Smartphones als Waffen

Ingress: Das Spiel von Google erobert Kassel

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Posten erobert, Mission erfüllt: Auch in Kassel gibt es eine Fanszene für Googles Handyspiel „Ingress“. Björn Clement (links), Tomasz Slupczynski und viele andere treffen sich regelmäßig zum Einnehmen von Stadtvierteln – hier vor dem Rathaus.

Kassel. Die Eroberung Kassels soll auf dem Rathaus-Vorplatz starten. Zur Dämmerung versammelt sich ein Clan, dessen Mitglieder sich die Erleuchteten nennen. 20 Männer und Frauen treffen ein – sie wollen die Stadt im Handstreich einnehmen. Ihre Waffen: geladene Smartphones.

Ihr Erzfeind: das Lager der verhassten Widerständler.

Was klingt wie ein Straßenkampf zwischen futuristischen Stadtguerillas, ist Googles Debüt auf dem Computerspielmarkt. „Ingress“ (zu Deutsch: eindringen) heißt das Handy-Videospiel, das der Internetgigant von seiner Tochterfirma Niantic Labs entwickeln ließ. Google möchte kein Geld für den Download: Die Währung, in der Millionen Spieler bezahlen, heißt Nutzerdaten.

Oder, um genauer zu sein: Geodaten. Denn Ingress wird nicht zu Hause gespielt, sondern auf der Straße. Mithilfe von Googles Satelliten- und Kartentechnologie führen die Spieler Eroberungsfeldzüge gegeneinander, ähnlich dem Brettspiel Risiko. Zwei Lager, Erleuchtete und der Widerstand, nehmen auf Streifzügen per Handy-Befehl strategische Punkte ein: Rathäuser, Bahnhöfe, Monumente. So soll der Feind von der Karte verdrängt werden. In Kassel. In Deutschland. Weltweit.

Der Gewinn für den Konzern: Ingress-Spieler funken permanent GPS-Koordinaten, also ihren geografischen Standort, an die Google-Server. Die Daten erlauben das Erstellen von Bewegungsprofilen und, wirtschaftlich relevant, zielgerichtete Werbung. Google verdient den Großteil seines Umsatzes mit Werbung, im vierten Quartal 2013 mehr als 15 Milliarden Dollar.

Seit dem Spielstart im November 2012 luden über fünf Millionen Spieler die App herunter. In Kassel bildete sich eine Szene aus etwa 100 Spielern. „Digitale Schnitzeljagd und cool erzählte Kriegsstory: Ingress bietet eine ganz neue Spielerfahrung“, sagt der Kasseler Florian Schmalz. Der 31-jährige IT-Techniker sagt aber auch: „Uns ist bewusst: Für Google sind wie transparent.“

Als freiwilliges „Informations-Crowdfunding für Google“ bezeichnet Thomas Slupczynski das Ingress-Prinzip. Der 28-jährige Spieler aus Kassel beobachte, dass Googles Kartenprogramm Maps immer genauer werde. Niantic-Sprecherin Anne Beuttenmüller verneint, dass Daten aus Ingress in andere Google-Dienste fließen. „Jedoch können wir es für die Zukunft nicht ausschließen.“ Internet-Experte Sascha Lobo bezeichnete die freiwillige massenhafte Datenabgabe der Ingress-Spieler als „irrationale Tat aus Faszination für ein Computerspiel“.

Wie wertvoll die Daten für Google sein müssen, zeigt sich daran, dass der Konzern Ingress auf dem hochprofitablen Videospielmarkt kostenlos anbietet. Dabei werden allein deutsche Konsumenten in diesem Jahr mehr als zwei Milliarden Euro in Videospiele investieren, wenn die Prognosen des Statistischen Bundesamtes stimmen. Doch Google, so scheint es, rechnet anders.

Von Jan Schumann 

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