"Mein Gott, Kassel, wie schön ich dich ertragen kann"

Instagram: Diese Literatur-Seite aus Kassel ist spannender als die meisten Bücher

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Literatur-Posts des Kasselers Thomas Brode auf seiner Instagram-Seite no.ta.bene.

Viele finden Kassel hässlich. Aber die Tristesse der Stadt ist die perfekte Kulisse für die ungewöhnliche Instagram-Seite no.ta.bene, die Literatur und Lyrik in den Straßen von Kassel zeigt.

Wenn es einem so richtig schlecht geht, kann einem Kassel wieder auf die Beine helfen. Zumindest das Kassel, das Thomas Brode auf seinem Instagram-Account zeigt. Als "no.ta.bene" hält er Lyrik, Literatur, Notizen und Gedanken "in den Straßen von Kassel fest", wie es in seinem Profil in dem Foto-Netzwerk heißt.

Unter dem lateinischen Begriff für "merke wohl" und "übrigens" postet Brode Zettel auf Mauern und in Hinterhöfen mit Sätzen wie: "Erzählt den Verlierern vom Ende der Sieger." Oder: "Wie schlecht uns doch das eigene Dasein erfüllt." Und: "Kein Buch, sei es noch so traurig, kann so traurig sein wie das Leben." Brodes "#kleineschreiberei", wie er seinen virtuellen Literaturspaziergang nennt, ist wohltuend anders als die vielen anderen Social-Media-Poesiealbensprüche, die oft klingen wie die Morgenshow eines Formatradios.

Erst Mitte Februar hat der ehemalige Buchhändler, der mittlerweile für das Diakonische Werk arbeitet, sein Projekt gestartet. Dabei hat der 46-Jährige "sehr lange Zeit einen weiten Bogen um Instagram gemacht", wie er sagt. Er dachte an "Bilder von geklonten, selbstverliebten und hedonistischen Teenies in immer der gleichen Pose". Bis er auf Seiten stieß, die sich mit Literatur und Geisteswissenschaften beschäftigen: "Ich war sehr überrascht von der Vielfalt."

Seitdem sucht der Hobbykünstler, der auch malt und Comics zeichnet, immer wieder neue Motive und zitiert in Schreibmaschinenschrift Schriftsteller wie Charles Bukowski ("Love breaks my bones and I laugh") und Bands wie Element of Crime ("Ein Dosenfisch stürzt sich lachend ins offene Meer"). Die Bilder von "no.ta.bene" ergeben eine kongeniale Verbindung von digitaler und analoger Kunst. "Ein Zitat, ein Aphorismus oder ein Gedicht fotografiert an der bizarren Schönheit einer verwitterten Klinkermauer zieht mehr Interesse auf sich als der Text in seiner Blöße", sagt Brode, der sich nicht fotografieren lassen will, weil die Texte im Mittelpunkt stehen sollen.

Mit anderen Worten: Die Tristesse einer Großstadt wie Kassel, die nicht als klassische Schönheit gilt, ist vielleicht die bessere Kulisse für ein spannendes Buch als etwa Heidelberg. Brode findet, dass seine Heimatstadt "voll von spannenden Motiven ist. Man muss nur mit offenen Augen durch die Straßen gehen."

Wer seine Zettel allerdings im echten Kassel sucht, wird enttäuscht sein. Seine Bilder sind Momentaufnahmen. Brode macht mehrere Aufnahmen, dann verschwindet das Papier meist im nächsten Mülleimer. Manches ist auch nicht für jeden verständlich. Mitte März war ein Bild an "W." adressiert. Auf dem Zettel unter einer Grünpflanze stand "P.S.: Ich denke an dich in einer Zärtlichkeit, die ich niemals für möglich hielt." Brode hat keine Angst vor großen Gefühlen. Anders als etwa die Street-Art-Künstlerin Barbara, die unter anderem mit Protest-Sprüchen gegen die AfD bekannt wurde, ist er nie politisch.

Bislang ist die Zahl der Follower von "no.ta.bene" noch überschaubar. Dafür schreiben andere Literatur-Fans unter seine Posts Liebeserklärungen wie: "Ich bewundere dein Profil ❤️ Bin auf dich gestoßen, als ich nach coolen Posts mit dem Thema Lesen & Literatur gesucht habe."

Kassel-Skeptiker könnte Brodes Street-Art in Schrift und Bild helfen, die Stadt an der Fulda zu verstehen. Einmal heißt es auf "no.ta.bene": "Mein Gott, Kassel, wie schön ich dich ertragen kann." Und der Satz von Wolf Biermann, den Brode im Waschsalon im Vorderen Westen fotografiert hat, passt ebenfalls perfekt zu Kassel: "Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier."

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