Denkmalbeirat traf Entscheidung ohne Besichtigung - Grüne wollen Ortsbegehung

Innenleben ist unbekannt

Eindrucksvoll: Den stuckverzierten Saal im Henschelhaus kennen nur wenige. Unter dem Putz verbirgt sich Malerei. Archivfoto: Herzog

Kassel. Kann man eine Entscheidung über den Abriss oder den Erhalt eines Gebäudes fällen, ohne das betreffende Objekt - in diesem Fall das Henschelhaus - überhaupt in Augenschein genommen zu haben? Der Kasseler Denkmalbeirat schon.

Das beratende Gremium im Rathaus hat bereits vor Monaten grünes Licht für den Abriss des Gebäudes gegeben. Lediglich ein Teil der Fassade solle rekonstruiert und in die neue Außenwand integriert werden, schlagen die Denkmal-Berater vor.

Zwar habe man im Vorfeld „artig und ausführlich“ darüber beraten, dass auf dem Areal zwischen Königsplatz und Wolfsschlucht ein Neubau für das Textilhaus Peek & Cloppenburg entstehen soll, doch vor Ort sei man „ausnahmsweise“ nicht gewesen, sagt Grünen-Stadtverordneter und Beiratsmitglied Dr. Klaus Ostermann.

Weil es der Bürger-Initiative Pro Henschelhaus, die für den Erhalt des Henschelhauses kämpft, nicht nur um die Rekonstruktion von Fassadenelementen, sondern um das gesamte Haus geht, wie Sprecherin Ulrike Bohrmann-Witt sagt, wurden jetzt Fotos vom historischen Innenleben des Henschelhauses in Umlauf gebracht. Plötzlich kommt auch politisch Bewegung in den Kampf ums Henschelhaus.

„Für immer verloren“

Ostermanns Fraktionsfreund Dieter Beig will nun im Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr, der heute ab 17 Uhr im Rathaus tagt, den Vorschlag einer Ortsbegehung machen. Daran sollen auch die Mitglieder des Denkmalbeirats teilnehmen. „Danach sehen wir weiter“, sagt Ostermann: „Ich kann schließlich schlauer werden und meine Meinung auch korrigieren.“

Die FDP-Fraktion klinkt sich ebenfalls ein. Sie hat für die Ausschusssitzung Fragen vorbereitet. Eine lautet: „Kann (...) garantiert werden, dass bei einem Abbruch keine historischen Befunde undokumentiert verloren gehen, die für die Baugeschichte des Gebäudes relevant sind?“

Architekturhistoriker Christian Presche, der sich für die Initiative Pro Henschelhaus engagiert, ist sich sicher: „Bei einem Abriss werden historische Befunde für immer verloren gehen.“ Der Grund: Nicht nur die Fassade des Anbaus an das Brühlsche Haus am Königsplatz 55 sei „von großer historischer Bedeutung“, auch einige Innenräume seien „äußerst wertvoll“. Es handelt sich um zwei Treppenhäuser und einen im Stil um 1780 ausgestatteten Konferenzraum. Er war vom damaligen Bauherren, der Darmstädter und Nationalbank, „prächtig“, unter anderem mit Wand- und Deckenmalerei, ausgestattet worden.

Die Malerei sei zwar teilweise unter einem Putz verschwunden, sei aber noch vollständig vorhanden, versichert Achim Wickmann, der 40 Jahre lang Verwalter des Henschelhauses war. Er erinnert sich: In der Mitte des fünf mal fünf Meter großen Saals mit seiner abgerundeten Außenwand standen ein Tisch mit zehn Stühlen. Der mächtige Tisch ist heute im Henschelmuseum zu sehen.

Infos über das Henschelhaus auch im Internet: www.hna.de/wiki

Von Christina Hein

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