Zahl der Niedrigverdiener gestiegen

Inflation wurde nicht ausgeglichen: Löhne kaum gestiegen

Kassel. In keiner anderen Region Deutschlands sind in den vergangenen Jahren so viele Jobs entstanden wie in Nordhessen. Das geht aus einer jetzt vorgelegten Studie der nordhessischen Arbeitgeberverbände hervor.

Aber wer hat die Stellen geschaffen? Vor allem Industrie und Dienstleister, aber auch Gesundheitswesen und Altenpflege sowie der Handel haben kräftig Beschäftigungsaufbau betrieben. Allein Volkswagen hat in den vergangenen Jahren 3000 neue Stellen in Baunatal geschaffen, der zurzeit schwächelnde Solartechnik-Hersteller SMA in Niestetal hatte in der Spitze mehr als 6000 Beschäftigte, davon 5500 in Nordhessen.

Aber auch Autozulieferer wie Continental, Mittelständler und Dienstleister haben dank der guten Konjunktur in den vergangenen Jahren für Beschäftigungszuwachs gesorgt. Und im medizinischen und Altenpflegebereich sind viele Hundert neue Jobs in neuen Einrichtungen in der Region entstanden.

Auf das Lohnniveau hat sich diese Entwicklung allerdings kaum ausgewirkt. Von 2005 bis 2010 stieg der durchschnittliche Lohn (Medianlohn) über alle Verdienstgruppen hinweg im Landkreis Kassel um nur 108 auf 2898 Euro. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung von 0,77 Prozent.

In der Stadt legte der mittlere Lohn sogar nur um 87 auf 2838 Euro zu und stieg damit um mickrige 0,63 Prozent im Jahr. Unter Berücksichtigung der Inflation haben die Beschäftigten in Stadt und Kreis damit Realeinkommensverluste erlitten. Das heißt, für ihren heutigen Lohn können sie sich weniger leisten als vom Verdienst vor einigen Jahren.

Selbst die Boomregionen im Süden – Frankfurt, Darmstadt und Main-Taunus – schafften es von 2005 bis 2010 nicht, die Inflation auszugleichen. Dort lag der jährliche Zuwachs in jenem Zeitraum bei 1,2, 1,4 und 1,8 Prozent.

Die Statistik der Unternehmerverbände zeigt eine weitere interessante Entwicklung auf: Die Zahl der Niedriglohnverdiener – also jener, die in Vollzeit im Kreis höchstens 1932 und in der Stadt 1892 Euro monatlich brutto haben – stieg deutlich schneller als die der Normal- und Besserverdiener, deren Einkommen über diesen Sätzen liegen.

Während die Zahl der Niedriglöhner in Stadt und Kreis von 2005 bis 2010 um 18,4 Prozent auf 24 400 zunahm, lag der Zuwachs bei den Normal- und Besserverdienenden bei nur 7,8 Prozent auf 88 860. Das könnte ein Indiz auf den verstärkten Einsatz von zumeist schlechter bezahlten Zeitarbeitern sein, die vor allem auch im verarbeitenden Gewerbe eingesetzt werden. Und das ist in Nordhessen traditionell dominant.

Auch interessant: Das Lohngefälle zwischen Nordhessen und Rhein-Main-Gebiet hat sich in den vergangenen Jahren weiter vergrößert. In Frankfurt liegt der Durchschnittslohn bei 3612 Euro und damit gut 700 bis 800 Euro über dem von Stadt und Kreis Kassel. Dafür sind aber im Süden die Lebenshaltungskosten sehr viel höher.

Von José Pinto

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