„Inklusion darf kein Sparmodell sein“

Boris Krüger

Kassel. Bei der Umsetzung der Inklusion an Schulen, dem gemeinsamen Unterricht von Kinder mit und ohne Beeinträchtigung, werden die gesetzlichen Vorgaben nicht eingehalten. Darauf weist der Kreisverband Kassel des Deutschen Lehrerverbands Hessen hin. Er warnt vor verdeckten Stellenkürzungen. Wir sprachen mit Kreisvorsitzendem Boris Krüger.

Was kritisieren Sie?

Boris Krüger: Wir kritisieren, dass die bisher für eine Förderschullehrkraft vorgesehene Zuteilung von Schülern mit Förderbedarf, nämlich eine volle Stelle für maximal sieben Schüler, nicht eingehalten wird.

Wie sieht die Realität aus?

Krüger: Häufig ist ein Lehrer für zwölf, 14 oder mehr Schüler mit Förderbedarf in der Klasse zuständig. Für die einzelnen Kinder bleibt dann oft kaum eine Unterstützung von zwei Stunden, statt der errechneten vier Stunden übrig. Das widerspricht schlicht den gesetzlichen Vorgaben.

Wie sieht es an den Fördeschulen aus?

Krüger: Hier hat es fast unbemerkt eine verdeckte Stellenkürzung gegeben. Die Lehrerzuweisung erfolgt nicht mehr nach der Gesamtzahl der Schüler an der Schule, sondern nach Stufen. So kommt es vor, dass Klassen mit mehr als 16 Kindern nicht mehr geteilt, keine neuen Klassen gebildet werden und damit auch keine neue Lehrerstellen geschaffen werden.

Was sagt der Deutschen Lehrerverband dazu?

Krüger: Der Kreisvorstand spricht sich dafür aus, dass das Land Hessen seine in diesem Bereich ohnehin schon niedrigen Standards zumindest einhält, besser aber heraufsetzt. Inklusion darf kein Sparmodell sein, sondern muss zusätzliche Ressourcen an Lehrkräften und Geld bedeuten, wenn sie gelingen soll.

Wir fordern eine sinnvolle sonderpädagogische Förderung an Schulen, die Einhaltung der vorgeschriebenen Minimalförderung für Inklusive Beschulung, die Verdoppelung der Ressourcen sowie die Entlastung der Regelschullehrkräfte durch eine volle Doppelsteckung von zusätzlichen Sozialpädagogen.

Weil die Zahl der Schüler mit Förderbedarf im sozial-emotionalen Bereich zunimmt, müssen die Klassenhöchstgrenzen an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen herabgesetzt werden.

Zur Person:

Boris Krüger (45) hat Latein, Geschichte und Italienisch in Münster und Bologna studiert. Seit 1999 lehrt er an der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule. Er engagiert sich als Kreis- und Bezirksvorsitzender im Hessischen Philologenverband. In dieser Funktion ist Krüger auch Kreisvorsitzender des Deutschen Lehrerverbands Hessen. Er ist Europaschulkoordinator an der ASS, Regionalkoordinator der acht nordhessischen Europaschulen sowie Vizepräsident der Kasseler Freunde der Antike. Krüger lebt mit seiner Ehefrau in Lohfelden.

Von Christina Hein

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