Torsten Evers spricht über sein Traditionsgeschäft

Inhaber zur Schließung von  Heinsius & Sander: "Waren der letzte Dinosaurier"

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Heinsius & Sander gehörte zur Innenstadt wie das Rathaus gegenüber: Inhaber Torsten Evers hat das Traditionsgeschäft jetzt aufgegeben und will die familieneigene Immobilie vermieten

Kassel. Nach 140 Jahren hat das Modehaus Heinsius & Sander in der fünften Generation seinen Geschäftsbetrieb gegenüber dem Kasseler Rathaus seit Anfang Juni aufgegeben. In die Räume wird im Herbst der Drogeriemarkt DM einziehen. Über die Schließung sprachen wir mit Inhaber Torsten Evers.

Herr Evers, wie fühlt man sich, wenn man ein Fachgeschäft mit 140 Jahren Tradition zum letzten Mal abschließt?

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Evers: Das ist schon ein Einschnitt. Wir hatten diesen Schritt aber schon länger vorbereitet. Ich bin daher nicht unzufrieden, sondern eher erleichtert, dass wir selbst rechtzeitig die Weichen gestellt haben – bevor es der Markt für uns tut. Ich bin überzeugt, dass es in Innenstädten wie in Kassel in zehn Jahren so gut wie keinen inhabergeführten, stationären Einzelhandel mehr geben wird.

Was ändert sich da gerade, wenn selbst ein Flaggschiff wie Heinsius & Sander keine Perspektiven mehr sieht?

Evers: Nach Kollegen wie Voepel, Overmeyer und anderen sind wir nun der letzte Dinosaurier, der sich verabschiedet hat. Schon seit den 1990er-Jahren stellten wir fest, dass sich der Markt nicht zu unseren Gunsten entwickelt. Immer wenn ein großer Mitbewerber verschwunden war, hat sich das praktisch nie positiv auf den verbleibenden inhabergeführten Handel ausgewirkt. Das Geschäft machen andere: große Modeketten, die von der Produktion bis zum eigenen Filialnetz alles selbst kontrollieren. Auch viele Hersteller eröffnen mehr und mehr eigene Läden, zuungunsten des klassischen Einzelhandels ...

... und das Internet?

Zur Person

Torsten Evers wurde 1948 in Hamburg geboren. Dort verbrachte er auch seine ersten Lebensjahre. Später zog die Familie nach Kassel. Evers machte Abitur am Wilhelmsgymnasium, studierte nach einigen Lehr- und Wanderjahren Betriebswirtschaftslehre und trat 1979 in die Geschäftsleitung des Modehauses Heinsius & Sander ein, das sein Urgroßvater 1874 in Kassel gegründet hat. Evers (66) ist verheiratet. Seine Tochter Alexa Evers war 2010 als Partnerin in das Familienunternehmen eingetreten, sie übernimmt nun ab 1. Juli eine Führungsposition bei einem großen westfälischen Modeeinzelhandelsunternehmen.

Evers: Man kann nicht hoch genug bewerten, welche dynamische Entwicklung sich da vollzieht. Gerade Leute, die wenig Zeit haben, kaufen vermehrt im Netz und verzichten auf persönliche Beratung, auf die wir stets sehr viel Wert gelegt haben. Da haben wir uns lange in die eigene Tasche gelogen und geglaubt, die Kunden würden zumindest im hochwertigen Segment nicht aufs Fühlen und Anprobieren verzichten wollen. Doch die Realität zeigt zunehmend, dass das weitgehend nicht mehr so ist.

Verändert das die Art, wie die Kunden Mode kaufen?

Evers: Die Menschen sind sehr viel mobiler geworden und gehen weniger Bindungen ein. Die Zeiten sind vorbei, wo man sich weitgehend beim Fachhändler des Vertrauens eingekleidet hat. Der Stammkunde ist eine aussterbende Spezies. Die Leute shoppen auf Städtereisen oder machen eine Freizeitaktivität daraus, ins Outlet-Center zu fahren. Dabei gerät immer mehr der reine Preis in den Vordergrund: Statt zeitloser Qualität soll es lieber häufiger etwas Neues sein. Alles ist sehr viel offener geworden.

Was bedeutet das für die Innenstadt als Einkaufsstandort?

Evers: Oft ist die Kritik zu hören, dass Deutschlands Fußgängerzonen allmählich alle gleich aussähen. Diesem Eindruck hat Kassel nichts entgegenzusetzen. Früher gab es hier in der City ein branchenübergreifend hochwertiges Angebot: Man ging zu Feinkost-Lottermoser, zu Leder-Metzger und anschließend vielleicht zu Heinsius & Sander.

Lexikon-Wissen:

Alle Informationen zum Modehaus Heinsius & Sander finden Sie im Regiowiki der HNA.

Wer aber soll extra in die Innenstadt fahren, wenn wir inzwischen die Einzigen in dieser Riege sind? Im Dez oder im Ratio bekommen die Kunden heute fast das Gleiche wie in der City, können aber bis vor die Ladentür fahren. Aufgrund der deutlich höheren Parkgebühren, die die Stadt demnächst einführen will, werden weitere Kunden das Stadtzentrum meiden.

Wie hat denn die Stadt auf die Nachricht reagiert, dass Heinsius & Sander nach 140 Jahren schließt?

Evers: Überhaupt nicht. Aus dem Rathaus gegenüber gab es keinerlei Reaktion. Schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass wir schon 35 Jahre an diesem Ort Handel trieben, bevor dieses Rathaus eröffnet wurde.

Gut 15 Jahre lang waren Sie auch Vorsitzender der City-Kaufleute. Wie ist es um den Gemeinschaftsgeist der Händler bestellt?

Evers: Man kann das heute nicht mehr mit der Situation vor zwei Jahrzehnten vergleichen. Es sind heute weitgehend Geschäftsführer von Galerien, großen Filialisten und Warenhäusern, die in der Gemeinschaft den Ton angeben. Da werden hauptsächlich Aktionen und Initiativen besprochen, die für diese Art von Unternehmen Sinn machen.

Und welche sind das?

Evers: Da geht es um verkaufsoffene Sonntage, Einkaufsnächte und dergleichen. Das ist für Inhaber kleinerer Geschäfte, zumal oft abseits der Königsstraße, wenig attraktiv. Deren Aufwand und Personalkosten stehen in keinem Verhältnis zu den Umsätzen an solchen Aktionstagen. Außerdem: Anspruchsvolle Kunden meiden solche Massenveranstaltungen, die sich an ein ganz anderes Publikum richten.

Von Axel Schwarz

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