Interview: Andreas Herrmann, Islambeauftragter der evangelischen Kirche

„Jede Religion kann missbraucht werden“

Kassel. Im Haus der Kirche findet am Wochenende eine Tagung zu Christentum und Islam statt, bei der es um das Thema fairer Handel geht. Wir sprachen mit Pfarrer Andreas Herrmann, dem Islambeauftragten der evangelischen Landeskirche, über das Zusammenleben der Religionen.

Bei der Tagung beschäftigen Sie sich mit fairem Handel. Gibt es aktuell nicht dringendere Themen, was das Zusammenleben von Christen und Muslimen betrifft? 

Andreas Herrmann: Nein, eben gerade nicht! Damit wollen wir eine Perspektive für die Zukunft andeuten: dass Christen und Muslime gemeinsam und auf Augenhöhe Themen entdecken, die für die Gesellschaft relevant sind. Auf mittlere Sicht kann es nicht bei der gegenseitigen Beschäftigung miteinander bleiben und den Fragen: Wie ist es bei euch? Wie ist es bei uns? Es sollte dahingehen, dass wir Muslime ernst nehmen und uns mit ihnen für die Gesellschaft, die Umwelt und auch für fairen Handel engagieren. Dieses Zusammenwirken wollen wir mit der Tagung anstoßen.

Hat sich die Stimmung zwischen Christen und Muslimen durch die Pegida-Bewegung, die gegen eine angebliche Islamisierung Deutschlands Stimmung macht, verändert? 

Herrmann: Ja, es hat sich etwas verändert. Aber in die Richtung, dass die demokratiewilligen und liberalen Muslime – und von ihnen gibt es sehr viele in Deutschland – und die dialogwilligen Christen eher zusammenrücken. In den vergangenen Jahren haben wir enorme Fortschritte gemacht und gelernt, damit umzugehen, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind. Bei den meisten Menschen und in den Gemeinden gibt es da eine große Toleranz und Offenheit. Das kann Pegida nicht zerstören. Wichtig ist, dass wir die offenen Fragen miteinander besprechen.

Viele Menschen fragen sich angesichts des Terrors, der im Namen des Islam verübt wird, wie viel das mit dem Koran zu tun hat.

Herrmann: Es ist eine Tatsache, dass es Stellen im Koran gibt, die zur Gewalt aufrufen. Wenn man sich die anguckt, muss man sich klarmachen: Der Koran ist im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel entstanden, als Raubzüge an der Tagesordnung waren. Eine historische Einordnung ist da unumgänglich. Das Gute an den Ereignissen der jüngsten Zeit ist, dass die Muslime selbst eine stärkere Auseinandersetzung mit dieser Seite des Koran fordern. Das ist ein mutmachendes Signal.

Im Alten Testament gibt es ja auch blutrünstige Stellen. Könnte auch die Bibel so missbraucht werden?

Herrmann: Dass Religion Gefahr läuft, missbraucht zu werden, ist kein Problem des Islam allein. Fundamentalisten gibt es in allen Religionen, auch im Christen- und im Judentum. Wenn wir über islamistischen Terror und den Verweis der Gewalttäter auf den Koran reden, muss man das Phänomen auch unter den politischen und sozialen Umständen betrachten. Die politisch unsichere Situation beispielsweise im Irak ist ein Nährboden, auf dem der Islam missbraucht werden kann.

Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit als Islambeauftragter erreichen?

Herrmann: Dass Christen und Muslime sich begegnen, vor Ort kennenlernen und gemeinsam für ein gutes Zusammenleben aktiv werden können. Aktuell mache ich mit Kollegen zum Beispiel eine Fortbildung zum Thema „Religion in der Migrationsgesellschaft“, an der Erzieher, Pfarrer und Sozialarbeiter teilnehmen. Ziel ist es, einen kompetenten Umgang mit Menschen anderen Glaubens zu ermöglichen. Außerdem biete ich Vorträge zum Thema Islam und Christentum an. Viele Menschen wünschen sich gerade in der aktuellen, emotional aufgeladenen Situation Fakten und Grundkenntnisse zum Islam. Ich möchte zur sachlichen Information und Diskussion beitragen.

Von Katja Rudolph

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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