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Infektwelle in Kinderkliniken: Ärzte kritisieren Politik

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Von: Matthias Lohr

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Ein am Respiratorischen Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV) erkrankter Patient liegt auf einer Kinderstation des Olgahospitals des Klinkums Stuttgart in einem Krankenbett. Die Kinderkliniken in Deutschland haben aktuell große Schwierigkeiten, alle schwerstkranken kleinen Patienten zu versorgen.
Vor allem das TS-Virus sorgt dafür, dass viele Kinderkliniken ausgelastet sind. Unser Bild zeigt einen jungen Patienten auf der Kinderstation des Olgahospitals des Klinikums Stuttgart. © Marijan Murat/dpa

In vielen Kinderkliniken fehlen freie Betten. Das Kasseler Klinikum ist zu 90 Prozent ausgelastet. Verantwortlich dafür ist nicht nur das RS-Virus, sondern auch die Politik, klagen Mediziner.

Kassel – Bundesweit schlagen Kinderärzte Alarm: Wegen einer Infektwelle fehlen in Kinderkliniken freie Betten, in Praxen gibt es Aufnahmestopps. Auch in und um Kassel ist die Lage angespannt. Laut dem Vellmarer Mediziner Thomas Lenz (Obmann der nordhessischen Kinderärzte) müssen Eltern mit ihren kleinen Patienten bis zu eine Stunde warten, so groß ist der Andrang.

Dabei täten er und seine Kollegen schon alles, um den Ansturm zu bewältigen. Vorsorgeuntersuchungen würden verlegt. Jeden Tag kämen aber 50 neue Mails mit Terminanfragen, das Telefon stünde nicht still: „Wir schaffen es nicht, alles abzuarbeiten.“

Eine Umfrage des Verbands Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ergab gerade, dass „von 110 Kinderkliniken 43 Einrichtungen kein einziges Bett mehr auf der Normalstation“ freihatten.

Grund für die Notlage ist nicht nur das grassierende Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), das laut Lenz für Frühgeborene lebensgefährlich sein und auch bei älteren Kleinkindern zu schweren Verläufen führen kann. Andere Atemwegsinfekte verbreiten sich ebenfalls gerade. Dies sei eine Folge der Schutzmaßnahmen in der Pandemie. „Bei vielen ist das Immunsystem nicht mehr so gut trainiert“, sagt Lenz.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte macht für die Situation neben dem Virus auch die Politik verantwortlich. Seit Jahren werde die Pädiatrie finanziell ausgehungert, gleichzeitig würde Kinderärzten mehr aufgebürdet.

Im Klinikum ist man laut dem Ärztlichen Geschäftsführer Dr. Thomas Fischer „noch in der Lage, erkrankte Kinder aufzunehmen“. Von den 170 Betten seien 90 Prozent belegt. Eltern berichteten der HNA, dass es „krass voll“ sei, man sich aber trotzdem gut aufgehoben gefühlt habe. Auch Fischer kritisiert starre Personalvorgaben durch die Politik und den bundesweiten Abbau von 20 Prozent der Betten in Kinderkliniken in den letzten zehn Jahren.

Lenz verweist auf immer mehr Bürokratie, die Kinderärzten das Leben erschwere. Es fehlten viele Mediziner, weshalb mehr ausgebildet werden müsse: „Darauf haben wir schon vor zehn Jahren hingewiesen.“

Kinderarzt rät Eltern: Hören Sie auf das Bauchgefühl

Wenn Eltern Hilfe für ihre Kinder benötigen, sollten sie sich an den eigenen Kinderarzt wenden, wie Thomas Fischer vom Klinikum sagt. Außerhalb der Praxisöffnungszeiten stehe der Bereitschaftsdienst (0561 / 116 117) und in Notfällen die Kinderklinik bereit. Kinderarzt Thomas Lenz rät Eltern, auf das Bauchgefühl zu hören. Viele seien unsicherer und unselbstständiger geworden. Auch ein Husten, der länger dauere, sei nichts Gefährliches, das beim Kinderarzt abgeklärt werden müsse. (Matthias Lohr)

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