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Kasseler Start-up will Inspektionen von Bauwerken radikal vereinfachen

Nur der virtuelle Zwilling einer Brücke: In den 3-D-Modellen der Software „Twinspect“ lassen sich beschädigte Stellen identifizieren und anhand der hinterlegten Drohnenbilder genauer untersuchen.
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Nur der virtuelle Zwilling einer Brücke: In den 3-D-Modellen der Software „Twinspect“ lassen sich beschädigte Stellen identifizieren und anhand der hinterlegten Drohnenbilder genauer untersuchen.

Mit der Technologie des Kasseler Start-ups Twinsity sollen gefährliche und langwierige Inspektionen von großen Bauwerken viel einfacher werden. Jetzt hat ein Investor einen Millionen-Betrag gegeben.

Kassel – Fabien Chalas und sein Team haben eine Vision: Sie wollen Inspektionen von Bauwerken radikal vereinfachen. Dabei soll ihre Softwarelösung helfen, mit der aus Drohnenfotos hochauflösende 3-D-Modelle entstehen, die dann virtuell inspiziert werden können. Gerade erst hat das junge Unternehmen Twinsity aus Kassel in einer Finanzierungsrunde einen siebenstelligen Betrag von einem Investor bekommen.

Hinter Twinsity stecken die beiden Unternehmensgründer Uwe und Fabien Chalas – Vater und Sohn. Uwe Chalas war einer der Gründer der Kasseler Firma Aibotix, die seit 2010 an hochintelligenten Drohnen arbeitete und 2014 weiterverkauft wurde. Der 24-jährige Fabien Chalas hatte schon bei Aibotix seine ersten Erfahrungen als Softwareentwickler gemacht. „Wir haben damals gelernt, was Drohnen eigentlich leisten können und welche Daten sie sammeln“, sagt er.

Vater und Sohn: die Gründer und Geschäftsführer von Twinsity, Uwe und Fabien Chalas.

Aus einzelnen Drohnenbildern lassen sich mittels Fotogrammetrie 3-D-Modelle erstellen – vergleichbar mit den 3-D-Funktionen von Google Earth, jedoch in fotorealistischer Bildqualität. Die Ausgangsbilder können mit nahezu jeder Drohne aufgenommen werden. Doch eine Frage blieb für Fabien Chalas und seinen Vater unbeantwortet: Was machen mit diesen 3-D-Modellen? Ein weiteres Problem war die Menge an Daten: zu groß, um verarbeitet und ohne Qualitätsverlust angezeigt zu werden. Im heimischen Wintergarten in Breuna betrieben die beiden „Grundlagenforschung“, sagt Fabien Chalas, und tüftelten jahrelang an Algorithmen.

Eigentliche Inspektion wird nicht ersetzt - nur vereinfacht

Als Twinsity 2019 gegründet wurde und den ersten Drohnendienstleistern die Visualisierungstechnik angeboten wurde, war schnell klar, was wirklich gebraucht wird: eine Möglichkeit zur virtuellen Inspektion von Bauwerken. Denn Inspektionen sind aufwendig, beispielsweise bei Brücken, aber auch bei Industrieanlagen, Dächern oder Hochhäusern. „Bei Brücken gibt es einen riesengroßen Sanierungsbedarf. Für so eine Inspektion braucht es einen speziellen Kran, der sehr teuer ist und die Fahrbahn tagelang blockiert“, erklärt Jungunternehmer Chalas. Mit seiner Lösung brauche es keine Sperrung und keinen Kran. „Es werden Zeit, Geld und Emissionen gespart“, zählt er die Vorteile auf. „Und kein Inspekteur muss sich in großen Höhen in Gefahr begeben.“

Zwar ersetzt die Software Twinspect nicht die DIN-gerechte Inspektion – das soll sie aber auch gar nicht. Der Name setzt sich übrigens aus den englischen Begriffen twin (Zwilling) und inspect (inspizieren) zusammen. „Mit unserer Lösung lässt sich Vorarbeit erledigen, die eigentliche Inspektion kann dann viel zielgerichteter gemacht werden.“ Am virtuellen Modell lassen sich neuralgische Stellen identifizieren, ein Klick führt zum detailgetreueren Originalbild. Stellt der Inspekteur ein Problem fest – Risse, freigelegter Stahl oder Rost – kann die Stelle am Bauwerk selbst untersucht werden. Die Software funktioniert auch andersherum: Wird auf einem Originalbild ein Riss festgestellt, lässt sich dieser anhand des Modells genau verorten.

Investor aus Frankfurt gibt siebenstelligen Betrag

Für das Modell eines zweistöckigen Wohnhauses werden etwa 500 hochaufgelöste Bilder benötigt – große Brücken brauchen 20.000 oder mehr. Die ganze Software läuft in der Cloud, kann deshalb auch auf mobilen Geräten von überall genutzt werden. Der potenzielle Markt ist riesig, die Konkurrenz eher klein: Laut Chalas gebe es derzeit nur zwei Konkurrenten, in Australien und den USA. Durch gute Kontakte zu Drohnendienstleistern, die Drohnen für alle Zwecke anbieten, internationale Fachpresse und soziale Medien konnte Twinsity bereits große Baufirmen weltweit als Partner gewinnen. Von einem Investor bekamen die Chalas einen sechsstelligen Betrag zur Startfinanzierung – in der Fachwelt werden diese Geldgeber Business Angels genannt. Erst kürzlich konnte die junge Firma neues Kapital akquirieren: Eine in Frankfurt sitzende Wagniskapitalgesellschaft, der „FinLab EOS VC Fund“, hat sich 25 Prozent der Unternehmensanteile gesichert – für einen ordentlichen siebenstelligen Betrag.

Mit dem frischen Geld sollen vor allem Entwickler eingestellt werden, das Team soll von jetzt 12 auf mindestens 25 Mitarbeiter wachsen. Der nächste Schritt ist die Integration von Künstlicher Intelligenz – diese soll dann eigenständig Problemstellen identifizieren und Prognosen abgeben, wann beispielsweise ein Riss kritisch werden könnte, um rechtzeitig reagieren zu können. „Marode Brücken gibt es auf der ganzen Welt – dagegen wollen wir etwas tun“, sagt Chalas. (Von Gregory Dauber)

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