Interview: Sexuelle Gewalt gab's schon in der Bibel

Vergewaltigung der Schwester: Dieses Bild des niederländischen Malers Gérard de Lairesse (1641-1711) setzt die alttestamentarische Erzählung von Amnon in Szene.

Kassel. Der Skandal um sexuellen Missbrauch an Kindern hat die katholische Kirche erschüttert. Die Kasseler Theologieprofessorin Ilse Müllner forscht zum Thema sexuelle Gewalt in der Bibel. Sie war erstaunt über die Überraschung, mit der auf die Missbrauchsfälle reagiert wurde.

Frau Prof. Müllner, warum beschäftigen Sie sich als Theologin mit dem Thema sexuelle Gewalt?

Prof. Dr. Ilse Müllner: Während meiner Studienzeit in Wien wurde eine Freundin vergewaltigt, sodass ich sehr nah mit dem Thema in Berührung kam. Zur gleichen Zeit habe ich an einem Seminar über Frauengestalten im Alten Testament teilgenommen. Ich war völlig perplex, als ich dort hörte, dass Tamar, die Tochter von David, von ihrem Bruder vergewaltigt wurde. Sexuelle Gewalt in der Bibel – das war damals neu für mich. Ich beschloss, dazu zu forschen.

Wie genau wird sexuelle Gewalt in der Bibel thematisiert?

Müllner: In den biblischen Erzählungen wird sexuelle Gewalt als Waffe eingesetzt und hängt meist mit politischen Machtkalkülen zusammen. Die Vergewaltigung verletzt nicht nur Tamar, sondern bedeutet einen Angriff auf ihren Vater, König David.

Das ist nicht das einzige Beispiel für sexuelle Gewalt.

Müllner: Keineswegs. Die grausamste Erzählung in der Bibel verknüpft Fremdenfeindlichkeit mit sexueller Gewalt: Die Bewohner einer Stadt in Israel fordern einen Mann auf, seinen levitischen Gast herauszugeben. Sie wollen ihn demütigen, indem sie ihm sexuelle Gewalt antun. Der Gastgeber verweigert dies, schickt aber die Frau seines Gastes hinaus. Sie wird vielfach vergewaltigt und stirbt an den Folgen. Der Vorfall wird zum Auslöser eines Krieges. An dieser Geschichte sieht man: Es geht bei der Ausübung von sexueller Gewalt in der Bibel um Macht.

Warum wird Ihrer Meinung nach dieses Thema in der Bibel behandelt?

Müllner: Der Grund ist ganz einfach: Sexuelle Gewalt wird in der Bibel geschildert, weil sie vorkam – damals wie heute. Moralisch verurteilen die Autoren der Bibel diesen Umgang mit Frauen. Schon damals gab es das Recht der Frau auf sexuelle Selbstbestimmung.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche?

Müllner: Kirche hat eine eigene Art von Sprachlosigkeit. Es gibt in der katholischen Kirche wenig positive Gesprächskultur über Sexualität. Trotzdem ist mir das Thema sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche bereits seit 20 Jahren bekannt. Mich hat daher vor allem die Überraschung erstaunt, mit der auf die Missbrauchsfälle reagiert wurde. Das Ausmaß war natürlich erschreckend, aber die Tatsache als solche war doch bekannt.

Warum sorgt das Thema erst jetzt für so viel Aufsehen?

Müllner: Ich vermute, weil die Opfer Männer sind. Die Jungen von damals sind heute Männer, die über ihre Erlebnisse in der Öffentlichkeit sprechen wollen und können. Ich habe Hochachtung davor. Zu sagen, dass man Opfer war, hat mit Scham zu tun. Und als Mann zum Opfer gemacht zu werden, ist besonders heikel.

Sexuelle Gewalt damals und heute – was hat sich verändert?

Müllner: Nun, die Zahlen haben sich nicht verbessert. Aber das Bewusstsein ist ein anderes. Die Möglichkeit, über sexuelle Gewalt zu sprechen, hat sich verändert – auch wenn noch immer Bedarf für Aufklärung besteht. Ich hoffe, dass der Schock von 2010 präventiv wirkt. Der Schutz einer Institution wurde höher bewertet als das Wohl der anvertrauten Kinder. Das darf nie wieder passieren.

Zur Person

Prof. Dr. Ilse Müllner wurde 1966 in Wien geboren. Nach dem Theologiestudium in Wien und der Promotion in Münster über „Gewalt im Hause Davids“ lehrte sie in Münster und Essen. Seit 2004 lehrt sie als Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie der Universität Kassel. Ilse Müllner ist verheiratet und hat zwei Töchter. (yva)

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