Spende für die Schwester

Institut für Transfusionsmedizin: Erstmals fremde Stammzellen entnommen

Kassel. In Kassel sind erstmals Stammzellen einer Fremdspenderin für eine an Leukämie (Blutkrebs) erkrankte Patientin entnommen worden.

„Am 11. Mai kam der Anruf aus der Charité in Berlin: Eine an Leukämie erkrankte Frau aus Kassel müsse dringend mit fremden Stammzellen transplantiert werden, eine passende Spenderin sei gefunden worden“, sagt Walid Sireis, Leiter des Institut für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie des DRK-Blutspendedienstes.

Spenderin ist die 48-Jährige Martina Bandowski aus Kassel, Schwester der Erkrankten. Im Institut Kassel des DRK Blutspendedienstes sollten die Stammzellen der gesunden Schwester entnommen und nach Berlin geliefert werden. „Es ist ein absoluter Glücksfall“, sagt Sireis. Der Versuch, die Patientin mit eigenen Stammzellen zu therapieren, war gescheitert. Sireis: „Sie konnte auf die Wachstumshormone zwecks einer eigenen, sogenannten autologen Stammzellspende nicht ausreichend gesunde Zellen bilden“, sagt der Transfusionsmediziner.

Im Dezember 2014 war die 52-jährige Kasselerin an Leukämie erkrankt. Die Übertragung von Stammzellen eines gesunden und kompatiblen Fremdspenders blieb als eine der letzten Chancen, die Leukämie erfolgreich zu behandeln. Bei der Suche nach geeigneten Fremdspendern wurde festgestellt, dass die Schwester eine hundertprozentige Übereinstimmung des HLA-Musters aufweist. HLA steht für humane Leukozyten-Antigene. „Die Übereinstimmung in den HLA-Merkmalen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Annahme von fremden Zellen und Organen“, sagt Sireis. Für die Entnahme musste per Eilantrag bei den städtischen Behörden eine Genehmigung beantragt werden, denn bisher sind in Kassel noch keine Stammzellen fremder Spender entnommen worden. Die lag innerhalb von zwei Tagen vor „Das Stammzellpräparat wurde am 2. Juni entnommen und enthielt im Verhältnis eine sehr hohe Zahl an Stammzellen“, sagt Sireis. Martina Bandowski hat auf die Gabe der Wachstumshormone sehr gut reagiert und viele Zellen gebildet. „Ich bin sehr froh, dass ich meiner Schwester auf diese Weise helfen kann“, sagt die 48-Jährige.

Die Transplantation in Berlin fand einen Tag später statt. Nach Rücksprache mit den behandelnden Ärzten geht es der Patientin laut Sireis gut. „Sie hat eine 70-prozentige Chance auf ihre Heilung“, sagt er. Der sehr hohe Zellgehalt des Präparates ermöglichte es sogar, eine „Portion“ tiefgefroren aufzubewahren. Sollte die Patientin in ihrem Leben einen Rückfall erleiden, stünde ein weiteres Transplantat für die Behandlung sofort zur Verfügung. Am Institut für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie des DRK-Blutspendedienstes erfolgen pro Jahr etwa 60 Entnahmen eigener Stammzellen (autologe Entnahmen) für die Transplantationen in der Klinik für Onkologie und Hämatologie des Klinikum Kassel. Jetzt können dort auch jederzeit Stammzellen fremder Spender entnommen werden (allogene Entnahme).

Über 20 Millionen Stammzellenspender

Ob eine Therapie mit körpereigenen oder fremden Stammzellen sinnvoll ist, hängt von der Art der Erkrankung und dem Zustand der Patienten ab. Ist eine Fremdspende notwendig, stehen die Chancen, in der weltweiten Stammzellspenderdatei einen geeigneten Spender zu finden, laut dem Kasseler Transfusionsmediziner Dr. Walid Sireis bei 70 bis 80 Prozent.

Weltweit sind über 20 Millionen fremde Stammzellspender in den miteinander vernetzten Dateien registriert, in Deutschland sind es über fünf Millionen und in der deutschen Stammzellspenderdatei (DSSD) des DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg-Hessen sind über 300.000 Spender erfasst. Je mehr Spender registriert sind, desto höher sind die Chancen, bei Erkrankungen wie Leukämie oder anderen Erkrankungen geeignete Spender zu finden.

Als Stammzellspender kommen gesunde Menschen zwischen dem 18. und 45. Lebensjahr infrage. Vor der Aufnahme in die Spenderdateien werden anhand einer kleinen Blutprobe die HLA-Merkmale bestimmt (Typisierung). Auch bei der großen HNA-Blutspendeaktion vom 11. bis 14. August im Regierungspräsidium Kassel am Steinweg soll das Thema fremde Stammzellspende und Spendertypisierung einen größeren Raum einnehmen.

Unkompliziertes Verfahren

Die Stammzellspende ist ein unkompliziertes technisches Verfahren. Die Spender werden mit beiden Armvenen an einer Maschine angeschlossen, die in der Lage ist, spezielle Zellen aus dem peripheren Blut herauszufiltern und zu sammeln. Die restlichen Bestandteile des Bluts werden in die andere Armvene zurückgegeben. Der Vorgang dauert etwa sechs Stunden, bis zu zwölf Liter Blut durchlaufen die Maschine. Das ist ein kontinuierliches Verfahren. In den Schlauchsystemen der Maschine befindet sich lediglich ein Blutvolumen von etwa 150 Milliliter. Vor, während und nach der Spende werden die Spender von Pflegekräften und Ärzten sorgfältig betreut.

Rubriklistenbild: © dpa

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