraße 28.

Die Geschäfte liefen gut. Alle Sportvereine aus Kassel und Umgebung kauften bei Louis London ein. Bald wurde das Ladengeschäft zu klein. London erwarb 1908 gegenüber das Haus Marktgasse 10 und richtete sein Ladengeschäft ein. Er beschäftigte fünf Verkäuferinnen und zwei Lehrmädchen. Selma kümmerte sich um den Einkauf.

Hans Joachim London

Am 29. März 1914 wurde Tochter Lina Dina geboren. Die Familie zog in eine größere Wohnung an die Schillerstraße 7. Hier kam am 24. Januar 1916 Sohn Hans Joachim zur Welt. Beide Kinder genossen hervorragende Ausbildungen, bekamen Sport- und Musikunterricht, verfügten über viele Bücher. Lina Dina besuchte das Kästnersche Lyceum (Höhere Töchterschule) und die Mädchenschule Waldschule Wilhelmshöhe. Hans Joachim ging auf die Henkel-Privatvorschule und ab 1926 aufs Wilhelmsgymnasium. Er wollte Medizin studieren.

Die Londons lebten in guten Verhältnissen, hatten Hausangestellte und verbrachten Urlaube in Tirol und Paris. 1925 starb Henriette Löwenstern.

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 kam die Lebensbedrohung für die Familie. SA-Horden zogen auch durch die Kasseler Innenstadt und warfen Schaufenster ein. Im Februar 1933 ließ sich Hitler in Kassel bejubeln. Danach sollten die Schüler in Hans Joachims Klasse einen Aufsatz zum Thema „Hitler in Kassel“ schreiben. Londons Aufsatz war sehr kritisch. „Er schlug ein wie eine Bombe“, erinnerte er sich. Der Druck wurde so stark, dass er die Schule verließ, mit dem Ziel eine Handwerksausbildung zu beginnen. Aber überall, wo er sich bewarb, erntete er Absagen, ob bei Geschäftspartnern seines Vaters oder bei Henschel: Die Handwerkskammer hatte die Beschäftigung von jüdischen Azubis verboten. Hans Joachim beschloss 1935 im Alter von 19 Jahren nach Palästina auszuwandern. Der Antrag seiner Familie auf ein Visum für die USA wurde abgelehnt.

Das Schillerviertel vor der Kriegszerstörung: An der Stelle des großen, hellen Gebäudes im Zentrum, der damaligen „Städtischen Haushalts- und Gewerbeschule für Mädchen“, befindet sich heute die Paul-Julius-von-Reuter-Schule. Im dritten Haus von unten links, damals Schillerstraße 7, wohnten die Londons.   

Nach der Pogromnacht im November 1938 wurde Vater Louis London am 11. November verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert. Wochen später wurde er wieder entlassen.

„Mit dieser Aktion wollten die Nazis vor allem die wohlhabenderen jüdischen Einwohner zum Verkauf ihres Vermögens zwingen“, so Ulrike Neyer, die das Stolperstein-Gedenkblatt für die Londons verfasst hat. Im Juli 1940 verkauften die Londons ihr Haus und Grund. Sie waren unter den ersten Kasseler Juden, die am 8. Dezember 1941 von der Gestapo in Schulturnhallen an der Schillerstraße (heute Arnold-Bode-Schule) kaserniert wurden, um in das Ghetto Riga deportiert zu werden. Die Fahrt dorthin begann für Louis, Selma und Lina am 9. Dezember 1941 vom Gleis 13 des Kasseler Hauptbahnhofs aus. Am 5. April 1942 wurden sie von Nazi-Schergen im Wald von Bikernieki in der Nähe des Ghettos erschossen.

Im Mai 1947 kehrt Hans Joachim nach Kassel zurück. „Als ich den Herkules sah, begann mein Herz schneller zu schlagen, Erinnerungen an eine schöne Kindheit stürmten auf mich ein“ schreibt er später. „Ich fühle mich einsam, verlassen und unendlich traurig. Ich fahndete nach Verwandten. Es war keiner mehr am Leben.“ Mit seiner Frau, Edith Margret Prawy, die er in Wien heiratete, wanderte Hans Joachim London 1951 nach New York aus. Er änderte seinen Namen in John Leslie und fand Arbeit beim Autokonzern General Motors, wo er sich bis zum Ingenieur hocharbeitete. Das Paar blieb kinderlos. Hans Joachim starb 2001, Edith 2007.   

Flohmarktfund

Vor einem Jahr hat Ulrike Neyer, (49), Mitarbeiterin der Murhardschen Bibliothek in Kassel und Familienforscherin aus Lohfelden, auf einem Hausflohmarkt in Vollmarshausen ein kurioses Fundstück erstanden: einen Zylinder mit dazugehöriger Hutschachtel. „Ich fragte mich, wie alt der Zylinder wohl sein könnte, denn auf der Hutschachtel war Kassel noch mit „C“ geschrieben“, sagt Neyer. Auch die Aufschrift „Louis London“ als Markenname für hochwertige Strickmode bekannt, habe sie neugierig gemacht. 

Wer den Zylinder einst gekauft hat, erfuhr sie von der ehemaligen Besitzerin des Hauses: Es war Justus Conrad Wille (1878 - 1906). Neyer recherchierte zudem, dass Louis London sein Geschäft – laut Adresse auf der Hutschachtel – 1903 eröffnet hatte. „Somit war das Alter des Zylinders aus der Zeit zwischen 1903 und 1906 geklärt. „Ich war neugierig, ob es einen Zusammenhang zwischen diesem Louis London und der Modemarke gab. Nein, ergaben die Recherchen. Stattdessen stieß Ulrike Neyer auf eine tragische deutsche Geschichte, denn die jüdische Familie London wurde Opfer des Holocaust. Bis auf Sohn Hans Joachim, der nach Palästina fliehen konnte, wurde sie von den Nazis ermordet. 

Damit ihre Forschungen nicht „für die Schublade“ waren, nahm Ulrike Neyer Kontakt zum Verein Stolpersteine in Kassel auf und initiierte so die Stolperstein-Verlegung für die Familie London.

Einweihungen am Donnerstag

Folgende Stolpersteine werden am heutigen Donnerstag vor den ehemaligen Wohnungen von Verfolgten des NS-Regimes eingeweiht: 

  • 15 Uhr, Mittelgasse 1: Sonja Knopf (geb. 1933, deportiert 1941 nach Riga, ermordet), Max Knopf (1926, deportiert 1941 nach Riga, ermordet in Buchenwald), Ernst Sally Knopf (1923, Flucht 1938 nach Palästina), Hermann Harry Schönfeld (1919, deportiert 1941 nach Riga, ermordet), Rosa Knopf-Schönfeld (1891, deportiert 1941 nach Riga, ermordet) 
  • 15.20 Uhr, Mittelgasse 8: Willi Paul (1897, Widerstand, Flucht nach Holland, Zuchthaus Ziegenhain, überlebt), Erna Paul (1906 – Widerstand, Flucht nach Holland, Ravensbrück, befreit) 
  • 16 Uhr Lutherstraße 5, Ecke Gießbergstraße: Berta Katz (1887, verfolgt, Flucht in den Tod 1941), Josef Katz (geboren 1873, Haft 1941, ermordet 1941 in Buchenwald)

16.30 Uhr, Schillerstraße 7: Louis London (1877, deportiert 1941, ermordet 1942 in Riga), Selma London (1884, deportiert 1941, ermordet 1942 Riga), Lina Dina London (1914, deportiert 1941, ermordet 1942 in Riga), Hans Joachim London (1916, Flucht 1935 nach Palästina) 17.20 Uhr, Quellhofstr. 20: Otto Friedrich (1897 – Zeuge Jehovas, Haft 1936 - 1945 Wehlheiden und Sachsenhausen, befreit). www.kassel-stolper.com

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